Die Hausstrecke: Werner "Mini" Koch Rock 'n' Roll mit Africa Twin

Wenn der Schreibtisch überläuft, ein Termin den anderen jagt und die Luft zum Durchatmen dünn wird, gibt’s für MOTORRAD-Tester Werner »Mini« Koch nur eines: Rauf auf die alte Honda Africa Twin und abtauchen. Ins schwäbische Hinterland zwischen Neckar und Donau zum Beispiel. Dort gehen die Uhren anders, ist die Zeit zuweilen stehen geblieben.

Foto: Gargolov

Raus, nix wie weg. Hurtig den kleinen Rucksack geschnürt, den alten Motocross-Jethelm übergestülpt, rein in die antiquierten Enduro-Lederstiefel und das 20 Liter-Spritfass gefüllt bis zum Rand. Autobahn Richtung München, ver­hasst, aber jetzt der beste, weil schnellste Weg. Nach 30 Kilometern grüßt rechts bereits Burg Teck. Noch ein paar Minuten durchhalten zwischen fetten Trucks und eiligen Vertretern, die auf der linken Spur in ihrer Luxuslimousine mit Vollgas versuchen, heute noch das Geschäft der Geschäfte zu machen.

Ausfahrt Weilheim unter Teck, eine Ampel, ein kurzer Stau. Ufff, geschafft. Die Honda klettert von Hepsisau im flachen, umtriebigen Neckarland den steilen, kurvigen Albtrauf rauf auf die rauen Hügel und nach einer kurzen, düsteren Schlucht der Sonne entgegen. Am Randecker Maar, einem vulkanisch geprägten, kraterähnlichen Kessel mit traumhafter Fernsicht, erst mal innehalten. So viel Zeit muss sein. Außer­dem eine gute Gelegenheit, den Rucksack mit Vesper aus feinem Albkäse und duftendem Bauernbrot aus dem versteckt gelegenen Dorflädle zu füllen. Außenrum blöcken die Lieferanten für den Schafskäse um die Wette.

Blick zurück. Auf der Suche nach kurvigem Geläuf entdeckte die Motorrad-Clique vor gut 30 Jahren die Schwäbische Alb als Alternative zum touristisch überlaufenen Schwarzwald. Allein das karge Verkehrsaufkommen machte früher selbst sonnige Sonntagstouren zum kurven­technischen Leckerbissen. Und das gilt auch noch heute – vorausgesetzt, man weiß wo. Beliebte Ausflugsziele wie Burgen und Schlösser gilt es zu meiden, Bundesstraßen ebenso. Wer aber mit Gespür und Geduld auf der Landkarte sein Revier absteckt, hat auf der Alb die besten Karten. Was natürlich dazu führt, dass die Hausstrecke keiner strengen Richtung folgt, sondern die schönste Landschaft mit den kurvigsten Straßen scheinbar ziellos durchkreuzt. Was den ortsunkundigen Kradfahrer vor eine nicht unerhebliche navigatorische Aufgabe stellt. Doch so ist das nun mal im Leben: Die schönsten Dinge muss man sich erarbeiten. Verfechter der satellitengestützten Reise allerdings können sich die Strecke über www.motorradonline.de/hausstrecke, oder am Ende des Artikels, aufs GPS herunterladen.

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Foto: Gargolov

Das passende Gerät für die Expedition im Kalkstein-Mittelgebirge: meine Africa Twin 650, Typ RD 03, erstes Baujahr, 71000 Kilometer jung und für mich DIE Reisetante schlechthin. Warum? Weil für mich nach dem ersten Vergleichstest mit der BMW R 80 G/S (MOTORRAD Heft 13/1988) feststand: So ein Affen-Twin muss her – früher oder später zumindest. Als beruhigender Ausgleich zu mei­nen brüllenden Rennsemmeln und derben Cross-Geräten genau das richtige ­Vehikel, um die Seele baumeln zu lassen.

Zumal legale und halblegale Schotterpisten auf der Alb keine Seltenheit sind, der fette Tank die komplette Runde abdeckt und die mit reichlich Kurven garnierte Strecke eine Africa Twin nicht aus der Ruhe bringt.

Denn wer glaubt, die Albhochfläche sei tatsächlich ein Fläche, also eben, wird sich wundern. Auf lang gezogenen, buckeligen Kurven segelt die 650er über die Hügelketten, auf deren Kuppen man für einen kurzen Moment einen Blick in weite Ferne erhascht, bevor die Haus­strecke noch einmal tief in die karstigen Täler nach Seeburg abtaucht.

Glucksend gurgelt die Erms unter den hölzernen Brücken in Richtung Neckartal, ich schwinge mich mit der Honda dagegen auf die Höhenzüge bei Münsingen, schlage einen Haken Richtung Osten und lande nach kurvigem Sinkflug durchs Mühltal in Sondernach.

Ein kleiner Flecken im feucht-schattigen Schmiechtal, dem geologisch ursprünglichen Donautal. Eigentlich nichts Besonderes. Oder doch? Was weder bei Wikipedia noch in der offiziellen Dorfchronik vermerkt ist: Die Sondernacher haben einen schweren Stand unter den von Schelklingen eingemeindeten Dörfern. Gibt’s im benachbarten Hütten eine Kirmes oder sonstige Festlichkeiten, müssen die Sondernacher auf der Hut sein. »Freilich kennet d’Sondernacher komme – ko aber halt sei, dass se uff d’Gosch nuff krieget«, prahlt ein halb­starker Mopedfahrer im Gasthof Bären in Hütten. Der eitle Zwist zwischen den Dörfern hat Tradition: Während alle Schelklinger Gemeinden inklusive Hütten grundkatholisch beher­rscht sind, steht in Sondernach nur eine evangelische Kirche. Glaubenskrieg im Jahr 2007 nach Jesus Christus – wer hätt’s gedacht. Aber auf der Alb gehen die Uhren eben anders.

Raus aus dem Feindesland, erklimmt die Africa Twin die Lutherischen Berge, kreuzt auf einem schmalen Asphaltband die Bundesstraße 312 und kurvt über Granheim nach Indelhausen im Lautertal. An sonnigen Wochenenden wird hier geradelt, gepaddelt und gegrillt, dass es nur so raucht. Tübinger, Reutlinger und Stuttgarter Stadtpomeranzen in Hülle und Fülle und nicht weniger Kradfahrer, die das kurvige Tal leider zu oft mit der Nürburgring-Nordschleife verwechseln und sich dabei häufig ins Gebüsch hauen. Weshalb zur Warnung ein Foto aus MOTORRAD als Straßenplakat dient: »Die Straße ist keine Rennstrecke.« Kuriosität am Rande: Der flotte Kawasaki-Fahrer darauf bin ich.

Die Hausstrecke trägt einen über Erbstetten nach Mundingen, um ein paar Kilo­meter weiter in steilem Gefälle nach Lauterach an der Donau zu stürzen. Quiiiietsch. Wer den Blick vom Waldesrand über die Zwiebeltürme von Obermarchtal und das oberschwäbische Land versäumt, ist selber schuld und sollte es nachholen.

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Foto: Gargolov

Am besten auf dem 767 Meter hohen Bussen, der Schwaben heiligem Berg. Der Fußweg zur Wallfahrtskirche St. Johann Baptist lohnt allemal, da bei guter Fernsicht der Blick über den Federsee, die Allgäuer Berge bis zur weiß gezuckerten Alpenkette reicht. Hunger? Hunger! Na dann, ab zum Blank. Über Buchay, Dietelhofen und Datthausen kreuze ich die Donau und lehne in Zwiefaltendorf bei der Brauerei Blank die alte Honda an den Gartenzaun. Feinste schwäbische Küche für Fortgeschrittene. Leider ist das Beste bei Blanks heute tabu: leckeres, natur­trübes Bier aus der eigenen Familien­brauerei. Weshalb eine Übernachtung im Gasthof mit Freunden zum alljährlichen Ritual gehört. Prosit.

Mit einem »Behüt’ Euch Gott« der Wirtsleute zum Abschied entschwinde ich bei Zwiefalten ins enge Tal der gleichnamigen Aach, streife die Wimsener Höhle und hangel mich durch ein paar verflixt enge Kehren über die Dörfer Gauingen, Upfla­mör und Ittenhausen auf kleinsten Pfaden in Richtung Westen nach Inneringen.

Menschenleer, mit kargen, steinigen Böden trifft der Begriff von der rauen Alb hier den Nagel auf den Kopf. Was noch nicht vor allzu langer Zeit dazu führte, dass die Bewohner durch bitteren Frost und Hungersnöte in alle Welt zerstreut ihr Glück suchten. Erst mit der industriellen Ansiedlung vieler Maschinen- und Textilfabriken in den unzähligen Tälern besserten sich die Lebensverhältnisse für die bruddeligen, aber ehrlichen und bodenständigen Älbler.

Wer der Lust an felsigen Schluchten und steinernen Zinnen frönt, kommt ab sofort auf seine Kosten. Über enge Serpentinen trudel ich nach Hettingen, nehme dort Richtung Sigmaringen noch die schönsten Kurvenschwünge entlang der glasklaren Lauchert bis Veringenstadt mit und wechsle über Harthausen, Benzingen und Blättringen ins enge Tal der Schmeie nach Storzingen. Als kleines Seitental des wilden Donaudurchbruchs verkannt, windet sich das frisch asphaltierte Asphaltband Richtung Süden und mündet kurz vor Dietfurth an der Donau. Flussaufwärts geht’s durch felsige Durchbrüche bis Thiergarten. Dort rechts ab nach Stetten am kalten Markt, stellt sich eine kurventechnische Herausforderung erster Güte. Viel Spaß.

Womit die Hausstrecke ihre Wende Richtung Norden nimmt und zielstrebig, aber stets auf kleinen, kurvigen Pfaden zurück zum Ausgangspunkt steuert. Letzter alpiner Höhepunkt: der Abstieg von der Nebelhöhle nach Unterhausen bei Reutlingen auf einem abgelegenen und kaum befahrenen Bergsträßchen.

Ach so, wo die abenteuerlichen Schotterstrecken abgeblieben sind, möchten Sie wissen? Sorry, das verrat’ ich nicht. Doch wer die Landkarte genau unter die Lupe nimmt, ist ganz dicht dran.

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