Dolomiten Gipfelstürmer

Wer die erste Möglichkeit für eine Tour durch die Dolomiten nutzt, pendelt je nach Höhenmetern zwischen Frühling und Winter. Dafür ist der Trip so reich an Highlights, dass man den Rest des Jahres davon zehrt.

Foto: Schulze

Steinharte Schultern und schmerzenden Hintern ignorieren, Kilometer fressen und sich wie blöd auf die nächste Raststätte freuen. Wer kennt dieses Spiel nicht: Der Frühling lockt zur ersten Bergtour, doch quälend langsam spult die Autobahn unter den eckig werdenden Reifen ab. Thomas und ich halten die Vorderräder unserer beiden Tiger Kurs Süd, zwei Wochen Südtirol im Visier. Endlich! Der Winter war lang genug.

„Schmeckt’s?“ fragt die Wirtin in Namlos im Allgäu. „Jau, alles bestens!“ Prinzipiell eh egal, wie das Gulasch geraten ist, besser als das erste Bier nach langer Tagesetappe kanns nicht werden. Unsere motivierten Pläne, morgen über Hahntenn- und Timmelsjoch weiterzufahren, werden von der resoluten Dame jedoch eiskalt gestoppt: „Naaa, da geht heuer no nix! Is no ois zua!“ Heißt: Fernpass, Kühtai, Innsbruck.
Von dort kurven wir auf der alten Brennerroute zum Alpenhauptkamm, folgen der Pustertalstraße über lustig geschwungene Bögen, und als Toblach in Sicht rückt, sind die Reifen schon nicht mehr gar so eckig. Toblach alias Dobbiaco eignet sich ganz hervorragend als Basisquartier, um einige Dolomiten-Highlights abzugrasen.
Nummer eins: die Drei Zinnen. Bei frühlingshaften Temperaturen raus aus dem Höhlensteintal und rauf bis zur Grenze der Befahrbarkeit, die jetzt, Ende Mai, bei 2300 Metern über null liegt. Das reicht. Wir parken direkt unter den Bergriesen, stehen auf mehr Eis als Asphalt, schlotternd vor Kälte, dennoch grinsend wie Schneekönige. Geschafft! Trotz verwirrender Hinweise wie „Strada chiuso, zu Deutsch: Straße gesperrt, was angesichts des meterweit offen Gatters nicht ernstnehmbar erschien. Also frästen wir auf teils nur Zentimeter breiten Teerstreifen durchs winterliche Weiß und haben die Drei Zinnen jetzt ganz für uns allein.Auf Die drei Zinnen folgen Dreikreuzpass, Cortina d’Ampezzo und dahinter die Wirklichkeit gewordene Carrerabahn: Passo di Giau mit herrlichem Panoramablick und Passo Falzarego, wo wir uns mit Cappuccino darüber hinwegtrösten, dass die Gipfel-Seilbahn erst in zwei Wochen ihren Betrieb wieder aufnimmt. Sind wohl tatsächlich etwas früh dran dieses Jahr. Dafür herrscht kein nerviger Ausflugsverkehr. Und die Dolos haben’s ja ganzjährig drauf: dieses orangerote Glühen, wenn die untergehende Sonne auf die blanken Felswände trifft... Immer wieder bewegend.
„Großglockner, jetzt scho? Spinnt’s ihr? Des könnt’s vergessen, sagt die Kahnerin, wie wir unsere handfeste, überwiegend gutmütige Pensionswirtin in Toblach heimlich nennen. Schon wieder so eine Hiobsbotschaft. Doch Jammern lässt den Restschnee auch nicht schmelzen. Und mitten in den Dolomiten sollten einem die Ziele nicht ausgehen.
