Dempster Highway und Alaska Das ist für Harleys eigentlich nicht geeignet - Eigentlich

The "Last Frontier", so nennen die Amerikaner ihr Alaska. Dort, wo die Zivilisation aufhört und die Wildnis die Kontrolle übernimmt, beginnt eines der letzten Abenteuer auf zwei Rädern. Und das ist für Harleys eigentlich nicht geeignet. Eigentlich.

Foto: Lengwenus

Was ist denn das?“ „Eine Harley-Davidson Soft…“ „Ja, Mann, das sehe ich auch. Aber was macht dieses Stück Schwermetall hier in Eagle Plains?“ „Wir wollen zum Polarkreis.“ „Ihr seid ja verrückt!“ Sollte uns diese Reaktion des freundlichen Tankwarts zu denken geben? Bis hierher, in das Zwei-Häuser-und-eine-Tankstelle-Kaff Eagle Plains in den Weiten des Yukon Territory, war alles ganz einfach. All die Gruselgeschichten von der Unbefahrbarkeit und den Gefahren dieser Strecke hatten sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet. Es war eher eine gemütliche Spazierfahrt über eine wunderbar präparierte Piste, auf deren steiniger Unterlage eine satte Schicht fester, dämpfender Lehm aufgewalzt ist. Es fuhr sich wie auf Asphalt.

 

In das rustikale Pub des Hotels treten drei Typen, die aussehen wie die chinesischen Lehmkrieger aus Xian. Nur die unter der Fangopackung durchschimmernden Farben deuten Motocross-Outfits an. Nachdem auch der Holzboden mit glitschigem Lehm überzogen ist, sagt der eine: „Wir dachten, wir erleben das Abenteuer unseres Lebens auf unseren Enduros. Und jetzt steht da eine Harley vorm Hotel!“ Er schüttelt den Kopf.

 

Die Jungs kommen aus Inuvik, gelegen am Ende dieses berüchtigten Highways. Viele kennen den Ort von der immer und überall gezeigten Reportage über die Ice-Road-Trucker, die im Winter über den vereisten Mackenzie River fahren, weil ihnen der Dempster Highway zu lang, aber auch zu gefährlich ist.

Willie erzählt, dass es alle drei auf der aufgeweichten Piste dermaßen auf die Klappe gehauen hat, dass sie erst gar nicht wussten, was los war. Nicht mal für das Aufheben ihrer leichten Enduros war der Grip ausreichend. Mann und Maschine rutschten auf diesem Schlick einfach immer wieder auseinander.

 

Auweia, das klingt nicht gut für eine Harley. Des Nachts trommelt der Regen an die beschlagenen Fensterscheiben des Hotelzimmers, als wolle er vor dem Aufbruch warnen.

 

Wäre der Top of the World Highway, der Dawson City mit dem Alaska Highway verbindet, nicht abgerutscht und deshalb gesperrt gewesen, niemals wäre ich auf die Idee gekommen, den Dempster zu befahren. Im Leben nicht, ganz ehrlich! Doch was soll man in einem 1500-Seelen-Örtchen wie Dawson drei Tage lang tun? Da muss man ja auf komische Ideen kommen …

 

Am nächsten Morgen wird es ernst. Es regnet immer noch. Der obere Belag des Dempster hat sich völlig aufgelöst. Eine fiese, seifige Schicht überzieht den gesam-ten Highway wie frisch angerührter Zement. Dort, wo sich Wasser sammelt, in den zahllosen Senken, werden Pfützen und Schlamm zu tiefem Morast.

 

450 Kilogramm stehen 2,5 Prozent Grip entgegen. Herrgott, gib mir Kraft! Für die ersten 60 Kilometer vergehen sage und schreibe dreieinhalb Stunden. Wenn wir diesen Schnitt für die verbleibenden 310 Kilometer Piste bis zum nächsten Haus mit Tankstelle nicht steigern können, dann fressen uns heute Nacht die Grizzlys.

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Foto: Lengwenus

Vor einer extrem steilen Abfahrt zieht schlingernd ein 4 x 4-Jeep Wrangler vorbei. Beim Anblick seines dramatischen Schleuderkurses den nächsten ebenso steilen Hang hinauf, wird mir ganz klamm ums Herz. Wie um alles auf der Welt soll man da auf zwei Rädern hochkommen? Es gelingt mit viel Mut und genauso viel Glück, das bei jedem Gasstoß ausbrechende Heck immer wieder einzufangen. Kaum haben wir die Anhöhe erreicht, passiert, was passieren muss: Die Harley bricht zu weit aus, Gegenlenken hilft nicht mehr, sie wirft uns ab - und bleibt erschöpft liegen. Wir auch. Endlich dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ist die Klondike River Lodge erreicht, Zivilisation nach 370 Kilometern Wildnis. Tanken, ausruhen, sich bekreuzigen.

