Die Wüsten der Erde, Teil 3: Sahara Die Wüsten der Erde

Fünf Jahre lang hat Michael Martin an einem Mammutprojekt gearbeitet: Der renommierte Fotograf wollte auf einem Motorrad alle Wüsten der Erde bereisen. Im dritten und letzten Teil seiner Reportage durchquert er das größte aller Trockengebiete von West nach Ost: die Sahara.

Foto: Martin

Wir stehen auf einer mit Muschelschalen übersäten Düne und blicken auf den Atlantischen Ozean hinaus. Auf diesem Sandberg in Mauretanien beginnt für Elke und mich die letzte Etappe unserer Reise durch die Wüsten der Erde: die Durchquerung der Sahara von West nach Ost. Am Ufer des Nils soll unser Projekt schließlich enden. Doch bis dorthin werden wir einige Zeit brauchen, denn die größte aller Wüsten hat kontinentale Ausmaße. Die Sahara ist mehr als 20-mal so groß wie Deutschland, und ihre West-Ost-Ausdehnung beträgt 6000 Kilometer. Luftlinie, versteht sich.

Auf der so genannten „Straße der Hoffnung“ verlassen wir die Küstenstadt Nouakchott in östlicher Richtung, spüren sofort eine Veränderung. Je weiter wir uns vom Atlantik entfernen, desto heißer und trockener wird es. Nach 200 Kilometern herrschen bereits glutofenartige Temperaturen, und Sandstürme sind an der Tagesordnung. Mit großer Würde und Kraft widerstehen die Menschen Bedingungen, die man uneingeschränkt als lebensfeindlich bezeichnen kann. Es gibt hier weder Strom noch ärztliche Versorgung. Und keines der Kinder wird je eine Ausbildung erhalten. Die Straße der Hoffnung verdient ihren Namen nicht.

Kurz darauf fegt der erste Sandsturm übers Land. Die feinen Körner nehmen jegliche Sicht, quälen trotz heruntergeklapptem Visier Haut und Augen. Immer wieder flüchten Elke und ich in einen der Läden am Wegesrand, trinken Unmengen von Wasser, stets umlagert von neugierigen Kindern. Nur der GS scheint der aufgewirbelte Sand nichts auszumachen, unverdrossen saugt sie sich letzte Luftreste zwischen den Körnern hindurch in die Ansaugschläuche.

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Foto: Martin

Über Néma peilen wir Timbuktu in Mali an. Diese Strecke ist nicht nur von Banditen verseucht, sondern auch fahrerisch äußerst anspruchsvoll. Tiefe Fahrspuren im weichen Untergrund, reifenmordende Dornenbüsche und die enorme Hitze machen uns zu schaffen. Wir büßen dafür, dass wir die GS mit Kameras, Wasser und Benzin völlig überladen haben. Glücklicherweise stellen wir keine potenzielle Beute für Wegelagerer dar. Gefragt sind moderne Geländewagen; mit einer BMW R 1150 GS kann hier niemand etwas anfangen.

Am nächsten Morgen kommt der Niger in Sicht, der hier die Südgrenze der Sahara markiert. Pirogen gleiten im ersten Licht Richtung Timbuktu. Dort werden gerade die Brotöfen angeheizt, und die Gläubigen eilen zum Morgengebet in die Djinger Ber Moschee. Das fantastische Gebäude wurde im 14. Jahrhundert vom Mali-Herrscher Kankan Mussa erbaut. Legendär ist seine Reise, die ihn damals von Timbuktu nach Mekka führte – mit einem 60000 Mann starken Gefolge. Allein 500 Sklaven schleppten das Gold, wovon er in Mekka 20000 Goldstücke als Almosen verteilte. Es dauerte zwölf Jahre, bis sich der Weltgoldpreis von diesem Eingriff erholt hatte.