Im nahen Gadertal bringen weite Bögen die Reifen langsam auf Temperatur, bevor wir über atemberaubend enge und steile Serpentinenstapel das 2006 Meter hohe Würzjoch erklimmen. Was für eine Gaudi! Bis zu diesem üblen Rutscher bei der Abfahrt. Mit zittrigen Fingern reduziere ich den Luftdruck am Vorderrad. Dann steuern wir die große Sella-Runde an. Traum eines jeden Motorradfahrers in endlosen Winternächten. Und live noch besser.Corvara Mit Geschätzten 11000 „Biker welcome“-Schildern lassen wir zügig hinter uns und schwingen über den Passo di Campolongo zum südlich gelegenen Passo di Fedaia. Ein Fest für die Sinne. Der Fedaia Stausee auf der Passhöhe ist noch dick zugefroren und hat die unwirkliche Farbe von Wick Blau angenommen. Schnee und Eis ringsum, der Himmel azur und die Luft so klar, dass ich mir beim Anzünden der Zigarette ziemlich schäbig vorkomme.
Von Canazei hoch zum Sellajoch schließen langsam, aber sicher eine Handvoll Großenduros auf. Generös lassen wir sie vorbei, um dann doch diesem peinlich-pubertären Jagdtrieb zu erliegen. Innerlich rechtfertige ich mich, nur die Haftfähigkeit des kritischen Vorderreifens prüfen zu wollen. Aber es bringt riesigen Spaß, sich in Kurven- und Kehrentechnik zu messen.
Anderntags das Kontrastprogramm: Thomas schnürt die Bergstiefel, macht auf Wandervogel, ich mache in Kultur. Erkunde hoch über Bruneck, dem gut 750 Jahre alten Hauptort des Pustertals, eine hübsche, bischöfliche Burg und genieße das Mittelalter-Flair in den pittoresken Altstadtgassen Brunicos. Am nahen Pragser Wildsee, kristallklar und malerisch vom Seekofel-Massiv gerahmt, flanieren verliebte Pärchen. Frühling liegt in der Luft, ein paar Ruderboote auf dem Wasser. Schieres Idyll – bis ich das am Ufer residierende Hotel entdecke: flash! Von hohen Bäumen in tiefe Schatten gehüllt, wirkt der Bau mit seinen gewaltigen Natursteinmauern irgendwie bedrohlich. Genau so habe ich mir immer Stephen Kings „Overlook-Hotel“ aus dem Horrorklassiker „Shining“ vorgestellt. Als die Kahnerin später erzählt, der See markiere in der Südtiroler Sagenwelt die Pforte zur Unterwelt, läuft mir ein angenehm prickelnder Grusel über den Rücken.
Back to life. Über das Sextental, Pieve di Cadore und Castellavazzo ins Valle di Zoldo. Heiß und schwül ist es hier, der Straßenbelag reichlich malade, obendrein herrscht dichter Verkehr. Mehr Schatten und deutlich mehr Höhenmeter sorgen ab Forno di Zoldo endlich für die nötige Abkühlung. Gut so, denn hinter Forno warten die engen, teils schweißtreibenden Kurven zum Passo Duran. Komplett schwindlig gefahren erreichen wir die Passhöhe, und aufregend schräg geht es bis Agordo weiter.
Kurze Erholung in einem Zwischental vor den nächsten Rampen: Passo di Falzarego und Passo di Valparola. Wieder haben wir Straßen und Sonnenuntergang fast exklusiv. Nur vereinzelt summen noch Motorräder vorbei, während die Berge abermals glühen, als gäbe es kein Morgen.
Doch er kommt. Und zwar dick. Beim ersten Kaffee tröpfelt’s, beim zweiten regnet’s. Und nach der herzlichen Verabschiedung von „unserer Kahnerin“ kübelts wie aus Eimern. Nur gut, dass heute nichts weiter ansteht als der Umzug nach Bozen. Während unsere Klamotten 200 Kilometer später in der Dusche abtropfen und die triefnassen Landkarten das Zimmer zupflastern, erkunden wir den Ort und bleiben an einer typischen Dorfkneipe auf dem kopfsteingepflasterten Marktplatz hängen. Jede Menge Fiat und Ape vor der Tür. Da kann man nichts falsch machen.

