Das Nordkap

Geschlossen! Um neun erst wird es an der Tankstelle Sprit geben. Sprit für drei Maschinen, die alle schon seit gestern Abend auf Reserve laufen. Und gegen die Zeit. Von der bis zur geplanten Ankunftszeit um 14 Uhr nicht mehr genug bleibt, um zwei Stunden neben einer Zapfsäule im norwegischen Nichts zu verplempern. Hier warten hieße: scheitern. Also fahren. Und hoffen. Wie viel noch im Tank? Ein Liter, ein halber, weniger? Und was, wenn die nächste Tanke ebenfalls nicht...?
Sie hat, hat geöffnet, und mit jedem Tropfen Benzin, der aus der Pistole gurgelt, steigt die Zuversicht: Es wird reichen. Ein Muffin noch, Hotdogs, Kaffee, und los. Vorbei an Alta, der Provinzhauptstadt der Samen, über eine weitere, die letzte Hochebene vor dem Nordkap, Sennalandet, auf einer Breite mit Grönland, Alaska, dem Norden Sibiriens. Weit wölbt sich der Himmel über die Landschaft, die Linie des Horizonts keine Gerade mehr, sondern ein Bogen, nach hinten gespannt, das ganze Blickfeld umfassend. In das sich bei Olderfjord das erste Hinweisschild schiebt, den Weg zum Kap genau nach Norden weisend, 130 Kilometer noch. Und, zumindest dem Empfinden nach, mindestens ebenso viele Tunnel.
Immer wieder verschwindet die Straße im Fels, wird geschluckt von einem schwarzen, nasskalten Loch nach dem anderen. Totaler Blindflug. Und Obacht, um Himmels Willen nicht jetzt, sich nicht hier noch in der Finsternis – so kurz vor dem Ziel – aufs Maul legen. Oder eines dieser Viecher mittig scheiteln.
Rentiere. Die dümmsten Tiere der Welt, sagen die Bewohner der Finnmark. Und sie haben Recht. Überall liegen, stehen und
irren sie herum. Bevorzugt allerdings auf der Straße und im
Halbschatten am Eingang der Tunnel. Sind perfekt getarnt mit
ihrem struppigen Sommerpelz in Graubraun, exakt der Ton der Felsen und Steine. Bis einer dieser vermeintlichen Steine sich dann schlagartig in Bewegung setzt. Haken nach links, Haken nach rechts, die dünnen Beine aus der Hüfte schlenkernd, dämlich in die Gegend glotzend, den Kopf nur deshalb am Hals, das Geweih zu tragen.
Also Vorsicht, immer ein Auge auf den Straßenrand, das an-
dere aufs Ziel gerichtet, das Kap zum Greifen nah, die Zeit des
72-Stunden-Limits auslaufend nicht mehr im Minuten-, sondern im Sekundentakt. 13 Uhr: tief unter dem Meer durch den Nordkaptunnel. Noch 50 Kilometer. 13.20 Uhr: vorbei an der Ortschaft Honningsvag. Noch 30 Kilometer. 13.30 Uhr: auf die äußerste Landzunge der Insel Mageroya. Noch zehn Kilometer. 13.40 Uhr: über das letzte Stück Asphalt, aufgeregt, zitternd fast, voller
Vorfreude, voller Euphorie, dem nördlichsten befahrbaren Punkt Europas entgegen.
Noch fünf Kilometer, zwei, einer – bis, endlich, unter stahl-
blauem Himmel, die drei 125er vor diesem schmucklosen Eisenglobus stehen, der auf einem Felsplateau in der Barentssee das Ende des Kontinents markiert. Endlich, nach 2800 Kilometern, nach 71 Stunden und 45 Minuten – gerade mal 15 vor Ablauf
der selbst auferlegten Frist: geschafft! Auf 71 Grad, 10 Minuten und 21 Sekunden nördlicher Breite: am Ziel! Am Nordkap! Vom Startpunkt in Hamburg weiter entfernt als vom Nordpol.
Im riesigen Infocenter – jedes Jahr zieht es 200000 Touristen hierher – erzählt der Leiter Hans Paul von Busladungen bequemer Rentner, die sich für ein Gläschen Sekt unter der Mitternachts-
sonne herankarren lassen, und er erzählt auch von Leuten, die
mit Gabelstaplern anreisen, mit Elektrorollstühlen, von Menschen, die zu Fuß gepilgert kommen oder sich auf dem Fahrrad durch ganz Norwegen gequält haben.
Aber in weniger als 72 Stunden von Deutschland aus auf 125ern? Davon erzählt er nichts. Bis jetzt.
Anzeige

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel