Deutschland aus dem Bauch heraus Motorrad leben

Vier Tage, 2500 Kilometer, sechs Stationen – mit dem besten Freund quer durch Deutschland. Und dabei nicht nur Kilometer fressen.

Foto: Rolf Henniges
Die Tour war eine Schnapsidee. Oder, sagen wir lieber: Bieridee. Damals, nach einer Kiste Bier in Mattes Garage, zwischen Kettenspray und Motoröl, gab ein Wort das andere. Alle der Jungs hatten irgendwo in der Republik ein kulinarisches Highlight entdeckt und beschworen beim Verrecken ihrer Mühlen, dies sei das wahrlich very best of Germany: der beste Cappuccino in Stuttgart, die beste Bratwurst bei Zella-Mehlis, der beste Rhabarberkuchen in Dangast und so weiter. Und so fort.
Also fort. Denn Matte und ich haben vier Tage frei. Die Tanks der Ducati 999 und der Kawasaki ZX-10R sind voll, die
ersten Gänge in der Verzahnung und das Motoröl vorgewärmt. Wir biegen auf die Straße Richtung Downtown, schlängeln uns durch den Verkehr, durch das gläserne Nichts der Büropaläste. Und halten vor Herberts Café, grauer Stein, drei Scheiben. Hier, im Süden Stuttgarts, wird der beste Cappuccino Deutschlands gebrüht. Sagt Cappu-Rainer. Und der muss es wissen. Der Laden beherbergte einst ein Tattoo-Studio, davor eine Fleischerei: Biedermeier-Interieur, Werbe-Blechtafeln aus den Fünfzigern und Schwarzweißfotos aus der Flowerpower-Zeit umzingeln hippe Mittdreißiger.
Im Zentrum der Coolness: eine eintöpfige Elektra, die das Geheimnis des Cappuccinos wahrt. Sie läuft 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr, liefert Créma zum Dahinschmelzen. Kevin, der Cappu-Schenk, meint lapidar: je feiner die Zutaten, je sorgfältiger der Umgang mit ihnen, desto besser der Geschmack. Kennen wir. Matte kippt ausschließlich Castrol RS nach, tankt mindestens 100 Oktan und putzt seine Duc mit Zahnbürsten von Dr. Best. Die mit dem Schwingkopf. Seine 999 hat 45000 Kilometer runter, ist schaufenstertauglich und rennt wie ein Tier.
Draußen droht eine graue Wolkendecke. Wir ignorieren sie. Packrolle sichern, Visier-Check, Daumen hoch und durchladen.
A81, Heilbronn–Würzburg. Kein Speedlimit. Linke Seite, alles
was geht. Der Wind presst seine Pranken gegen die Helme,
Nackenstarre. Hinter uns vollkommene Leere. Matte ist das sowieso egal. In seinen Rückspiegeln prangt das Herstellerlogo seiner Kombi. Außer seinem Unterarm sieht Matte darin absolut nix. Unser Kumpel Boxer-Bernd hatte das nach einer Probefahrt mit der 999 neulich bemängelt. »Völlig richtig«, meinte Matte. »In Stöckelschuhen kann man auch nicht laufen. Aber sie schau’n irre aus, oder?« Eine Antwort, die Bernd verstand. Er hängt öfters in einer Bar ab, Schummerlicht, geöffnet bis morgens um fünf.
Spritmangel und Landstraßenhunger treiben uns nördlich von Würzburg von der Autobahn. 200 Kilometer liegen hinter uns. An einer Aral-Zapfe treffen wir Jochen, einen Honda SP2-Fahrer. Den Öffnungen seiner Trompeten nach zu urteilen, kennt ihn jeder Beamte im Umkreis von 300 Kilometern. Getankt wird gemeinsam, dann lassen wir ihn ziehen. Donnergrollen, klirrende Fensterscheiben. Unsere Maschinen mit ihren völlig legalen Tüten neben Jochens Honda zu beschleunigen erinnert verdammt an eine männliche Urangst: Man(n) steht vorm Becken auf der Toilette, zwei Grad minus, und der Typ nebenan rollt eine Kobra aus. Das muss nicht sein.
Weiter auf der B19. Münnerstadt, Mellrichstadt, Meiningen, neue Bundesländer. Vor uns ein VW-Transporter mit beredtem Heckaufkleber: »Jeder von uns braucht ein bisschen Freiheit«. Ein bisschen? Wo selbst genug nie genug ist. Die Straßen werden schmaler, die Schilder aufschlussreicher: Gasthof Zum Schotten, Getränkehandel Zorn, Reifenhandel Gebrüder Frickel.
Elbertshausen, 20 Kilometer vor Zella-Mehlis, der Weg ein
zerborstenes Kunstwerk in Grau, links am Steilhang schwarze
Ziegen, gehbehindert, rechts alle Häuser zum Verkauf. Das ändert sich zwischen Zella-Mehlis und Obersdorf. Bester Asphalt, Bombenkurven, gefühlte zwei Grad schräger als Rossi. Hier, inmitten eines Waldstücks, liegt das zweite Ziel der Tour: der Parkplatz neben Kurve Nr. 7.
Edelstahlgrill, Abzugshaube, ein Kiosk im Blockhüttenstil. In Steinwurfweite das Gasthaus Sterngrund. An diesem Ort braten die besten Würste Deutschlands, hat Grill-Günni behauptet. Siegrid Spath, 56, wendet die Dinger und erweist sich als fachkundig: Das ungebrühte Brät – geheime Würzmischung, kein Kuttermittel, also keine Chemie – wird morgens in den Naturdarm gepresst und muss spätestens abends verspeist sein. 1,40 Euro pro Wurst, Brötchen und Senf gibt’s dazu. Geschmeckte 140 Euro – so fühlt sich der Bratriemen im Mund an, ein völlig neues Suchtgefühl. Günni hat Recht: definitiv die beste Bratwurst im Land.
Der Wettergott kennt Erbarmen. Wir erleben den Thüringer Wald auf weit geschwungenen, trockenen Kurven, die man mit 180 km/h nehmen müsste.
Ab Ohrdruf – wer hat dem Ort diesen Namen verpasst? – empfängt uns
unvermutete Weite. Windkraftwerke, Einzelhöfe, Waldfragmente, freie Sicht bis Russland. Dazu ein Himmel, der ausschaut, als hätte man Wolkenreste durchs Sieb gegossen. Zeit für die Nachtrast.
Schweigend hocken wir neben einem Sixpack auf der Bank vor unserer Pension und hängen den Schief- und Schräglagen des Lebens nach. Matte und ich sind Sandkasten-Buddys. Haben gemeinsam Nachbars Briefkasten mit Böllern gesprengt, das Klassenbuch mit den Sechsen vergraben, waren in dasselbe Mädchen verknallt. Unser Schweigen sagt mehr als tausend Worte.
»Manchmal«, meint Matte gedankenverloren, »manchmal wünsche ich mir ein anderes Leben.« »Du musst nur lernen, öfters nein zu sagen«, brumme ich. Die Wirtin kommt heraus: »Noch’n Bier?«
Matte dreht sich zu mir: »Da siehst du, wie schwer das ist.« Blutrot schlägt die Sonne auf den Horizont.
Nächster Morgen, 10.30 Uhr, 120 Kilometer nordwestlich, ehemaliges Zonenrandgebiet bei Heiligenstadt: Die Straßen sind schmal, vernarbt, aufgeplatzt, löchrig, dutzendfach ausgebessert. Aber verdammt kurvig. Die Kawa und ich taumeln. Vor Freude. Oder ist’s der 190er, der die Fuhre durchschüttelt, als würde hinten jemand mit der Brechstange mitlenken? Zwei Stunden später erreichen wir Lauenberg, ein Örtchen zwischen Northeim und Einbeck in Niedersachsen. Hier stellt Ex-Schiffskapitän Heiner Heise, 59, das beste Eis Deutschlands her. Die Eistheke steht in seinem Wohnzimmer, lockt im Hochsommer mit 24 Sorten. 100 hat er in petto. Das Repertoire reicht von Smarties- oder Gummibärcheneis für Gartenzwerge bis zu Gefrorenem mit Rum- oder Eierlikör für Seebären. Ein Konditorrezept, 100 Jahre alt, Geschmacksverstärker tabu. Motorradfahrer, die weniger als fünf Kugeln verspeisen, nimmt Heise gar nicht ernst. Was also bleibt uns übrig?