 

Der Klondike Highway lockt mit griffigem, topfebenem Asphalt. Wie herrlich lässt sich mit dieser Softail auf gutem Belag cruisen, wie stabil sie geradeaus läuft, wenn sie darf. Die good vibrations hatten wir fast vergessen.

 

Durch das sanfte Blubbern des Big Twin in eine Art Trance massiert, dringt das vehemente Schlagen auf die linke Schulter erst spät ins Bewusstsein. Aus tiefer Meditation erwacht, sehe ich direkt vor uns eine Elchkuh mit ihrem Jungen formatfüllend die Straße sperren. Die abrupt eingeleitete Vollbremsung ist nicht allein der Tierliebe geschuldet. Markerschütternd kreischt der Hinterradreifen um Vergebung, was zum Glück zur Folge hat, dass sich der kleine Elch in Windeseile in die Büsche verabschiedet. Mutter Elch dagegen ist deutlich träger und starrt uns staunend - und leider auch bewegungslos - entgegen. Eine scheue Mutter und ein neugieriges Kalb wären mir 1000-mal lieber gewesen. Seltsame Gedanken schwirren durch das Großhirn: Wo trifft man jetzt so ein Urviech am besten, damit man eine kleine Chance hat? Während das Kleinhirn aus reinem Überlebensinstinkt Folgendes tut: kurz von den Bremsen, Kurskorrektur auf das Hinterteil und nochmal reingelangt. Wieder legt sich das Gummi akustisch ins Zeug, wie eine abhebende Operndiva. Gleich kracht es noch dazu … Doch Mutter Elch hat ein Einsehen und rennt um ihr Leben und das unsere. Leider aber in die gleiche Richtung wie die Harley und schnurstracks vor uns her. Erst spät, sehr spät, biegt sie ab, nach rechts in den Wald. Um Haaresbreite fahre ich an ihrem Allerwertesten entlang. Ein Eintrag ins Guinnessbuch ist mir gewiss. So nah dran am Hintern einer galoppierenden Elchkuh war sicher noch kein Mensch vor mir. Don’t try this at home.

Dawson ist erreicht. Nach den Erlebnissen des Tages sind wir beinahe so froh, hier anzukommen wie die Goldgräber um 1900. Und diese Stadt der Glücksritter ist dabei ganz die Alte, sich treu geblieben. Selbst die Straßen sind wie früher, frei von Asphalt, die Gehwege darüber aus Holz gebaut. Hier ging es in den Zeiten des Goldrausches sicherlich hoch her, doch heute sieht man dann doch eher zu, dass man weiterkommt.

 

Per Fähre über den Yukon River auf den Top of the World Highway, der wieder befahrbar ist in Richtung Anchorage, Alaska.

 

George, der Besitzer der historischen Outfitter-Station für die Klondike-Region, zeigt mir in seiner Hütte ein Foto: „Siehst du hier die Nebelwolke neben der Eisskulptur hinter dem Motorrad? Ich bin mir sicher, dass das der Geist von meinem Kumpel Henry ist. Der liebte Motorräder.“ Aha, so, so. Tja, die Einsamkeit hier draußen hat es in sich. Da muss man wohl für gemacht sein.

 

Später, von Tok aus, nehmen wir Kurs auf den Denali Highway, eine atemberaubende Piste mit Blick auf den höchsten Berg Nordamerikas, den Mount McKinley. Bei den Ureinwohnern heißt er, ganz pragmatisch, Denali, „der Höchste“.

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Foto: Lengwenus

Mit Unterkünften ist es dort eher schwierig. Das erste Telefonat endet mit einer Absage. War ja klar - es ist Wochen-ende und die Gegend für Wanderer,

 

Angler und Quadfahrer ein wahres Paradies. Der zweite Anruf in der Paxson Lodge hat mehr Erfolg. Auf die Frage, ob noch ein Zimmer frei ist, antwortet der Wirt: „Alle.“ „Können Sie eins für uns reservieren?“ „Nicht nötig, hier will eh keiner übernachten.“ Sollten uns diese Worte zu denken geben? Oder eher die folgenden? „Bitte reservieren Sie trotzdem ein Zimmer auf Dan, the German. Mit wem habe ich gesprochen?“ „Mit Joe, the Coyote!“ 

 

Und es kommt schlimmer, als das jetzt klingt. Diese Herberge sieht genauso aus wie die in Hitchcocks „Psycho“. Nicht nur von außen. Hoffentlich ist das kein Omen. In der schummrigen Bar frage ich den im Gegenlicht der schmierigen Fenster schlecht zu erkennenden Barkeeper: „Bist du Joe, der Coyote?“ „Nein, ich bin Jim, das Wiesel.“ „Hast du Kinder?“, fragt eine vom Schönheits-Gen hintergangene Frau von der Ecke des Tresens. „Ja, 17“, antworte ich, um eventuelle Anwandlungen ihrerseits im Keim zu ersticken.

