Deutsche Alleenstraße German Classic

Kaum etwas ist so typisch für den deutschen Osten wie die endlosen Alleen, die einst fast jeden Weg begleiteten. Inzwischen wurde eine Baumroute durch ganz Deutschland ausgewiesen. Thomas Quast folgte ihr vom Vogtland bis zur Ostsee.

Als ich die VFR vor einem Café in der Innenstadt von Plauen auf den Seitenständer kippe, denke ich nur noch an eines: heißen Tee. Denn der Weg nach Südsachsen, geplant als lockere Saisonabschiedstour durch herbstlich bunte Alleen, entpuppt sich allmählich als unerwartet frostiger Trip. Dumm gelaufen: Bis auf das Thermo-Jackenfutter liegt das dicke Zeugs zu Hause. Nach der wärmenden Pause müssen wenigstens die viel zu dünnen Sommerstiefel mit groben Wollsocken und Thermosohlen aus einem Plauener Kaufhaus getunt werden. Vor mir liegt die »klassische« Route der Alleenstraße: von Südsachsen bis nach Sellin auf der Ostseeinsel Rügen. Die ersten 200 Kilometer durch Vogtland, Erzgebirge und die Ausläufer der Sächsischen Schweiz führen zwar durch eine tolle, waldige Mittelgebirgslandschaft, entsprechen aber nicht gerade meinem Traum von herbstlich bunten, kilometerlangen Laubtunneln. Statt dessen liegen gefällte Bäume am Straßenrand und finden sich höchstens einmal Pflanzstrecken. Bis die als Allee durchgehen, sitze ich vermutlich längst nicht mehr im Sattel eines Motorrades. Der Ortsname Morgenröte verheißt dann endlich nicht nur Sonne, sondern gleich noch weitere Gestirne: Hier wurde Sigmund Jähn geboren, der erste deutsche Astronaut oder besser Kosmonaut. Wie eine Ausstellung in dem Örtchen dokumentiert, war Jähn in den 70er Jahren - also zu Zeiten der DDR - mit sowjetischen Kollegen im Weltall unterwegs. Bei wem Kosmonautengeschichten keine Kindheitserinnerungen wecken, bei dem leben dafür vielleicht in Seiffen, dem Zentrum des traditionellen erzgebirgischen Holzspielzeug- und Weihnachtsschmuckhandwerks, längst vergangene Zeiten auf. Auch wenn die Strecke nicht mal über die höchsten Höhen des Erzgebirges führt, reichen die überwundenen Höhenmeter doch aus, noch mehr Kälte durch die Handschuhe zu schicken. Schade, dass das Wetter den Genuß der kleinen Straßen und des reizvollen Mittelgebirges etwas schmälert, und so verkneife ich mir bei Dresden auch den eigentlich verlockenden Abstecher in die sächsische Schweiz. Nördlich von Dresden regnet es dann richtig und ich frage im romantisch erleuchteten Jagdschloss Moritzburg nach einem Nachtquartier. Zudem säumen und überdachen hier wirklich alte hohe Bäume die Straßen in und um Moritzburg. Endlich! Unter der heißen Dusche grüble ich, warum die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Alleenstraße die heute durchfahrenen Abschnitte ohne nennenswerten Baumbestand dennoch als Teil der Route ausgewiesen hat. Tage später erfahre ich schließlich vom geschäftsführenden Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Dieter Klaus Franke, dass das Konzept nicht nur vorsehe, auf vorhandene Alleen aufmerksam zu machen und diese zu erhalten, sondern auch alte Bestände zurückzugewinnen oder sogar komplette Neuanpflanzungen zu ermöglichen. Als Zukunftsinvestition, quasi. Über den Anknüpfungspunkt der Allee solle der Reisende außerdem die landschaftlichen und kulturellen Reize der durchfahrenen Region erleben und entdecken. Ganz in der Nähe gibt es am nächsten Morgen tatsächlich was zu entdecken: In Radebeul liegt die »Villa Shatterhand«, das zum Museum avancierte Haus Karl Mays. Inspiriert von den Phantasien des Schriftstellers, sattle ich meine treues rotes »Wundermotorrad«, reibe mit zwei Fingern die Stelle zwischen Spiegel und Verkleidungsscheibe, spreche das Geheimwort und starte mit Schallgeschwindigkeit in Richtung Meißen, der Stadt zwischen der alles überragenden Burg August des Starken und der weltberühmten Porzellanmanufaktur. Nördlich von Meißen führt die Allee am Lauf der Elbe entlang. Gesäumt von steilen Felswänden, Obstgärten und Uferwiesen, auf denen Schafe weiden, die in ihrer Wolle offenbar beneidenswert weniger thermische Probleme haben als ich.Ein ganz anderes Straßenbild bietet sich in Oschatz. Die breite Allee führt einige hundert Meter vorbei an graffiti-übersäten Mauern ehemaliger sowjetischer Kasernen. Hier setzt der Regen wieder ein, und unter den kalten Blicken bunt-technoider Phantasiegestalten verwandele ich mich - zumindest fuß- und handtechnisch - in Latexman. Ein alter Mann kämpft mit seinem Fahrrad gegen Wind und Regen an. Er behilft sich mit Plastiktüten als Regenschutz für die Extremitäten. Bei Pretzsch sind die Alleen endlich so, wie ich sie mir vorgestellt hatte: Knallrote Blätter bedecken üppig die Bäume, bilden bunte Dächer. Leider auch Teppiche auf der Straße, was in Kombination mit Nässe und gelegentlichem Kopfsteinpflaster ein schlüpfriges Vergnügen wird.Nördlich von Wittenberg, wo Martin Luther 1517 seine berühmten 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche schlug, führt ein Serpentinensträßchen zur Burg Rabenstein hinauf. Vor der Burg versinkt ein Jugendzeltlager langsam im Schlamm. Einer der jugendlichen Freiluftfreaks, dem das Regenwasser aus den langen Haaren auf den groben Wollpullover tropft, empfiehlt mir, einfach das Beste aus dem nasskalten Wetter zu machen, und hebt grinsend seinen Teebecher, aus dem es verdächtig scharf und aromatisch duftet. Gute Idee, die ich aber besser auf später verschiebe. Zunächst fahre ich weiter nach Wiesenburg, wo mit gleichnamigem Schloss der zweite Namensgeber für das Dreiburgenland steht, wo ich mich gerade befinde. Vom Turm hat man zwar einen tollen Blick auf die Stadt und die Landschaft des Hohen Fläming, aber ich husche schnell wie die Regenschutz suchenden Eichhörnchen im Schlossgarten in das Restaurant, um meine Hände bald um eine Tasse heiße Schokolade – ohne weiteres Aroma – zu schließen.Die Wärme hält nicht lange vor. Erbarmungslos verkündet das Außenthermometer der VFR die bitter kalte Realität: Die Digitalanzeige blinkt gegen Null. Das Radio im Schlossrestaurant hatte von Schneeregen im Großraum Berlin gesprochen, und tatsächlich bildet sich in den Becken der Brandenburger Havel-Schleusen bereits schaumiges Eis auf dem Wasser. Trotzdem das beste draus machen, erinnere ich mich an den jungen Camper. Romantisch ist es allemal, und ab Brandenburg wird man mit immer üppigeren Alleetunneln belohnt. Jenseits der Baumreihen staksen Pilzesammler mit Körben und dicken Gummistiefeln durchs nasse Laub und Moos von Wäldern und Wiesen. In Linum verlockt die nostalgisch kahl-graue Fassade einer ehemaligen HO-Gaststätte zu einem weiteren Stopp. Ein Fernseher und eine Storchennestattrape – Linum ist berühmt für seine Störche - bilden den einzigen Schmuck im Schankraum. Ein alter Mann lauscht beim Bier der Bundesligaübertragung im Radio, während der wortkarge Wirt heißen Kaffee und Kuchen serviert. Noch ein paar Kilometer Richtung Norden habe ich mir vorgenommen. Es dämmert bereits, und hinter den alten Eichen entlang der Straße steigt Nebel aus den Wiesen. Beim Halt an einem Bahnübergang dringt der Pfiff des herannahenden Zuges gespenstisch aus den grauen Schwaden. Bald ist in Rheinsberg der südliche Rand der Mecklenburger Seenplatte erreicht. In Zechlin finde ich bei dem netten Wirt des »Waldeck« ein Zimmer und die VFR in der Garage die Gesellschaft einer alten Honda CB 750 Four. Am nächsten Tag bricht endlich die Sonne durch und badet das Rheinsberger Schloss in warmem Licht. Leider sind die Biergärten entlang der schönen, buntgefärbten Stadtallee bereits geschlossen. Weiter nördlich glitzern zwischen den dicken und dicht stehenden Bäumen am Straßenrand Teiche, Seen und mit der Müritz gar ein »kleines Meer« - so die Übersetzung des slawischen Namens dieses zweitgrößten deutschen Sees. Ein als Fischverkaufsbude dienender bunter Kutter im Hafen von Röbel scheint beinahe auf die noch 100 Kilometer entfernte Ostsee zu gehören. Von Röbel über Malchow und Malchin durch die Mecklenburgische Seenplatte bis zum Kummerower See - eine Landschaft, die Ehm Welk mitsamt Bewohnern in die »Heiden von Kummerow« so lebhaft beschreibt - geht die Reise durch satte und volle Bilderbuch-Alleen weiter nach Norden. Kein Wunder, dass hier die Idee der Alleenstraße ihren Ausgang nahm. Viele Besucher aus dem Westen empfanden nach der Wende die unberührten Alleen als Reise in ihre Kindheit, als es noch viele solcher Straßen in Deutschland gab, erläutert Dieter Klaus Franke von der Alleenstraßen-AG, und so war schnell die Idee zum Erhalt der prächtigen Straßen geboren. Die Nebenwirkungen solcher Verkehrswege sind indessen nicht zu übersehen: Überall zeugen Kreuze an Bäumen von den Opfern, die die Alleen ständig fordern. Überhöhte Geschwindigkeit auf den meist schmalen Fahrstreifen sind die häufigste Unfallursache. Vor allem für junge, unerfahrene Fahrer werden die Baumreihen oft zur ausweglosen Falle.Ganz im Norden wartet mit der Insel Rügen - erreichbar über den Rügendamm bei Stralsund - noch ein letzter Höhepunkt. Durch alte, teils windschiefe Baumbestände und bisweilen über gröbstes Kopfsteinpflaster cruisen ich entlang des Greifswalder Boddens. Die Sonne scheint durch die Bäume, löst ein unablässiges Licht- und Schattenspiel aus. Bald ist das alte Seebad Sellin erreicht, und durch die von Bäumen und weißen Holzhäusern mit Hotels und Pensionen gesäumte Wilhelmstraße geht es eine letzte Kuppe hinauf zur Steilklippe. Dort führt eine Treppe führt hinab zum Fuß der Klippe und zu der vor kurzem neu errichteten hölzernen Seebrücke, die auf hohen Pfählen in das Meer hinausragt. Unter mir liegt die Ostsee im gleißendem Sonnenlicht. Und der Herbst ist doch noch so, wie ich ihn mir erträumt habe.

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