Vierzehn Kugeln später nähern wir uns dem Harz und seinen Wechselkurven. Ein Liter geschmolzene Milch mit Rosinen, Ananas, Kirschen, Zimt und Ähnlichem schwappt bei jeder Schräglage in meinem Magen. Ich frage mich, wann sich das Gebinde in Butter verwandelt.
Unser nächster Halt liegt in Neuenkirchen bei Zarrentin, 60 Kilometer Luftlinie östlich von Hamburg. Mett-Manni hatte dort vor Jahren mit ein paar simplen Bratkartoffeln mal einen Orgasmus erlebt.
Rein kulinarisch, versteht sich. Hunderte Kilometer für geschnippelte Erdäpfel – wie könnte ich das meiner Mutter verkaufen? Als lohnendes Ziel? Matte sagt immer: Wenn der Weg das Ziel ist, könnte man sich eigentlich in aller Ruhe mit einem Kasten Bier auf die Straße setzen...
Der Harz, Gebirgsperle Norddeutschlands, Kurven massenhaft, serviert auf einem Hügeltablett. Darüber hinaus staatlich anerkannter Austragungsort der Weltmeisterschaft im Spritsparen, Kategorie silberne Opel Vectra. 40 km/h. Wenn’s gut läuft. Doch das tut’s bei denen nie. Unser Motto: keine Gefangenen. Drosselklappe auf, Bremszange zu. So hart, wie’s geht. Bei Bad Harzburg biegen wir auf die A 395 Richtung Braunschweig. Von der ganzen strammen Bremserei
ist die Gepäckrolle arg weit nach vorn gerutscht, mir drückt’s im
Rücken. Was tun? Anhalten, umspannen? Eigentlich müsste der Winddruck doch...
Die A 395 hat viele Vorteile. Und auf 30 Kilometern zwischen Schladen und Wolfenbüttel keine Kurve und praktisch keinen Verkehr... 220 km/h, die Packrolle drückt, Matte klebt im Windschatten... 270, Packrolle an Ort und Stelle, Matte embryonal im roten Kleid und gerade so noch dran, kämpft sichtlich. Durchladen, 290, 299, endlich! Effektives Nacken- und Bizepstraining, kein Druck mehr im Rücken, die 999 nur noch als winziger, flackernder Lichtpunkt in meinem Rückspiegel. Womit die Frage geklärt wäre, wozu man 175 Pferde braucht. Zum Packrolle nach hinten schieben ohne anzuhalten. Muss ich Boxer-Bernd unbedingt erzählen. Der steht auf solche Weisheiten.
Zudem sollte man Boxer eh mal nordwärts schicken. Denn entgegen unseren Alpträumen präsentieren sich Teile der Norddeutschen Tiefebene als optimale Trainingszone, um Brems- und
Beschleunigungspunkte neu zu definieren. Kaum hat uns die Elbfähre bei Neu Darchau ans Ostufer gespuckt, laben sich die Pellen an leckerem Belag. Die B 195 zwischen Neuhaus und Zarrentin offenbart sich als Phänomen. Als Mix aus Beschleunigungsspur und exquisiten, nicht einsehbaren, weit geschwungenen Bögen, teils überdacht von hundertjährigen Eichen. Hartes Anbremsen, Scheitelpunktirrsinn à la Nordschleife, dann stramm aufziehen – Workout für die Reifenflanken. Mein Herz pocht wie unter einem Transporthubschrauber.
Eine Tankung später holpern unsere Räder über Kopfsteinpflaster um den Schalsee. Rosarote Wolken färben das Wasser, in der Ferne eine Ahnung von Meer. Das Ende des Tages wartet im »Gasthaus zum See«, Neuenkirchen. Köchin Sieglinde Schröder, 53, tischt auf, wir kauen, staunen und lauschen dem Mysterium Deutschlands bester Bratkartoffeln. Typ Zilena, handverlesen, keine Zwischenhändler, tags zuvor gepellt, über Nacht geruht, mit frischen Kräutern vermählt und: »Einfach bei Vollgas braten und nicht mehr aus den Augen lassen.« Vollgas, Blickkontakt? Kennen wir von der Rennstrecke. So einfach also ist es... Dazu einen Honigschweinebraten plus Zimmer mit Megafrühstück.