Es stellt sich schnell heraus: Das Beste an der Lodge sind die Tankstelle und der Einstieg zum Denali Highway direkt vor der Tür. Tags darauf genießen wir bei schönstem Wetter ganz seltene Ausblicke auf „den Höchsten“, denn er zeigt sich unverhüllt. Von den Höhen der Schotterpiste schauen wir auf endlos weite Ebenen. Tief drunten im Tal zieht eine riesige Kariboo-Herde durch eine flache Furt des Susitna River. Ein junges Kariboo bricht kurz vor uns aus den Büschen, gefolgt von zwei Wölfen, die uns vor lauter Jagdeifer fast ins Vorderrad springen. Es ist, als wären wir mitten im Discovery Channel. Hier in Alaska sind wir Menschen nur die Statisten für ein Naturschauspiel ohnegleichen.

 

Nach 4568 Kilometern und 16 spannenden Tagen in Whitehorse beim freundlichen Harley-Händler: „Was ist das denn?“ „Deine Softail!“ „Ja, das sehe ich. Aber wo um Himmels Willen wart ihr denn mit der?“ „Am Polarkreis.“ „Ihr seid ja verrückt!“ 

Foto: Werel

Infos

Alaska und das Yukon Territory versprechen pures Abenteuer. Unvergessliche Erlebnisse abseits der Zivilisation sind garantiert. Besonders der Dempster Highway führt geradezu ins Nichts.

 

Allgemeines: 

Alaska und Yukon bestechen mit schier endlosen Weiten, grandiosen Landschaften und ungezähmter Wildnis. Da die Entfernungen zwischen den vereinzelten Pos-ten der Zivilisation immens sind, ist eine gute Reiseplanung vonnöten, gerade auch im Hinblick auf Unterkünfte und Reichweite des Motorrads. Für den Abstecher nach Eagle Plains ist ein Reservekanister Pflicht. Und obwohl die Straßen oft ewig lang geradeaus gehen, wird es angesichts der fantastischen Panoramen rundherum nie langweilig.

 

Reisezeit: 

Da die Sommer von Mitte Juni bis Mitte August sehr kurz sind, explodiert die Natur in dieser Zeit förmlich. Es ist auch die einzige Zeit, in der Motorradfahren sinnvoll ist, da die Temperaturen dann in der Spitze leicht über 20 Grad liegen können. Wenn die Sonne mal nicht scheint und der Himmel bedeckt ist, dann wird es auch gleich frisch.

 

Flüge: 

Die einzige direkte und damit beste Verbindung zwischen Deutschland und Alaska (von Frankfurt nach Anchorage) bietet derzeit Condor für knapp über 1000 Euro an.

 

Motorräder: 

Eine professionell geführte Vermietung befindet sich in Anchorage. Rentalaska hat neben der robusten und einfach aufgebauten Tourenenduro Kawasaki KLR 650 für 110 US-Dollar am Tag auch alle BMW GS-Modelle anzubieten. Die GS 1200 Adventure bildet die Speerspitze, mit 185 US-Dollar pro Tag auch preislich. Beide Preisangaben gelten für mindestens 14-tägige Mietdauer. Die Motorräder sind in sehr gutem Zustand, der Vermieter holt die Kunden am Flughafen in Anchorage ab und bringt sie zum Abflug wieder hin. Die Anmietung der Motorräder kann auch über das MOTORRAD action team organisiert werden, wenn man lieber einen deutschen Ansprechpartner haben möchte.

 

Reiseveranstalter: 

Das MOTORRAD action team unternimmt mit dem Autor dieses Reiseberichts eine 14-tägige Tour mit Start/Ziel in Anchorage. Auf den Spuren dieser Reise werden alle Highlights angefahren, nur der Dempster Highway ist nicht im Programm, da er sehr schwer zu fahren ist.

 

Der Termin: 

17.7. bis 31.7.12. Der Preis: 6980 Euro inklusive der Kawasaki KLR 650 mit Touring-Paket. Weitere Informationen unter 07 11/1 82 19 77 und im Internet: www.actionteam.de.

 

Literatur: 

Von Mair-Dumont gibt es den kleinen, feinen Reiseführer aus der Reihe Marco Polo „Alaska mit Yukon“ für 9,95 Euro. Auf rund 120 Seiten wird kurz, knapp und kompetent informiert. Vorteil des Büchleins: Es konzentriert sich eigens auf diese beiden Regionen. Karten: Da es in diesen „kalten“ Gegenden nur wenige Straßen gibt, sind ausführliche Straßenkarten gar nicht notwendig. In jedem kostenlosen Reiseführer der verschiedenen Tourist Offices gibt es immer auch Karten der Region bzw. des ganzen Landes, die ganz simpel aufgebaut, aber völlig ausreichend sind. Wer der Vorfreude und Planung wegen detaillierte Infos braucht, der kann seine komplette Tour auch über Google Maps planen. Ansonsten hilft das Internet bei der Suche nach der passenden Karte „Alaska mit Yukon“ oder „Kanadas Westen mit Alaska“.

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