Deutschland–Südfrankreich Ab in den Süden

Jedes Jahr dasselbe: Wenn hier gerade erst die Krokusse blinzeln, locken im Süden schon Sonne und Wärme. Doch wie am besten dorthin und um die Alpen herumkommen?

Foto: Eisenschink

Wieder und wieder forste ich die Wetterberichte durch. Tief Wilma, schwarz und breit wie Sibirien, hockt über Mitteleuropa. Der ganze Westen scheint im Wasser zu versinken. Irgendwas muss doch gehen! Lediglich die Schweiz zeigt ein paar lichte Momente auf dem Regenradar. Aber durch die Schweiz? 25-Euro-Vignette für gerade mal drei Stunden Transit? Grenzkontrollen, Zöllner, die streng in die Helme gucken, eiserne Tempolimits und zahlen mit Franken, die wir nicht haben? Irrationale, aber hartnäckige Widerstände. Wider besseres Wissen fahren Gerhard und ich bei Mulhouse über den Rhein und auf die A 36 nach Besançon. Die Strafe für die Engstirnigkeit folgt auf dem Fuße. Bereits hinter dem Peugeot-Werk bei Belford beginnt es zu schütten. Loue, Ain und Doubs schäumen auf Höchstpegeln, und am Horizont sieht es nicht danach aus, als würde sich das demnächst ändern. Schutzsuchend igle ich mich im CBF-Wohnzimmer ein.

Die erste größere Tour der Saison – stets dasselbe Vabanquespiel. Eigentlich ist das Wetter fast immer zu instabil, um längere Motorradtouren zu planen, doch jede Faser lechzt nach Wärme und Sonne, nach trockenen Straßen und Schräglagen zwischen Mittelmeer und Café au lait. Und jedes Jahr muss die machbare Route neu ermittelt werden. Sensibel austariert zwischen den noch verschneiten Alpenpässen und dem beginnenden Frühling in den Tälern.

Mit allem verfügbaren Wasserdichten und Wärmenden am Leib tasten wir uns in dichten Gischtschleiern auf der Bahn um die Bergketten herum. Rechts Besançon, Dole, Bourg-en-Bresse, links die verhangenen Gipfel des Jura. Irgendwo dazwischen suchen wir den Einstieg. Raus aus der langweiligen Ebene und rein ins Gebirge. Bei Ambérieu wagen wirs. Die N 504 liegt fast schon unter Sonneneinfluss und sieht mit der „Cluse de Hopitaux“ zwischen den Randfelsen des Jura ziemlich gut aus. In Belley stehen bereits die Stühle vor den Cafés, und die Männer heben das erste Feierabendbier in der Bar Central. Ein kleines Chambres dhôtes – französische Variante der mitteleuropäischen Pension – hat noch zwei Betten frei. Die Wirtin lässt es sich nicht nehmen, das Essen noch mal auf den Herd zu schieben und uns in prächtigem Französisch alle Reize der Region zu erläutern. Nach 800 Kilometern Autobahn verglühen die Tipps mehr oder weniger im Tosen der Ohren und verhallen vor bleierner Müdigkeit, dennoch – Madame Christiane scheint ungeheuer nett und um unser Wohl besorgt.

Der nächste Morgen zeigt blaue Stellen am Himmel. Endlich! Zwar nur sporadisch, aber immerhin. Über den Bergkamm geht es nach Aix-les-Bains, malerisch im morgendlichen Gegenlicht vor dem Lac du Bourget und den verschneiten Zacken der Westalpen ausgebreitet. Wir zielen zunächst auf größeren Straßen via Echelles in Richtung Grenoble, doch bald wird die Versuchung zu groß. Jede verräterische Wolkenballung ignorierend, stechen wir bei St. Laurent mitten ins prächtige Massif de la Chartreuse hinein. Und landen sofort im Gorges du Guiers Mort, in dem die winzige D 520 abenteuerlich auf halbhoher Aussichtlage zwischen tosendem Wildbach und den ersten Zweitausendern um steinerne Nadeln und finstere Felsentore turnt. Gerade als der erste Guss losbricht, erreichen wir den Dorfplatz von St.-Pierre. Wir hechten von den Maschinen und zusammen mit zwei bereits triefenden Rennradlern unter das dicht geschlossene Platanendach eines kleinen Cafés. Geschafft!

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Foto: Eisenschink

Hinter Grenoble bleiben wir weiter auf Südkurs und im Dunstkreis der weit aufgestauten Drac, bis schließlich die breite Route Napoléon den letzten Kilometerschub nach Gap verpasst. Die Wolken verdampft, Temperaturen über 20 Grad – wir sind definitiv im Süden angekommen. In der Ferne strahlt der Lac de Serre-Ponçon in geradezu unwirklichem Grün wie ein erster Vorbote der Côte d’Azur, doch die muss noch etwas warten. Kurz vor Barcelonnette und dem winterlich versperrten Einstieg in die mächtige Barriere des Alpenhauptkamms zweigen wir auf eine Nebenstrecke ab. Über den nur fadendünn in der Karte verzeichneten Col d’Allos hangeln wir uns entlang der Westkante des Gebirgszugs weiter, der hier in Nordsüdrichtung verläuft. Zwischen sanftgrünen Weiden beginnend, klettert die Straße in immer kargere Felsregionen, bis sie knapp vor der Schneegrenze eine hübsche Schutzhütte auf der 2247 Meter messenden Passhöhe erreicht. Dahinter sprudelt der Verdon ein Stück talwärts mit, der hier die ersten Meter seines Lebens zurücklegt.

In Colmars folgt ein noch winzigerer Abzweig zum noch kleineren Col de Champs. Wenige Kilometer unterhalb der mächtigen Westalpenpässe Cayolle und Col de la Bonnette, die unter dicken Schneepackungen dämmern. Nun wird es wirklich extrem. Selbst die megahandliche Honda braucht jetzt Körpereinsatz, um die winzigen Kehren des kaum mehr autobreiten Weges noch in sauberem Zug zu packen. Mit jedem Höhenmeter bleiben grüne Viehweiden und Tannenbäume weiter zurück, und eine schroffe, graurote Erosionslandschaft tritt an ihre Stelle. Letzte Schneeflächen schmelzen in der Sonne, Murmeltiere flitzen über die Fahrbahn. Bis auf ihre weithin hallenden Warnpfiffe ist es still. Geradezu surreal und praktisch begrenzungsfrei kringelt sich das frostbeulige Asphaltband über den Berg. Am östlichen Horizont schimmern die weißen Gipfel der Höchsten, rundum die nähergelegenen Zweieinhalbtausender, zwischen denen Champ & Co eigentlich nur die Vorgruppe zu den echten Alpenklassikern bilden. Doch jetzt im Frühjahr kommen sie gerade recht.

Nach einer fast schwerelosen Talfahrt wartet in St.-Martin wie zur Punktlandung in der vorletzten von gefühlten 100 Kehren eine kleine Bar. Exakt im Scheitelpunkt drapiert sie ihre Tische. Drei kurvenaußenseitig, vier innen. In der Innenkurve sitzen neben gusseisernen Blumenkübeln die strickenden Dorffrauen wie im Hockenheimer Motodrom, gegenüber die Männer beim Kartendreschen. „Zwei Kaffee zur Außenschräglage, bitte!“