Beim Gang durch die Moschee begegnen uns viele Kinder auf dem Weg in die Koranschule im hinteren Teil des Gebäudes. Seitdem viele staatliche Schulen aus Geldmangel geschlossen wurden, verzeichnen diese sehr strengen, religiösen Erziehungseinrichtungen einen regen Zulauf.

Eine miserable Piste entlang des Nigers führt nach Gao. Per Telefon erkundigen wir uns bei der Deutschen Botschaft nach der Sicherheitslage auf dem weiteren Streckenverlauf in Richtung der Republik Niger. Aufgrund vieler Überfälle sei die Situation weiterhin angespannt, heißt es. Die gleichen Infos erhalten wir von zwei soeben aus der Grenzregion kommenden Busfahrern. In ihrer schäbigen Fuhre haben irgendwie 40 Passagiere Platz gefunden, und auf dem Dachgepäckträger reisen zusätzlich 20 festgebundene Schafe, die nach der langen Fahrt unter der sengenden Sonne kaum noch zu leben scheinen. Man versichert uns, dass ein Eimer Wasser ihnen wieder auf die Beine helfen würde.

An der Grenze halten sich der Zeitaufwand für den Papierkram und die Höhe des Schmiergelds im üblichen Rahmen, bereits nach wenigen Stunden stauben wir in Richtung Agadez. Zwei Tage später erreichen wir den großen Kamelmarkt vor den Toren der uralten und legendären Karawanenstadt. Dort treffen die unterschiedlichsten Völker der Sahara aufeinander. Haussa-Mädchen mit aufregenden Frisuren, arabische Kamelzüchter mit edlen Reittieren, Tuareg, Tubu und Bororo. Wir lassen uns durch das Gewühl treiben, schlendern durch die Stadt und gelangen schließlich zum Markt im Zentrum, wo wir Vorräte für die nächsten Tage kaufen: Tee, Zucker, Spaghetti und Nescafé. Mehr benötigen wir nicht. Und für mehr wäre auch kein Platz auf dem Motorrad.

Früh am nächsten Morgen heißt es den 40 Liter fassenden Tank und einen Blechkanister randvoll mit Benzin zu kippen, dann geht es los. Wir wollen durch das Aïr-Gebirge bis zu dessen östlichen Ausläufern fahren und folgen anfangs dem Qued Zagado, einem gewaltigen Trockenflusstal. Das Gelände erweist sich trotz Karte und GPS als sehr unübersichtlich, und wir geraten aus Versehen in ein völlig versandetes Seitental. Einige hundert Meter weiter hat sich die schwere GS dann bis über die Radnaben nahezu unverrückbar in den weichen Sand gebohrt. Es bleibt keine andere Wahl, als die Maschine mit den Händen wieder freizuschaufeln – kein Vergnügen bei der brütenden Hitze in diesem Tal. Um die Auflagefläche des Reifens zu vergrößern, lasse ich Luft ab. Mit viel Gas schieben, reißen und zerren wir die GS wieder in die richtige Richtung, erarbeiten mühsam Meter für Meter. Eine elendige Plackerei und nirgends fester Grund in Sicht. Ich bin heilfroh über die Keramikkupplung, die vor der Reise montiert wurde.

Irgendwann ist es geschafft, und wenig später durchstreifen wir die Mamorberge von Kogo. Dann ist der östliche Rand des Aïr-Gebirges erreicht. Vor uns erstreckt sich der Arakao, eine gewaltige vulkanische Ringstruktur. Durch eine schmale Öffnung hat der Wind Sand in diese 20 Kilometer weite Arena aus Stein geweht und zu einer riesigen Düne aufgetürmt. Von ihrem Gipfel gelingt mir das Titelbild meines Buches. Über die Oasen Iferounâne und Arlit gelangen wir nach Assamakka, die wegen ihrer dreisten und korrupten Beamten gefürchtete Grenzstation der Republik Niger. Ein paar Meter weiter sitzen der algerische „Douane“ und die „Immigration“. Dort warten bereits Bashir und Omar in einem Geländewagen, die uns in Algerien nicht mehr von der Seite weichen werden.

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