6.10 Uhr, nächster Morgen, breiter Balkon, erster Stock: Das Licht so klar wie eisgekühlter Bommerlunder, die Luft würzig, die Landschaft ungezähmt. Es scheint, als hätten wir in einem Ort mit 27 Einwohnern die Geburtsstätte der Fernsicht entdeckt. In einem Ort, der durch abenteuerliche Straßen mit dem Rest der Welt in Verbindung steht: Pflastersteine, groß wie Motorradhelme, im Wechsel mit Asphaltspuren, maximal drei Meter breit und wellenförmig wie die Bänder der rhythmischen Sportgymnastinnen, eingefasst von breiten Sandrändern. Winzige Ortschaften ohne Gehwege, Zebrastreifen oder gar Ampeln. Zwar sind unsere Heizhobel hier deplatziert wie Fische an Land, doch irgendwie spürst du etwas, von dem du ansonsten allenfalls in einem guten Buch nachlesen kannst.
Uns bleiben noch anderthalb Tage bis zur Rückkehr in traute
Verhältnisse. Norddeutschland rast vorbei. A 24, A1, A 28, A 29. Lübeck, Hamburg, Bremen, Oldenburg, Varel. Nach 360 Kilometern stehen wir mit tickernden Motoren vor dem alten Kurhaus in Dangast. Laut Mattes Schwiegervater soll Familie Tapken dort den besten Rhabarberkuchen Deutschlands darreichen. Vorm Eingang lungert ein Motorradpärchen aus Hannover rum. Silberne Honda Varadero, aufkleberverseucht, blaues Topcase, Übergröße. Fahrer Dieter ist ein blondierter Endfünfziger mit tiefer Stimme und dunkler Sonnenbrille, der irgendwo mal gehört haben muss, dass Männlichkeit sich über den Händedruck definiert. Seine Frau Irene war vor der Abreise erfolgreich bei Douglas... Matte sagt immer: »Frauen tun für ihr Äußeres Dinge, für die jeder Gebrauchtwagenhändler ins Gefängnis kommt...« Die Varaderos touren seit Jahren der Backware wegen nach Dangast. Ein Rhabarberkuchen, von dem Irene felsenfest behauptet, das Rezept stehe auf Seite soundso im Dr. Oetker-Backbuch. »Kann sein«, brummt Matte und schaut der bunt bemalten Lady in die Augen, »die richtige Mischung nützt nichts, wenn die Zutaten nichts taugen.«
Die Zutaten. Genau! Haben wir in den letzten Tagen gelernt. Matte und ich hocken pappsatt am Dangaster Strand. »Dieter, der Blondierte, hat mich auf eine Idee gebracht«, meint Matte. »Lass uns noch einen Stopp bei Heinos Café einlegen und eine von den telegenen Nussecken vertilgen.« Heinos Café? In Bad Münstereifel? Das liegt 400 Kilometer von hier. Und nur bedingt in der Heimflugschneise. Egal.
Zu »Schwarzbraun ist die Haselnuss« serviert ein grau melierter Herr mit geschätzten sieben Dioptrien Heinos Nussecken und Heinos Tomatensuppe. Erstere schmecken eher fettig als nussig, Letztere kommt aller Wahrscheinlichkeit nach aus Heinos Tüte und ist
mit einer Scheibe Graubrot aus Heinos Vorwoche dekoriert. Während des Mahls umschleichen uns in sicherer Entfernung Menschen mit Seitenscheitel, Heino-Fanbrillen und Bügelfalten-Hosen aus dem Versandhandel. Sie tuscheln aufgeregt, grinsen rebellisch und fotografieren die Heimstätte des Brillen-Barden.
Wir zahlen. Schuster, bleib bei deinen Leisten, Sänger bei deinen Noten. Es ist Sonntagmorgen. Die Sonne gleißt, und uns trennen nur noch 450 Kilometer von heimischem Bier und Garage. Da fällt mir ein: Irgendwann hatte Boxer-Bernd mal behauptet, das beste Bier der Republik gäb’s in Andechs...

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