Ein paar Kilometer, dann wechselt hinter Guillaumes die Perspektive komplett. Nun geht es quasi durch den Fels statt obendrüber. Die flammendrote Daluis-Schlucht trägt die D 902 in einer ganzen Komposition kurzer Tunnels und Felsdurchbrüche mitten durch das weiche Gestein. Hunderte von Metern tiefer tost grün und weiß die Var. Plötzlich weitet sich die Schlucht, und wie aufatmend scheint sich der gequälte Fluss nun zwanzigfach verbreitert in ein riesiges Kiesbett zu ergießen und in unzähligen Armen von der Einzwängung zu erholen. Auch die Felsen öffnen und beruhigen sich, der strahlende Lac de Castillon fängt die Elemente in ruhiger, blauer Weite. Dabei wird er bereits gespeist von einem Gewässer, das kaum 30 Kilometer weiter ein solches Landschaftsfeuerwerk entzündet, wie es in Europa seinesgleichen sucht: dem Verdon. Vom Col d’Allos hat er direkten Südkurs eingeschlagen. Und bis Castellane offensichtlich auch mächtig Kraft, Tempo und Druck aufgebaut. Castellane, malerischer Ort unter alten Platanen, überragt von dem ihn fast erschlagenden Felsen „Le Roc“ und letzte Station vor dem Einstieg zur Verdon-Schlucht. Castellane schafft es, in charmanter Mischung aus Tourismus und Charakterwürde, das wassersportliche Großereignis lässig zu ertragen.

Direkt hinterm Ort geht es los, der Fluss gräbt mehr und mehr, die Felsen türmen sich höher und höher, bunte Kanuten zirkeln in glasklarem Grün da-zwischen. Noch finden sogar Camper am Ufer Platz, doch irgendwann muss selbst die Straße ausweichen und eine weite Außenschleife schlagen, um Höhe zu gewinnen. Bis sie urplötzlich am südlichen Schluchtrand wieder ins Geschehen eingreift. Allerdings nun luftige 450 Meter über dem Wasser. Senkrecht fällt der Blick in die Tiefe, wo der Verdon nur noch als schmal schimmerndes Band erkenn-bar ist, ameisenklein die Kajaks. Auf gut 20 Kilometer Länge hat der Fluss in Jahrmillionen das harte Sedimentgestein durchnagt und sich seinen Weg gebahnt. Wie überirdisch folgt die Straße in maximaler Dramatik on top auf der Corniche Sublime den Windungen der Schlucht. Bis am Westende die Felsen allmählich niedriger werden, weite Serpentinen zum Lac de Croix absteigen. Der finale Paukenschlag des Verdon, bevor er wenige Kilometer später erschöpft in der Durance aufgeht. Was für ein Fluss, was für ein Lebenswerk!

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Foto: Eisenschink

Und schließlich sind alle Sinne von der Provence und ihrer schon fast sommerlichen Wärme erfasst. Umhüllt von ätherischen Düften aus lichten Pinienwäldern, vielfältigen Gewürzen und Kräutern und natürlich – Lavendel. In der Ferne werden bald die ersten Felder aufblühen, violett eingebettet in das graugrüne Gestein und in jene so typische Kargheit dieser Region. Wo jede Ansiedlung oasengleich erscheint. Oasen wie Aups und Salernes, gut 20 Kilometer südlich des Sees und echte Klassiker der Provence. Der Stein der Häuser im selben Graugrün wie die Landschaft, immergrüne Klappläden vor den Fenstern, vergessene Kinderfahrräder und letzte Renault R 4 in den Gassen. Und über allem die Blätterdächer der Platanen, die jeden Dorfplatz in ihren grün flirrenden Schatten tauchen. Plätze, die so umwerfend voll südfranzösischen Lebens stecken, dass man sich, endlich versunken in den wunderbaren Korbstühlen der Cafés, fragt, warum man eigentlich so lange nicht mehr da war. Umbrandet vom Lärm spielender Kinder, kreischender Mofas, einparkender Kleinwagen, brummender Kühltheken und rangierender Lieferwagen. So muss es sein!

Gegen Nachmittag rollen wir widerstrebend weiter in Richtung Mittelmeer. Eigentlich wollen wir nicht. Jeder weiß, dass dort nichts wirklich besser sein wird. Und dennoch – was wäre eine Südfrankreichtour ohne die Côte? Also. Da der ursprüngliche Plan, über das Massif des Maure und St.-Tropez zu fahren, das Zeitbudget zu sprengen droht, zirkeln wir via Draguignan in Richtung Fréjus und St.-Raphaël. Alles wird mit jedem Kilometer enger und dichter, Industrie- und Gewerbeparks, wohin das Auge blickt. Im glühenden Feierabendverkehr quälen wir uns durch. Wer hier ans Meer will, braucht echte Willensstärke. Doch dann wiegen sich die ersten Mastspitzen über den Dächern, noch einmal abbiegen, und schon rollen wir zwischen Sonnenschirmen und Eisdielen auf der Strandpromenade von Fréjus. Tiefblau und unverrückbar schön streckt sich das Meer bis zum Horizont, eingerahmt von flammend roten Felsen und filigranen Sandbuchten, von weißen Takelagen und hölzernen Bootsdecks, von teuren Villen und Andenkenverkäufern davor. Die Côte d'Azur.

Als wir in Cannes eincruisen, glimmen auf der Croisette bereits die ersten Lichter und die Kerzen in den Lokalen, während Scheinwerfer die klassizistisch-weißen Fassaden der mächtigen Traditionshotels fixieren. Vor dem Carlton drängen sich die Fotografen und Nobel-Limos anlässlich eines Mode-Events, am Strand endet das Finale eines Jetski-Wettbewerbs. Alles ist noch ein wenig teurer, ein wenig eleganter als rundum, und die Edelboutiquen von Armani bis Yves-Saint-Laurent residieren Seite an Seite in der ersten Reihe. Erst etwas weiter hinten wird es erschwinglicher und der Trubel volksnäher. Wir finden sogar ein halbwegs bezahlbares Hotel, flanieren in die schönste Bar mit der besten Musik, trinken Pression (Bier vom Fass) für vier Euro und genießen es, einmal die Reisekasse hemmungslos zu verprassen. Als wir lange nach Mitternacht die Segel streichen, pulsiert die Stadt noch immer. Die Côte – wer hätte gedacht, dass sie so viel Spaß macht!

Am nächsten Morgen beginnt die letzte Etappe. Kaum ist beim Verlassen der Stadt Richtung Norden das Meer aus den Rückspiegeln verschwunden, ragen die ersten Berge auf. Jenseits der aus allen Poren duftenden Parfümstadt Grasse beginnen die ersten Ausläufer der Seealpen. Die Luft ist noch kühl, und nur ein paar erste Rennradler trainieren bereits, ansonsten gehören die schmalen Canyons entlang Loup und Vesubie uns allein. Da zweigt er ab, kaum erkennbar hinter Latosque, Klassiker und echte Legende der Seealpen – der Col du Turini. Allwinterlicher Austragungsort der Rallye Monte Carlo, jetzt aber noch in vorsaisonaler Ruhe dämmernd. Gerhard und ich genießen jede einzelne der prominenten Kehren in vollen Zügen, starten das letzte wunderbare Rennen dieser Reise, fegen atemlos über Gipfel und Grate, durch Täler und Schluchten, geben noch einmal alles. Bis uns erst hinter dem Col de Brouis in Saorge das Royatal stoppt. Die dichte Ausflüglerkarawane auf dem Weg gen Küste. Back to earth.

Nur noch wenige Kilometer bis zur italienischen Grenze. Ein letzter Halt in Tende, zwischen staubigen Jeeps und Enduros von den umliegenden Schotterpisten sowie Sportmotorrädern auf dem Weg zum Mittelmeer. Ein letzter Schwatz, ein letzter Kaffee – und 800 Kilometer bis nach Hause. Als der Mond am sternenklaren Himmel aufzieht, ist die Hälfte bereits gepackt. Wer hätte das vor wenigen Tagen gedacht, im Regen von Tief Wilma?

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