Auf den Tisch kommen zwei ordentliche Portionen Spaghetti. Die Skat kloppenden Dorfältesten reden ein entfernt an ita-lienisch erinnerndes Kauderwelsch. Thomas fragt verstohlen die Wirtin. „Ach, des sind Krautwelsche. Die red’n ladinisch, sagt sie und verdreht die Augen. Aha! Ladiner also. Knapp vier Prozent der Bevölkerung Südtirols macht die romanische Minderheit heute noch aus. Und obschon seit Jahrhunderten in Norditalien beheimatet, scheint das Miteinander nicht immer im Lot. „Krautwelsche“ ist jedenfalls nicht nett gemeint.
Auf kleinsten Wegen solls anderntags bis zum Gardasee gehen. Am Kalterer See jedoch beginnt schon das Herumgestocher. Immer wieder versuchen uns Schilder auf die Bundesstraße 12 zu zwingen. Bei Mezzolombardo platzt endlich der Knoten, und die winzige 421 führt durch dicht belaubten Wald, rauf und runter, schwungvoll hin und her. Aber Vorsicht: In den Kurven liegt gerne eine Handvoll Rollsplitt.
Am verwaisten Lago di Molveno sind die Cafés allesamt noch vorsaisonal verrammelt, einzig eine trostlose Imbissbude harrt der Kundschaft. Wissend, dass uns am Lago di Garda Besseres erwartet, swingen wir runter in die Sommerfrische. Erobern Torboles erstbestes Eiscafé und genießen das Dolce vita. Tiefblau funkelt der See, vor mir lacht ein kapitaler Amarena-Kirschbecher, daneben eine Horde glucksender Girlies, und an der Hafenmole stehen unsere Mopeds neben Hunderten Rollern und Supersportlern Spalier. Was für ein Tag!
Beim abendlichen Forst, dem süffigen Bier Südtirols, breiten wir die Landkarten aus. Planungsergebnis: über Cavalese zum Passo di Manghen. Der sich als superenges Sträßchen entpuppt, das ewig durch den Wald kurvt, bevor es die Baumgrenze durchstößt und den nassen Asphalt abschüttelt. Der Manghen kennt keinen Luxus: steil rauf, Passhöhe, steil runter. Sein Plateau ist sogar für eine Taverne zu knapp. Auf der Abfahrt verschlafene Weiler wie Scurelle und Castello. Dahinter der Passo del Brocon. Kurze Zigarettenpause, ein paar Fotos, dann weiter. Durchs idyllische Städtchen Fiera di Primiero, das auf meine Merkliste für spätere Alpentouren kommt: die ideale Größe, kleine Pensionen, urige Tavernen, eingebettet in steil aufragende Bergflanken. Genau so, meine ich, muss ein Urlaubsort in den Alpen aussehen.Am Passo di Rolle ist die Harmonie im Eimer. Von hinten donnert eine KTM heran, hautnah prescht der Einzylinder-Pilot vorbei, nimmt – die Fußraste als Hebel nutzend – eine Serpentine mit einem Speed, der uns niederschmettert. „Was war das denn?“ brüllt Thomas fassungslos aus dem Helm. „Keine Ahnung, brülle ich zurück, „der war nicht von dieser Welt.“
Umkehrpunkt unserer letzten Tages-tour ist das Dreiländereck am Reschenpass. Auf dem Rückzug locken die 48 Kehren des Stilfser Jochs zu einem spektakulären Abstecher: gequälter erster und zweiter Gang, schmerzende Kupplungshand. Oben Adrenalin bis in die Haarspitzen und bei der Abfahrt rauchende Bremsen. Am Schloss Juval, Sommerresidenz von Reinhold Messner and family, dürfen die Mopeds abkühlen, während wir uns per Bus zum Messner Mountain Museum shutteln lassen.
Langhaarig, bärtig und immerzu gütig auf seine Hörer herablächelnd, erläutert der Burgführer im Batikhemd die Geschichte des Bauwerks und der aus fernen Ländern stammenden Figuren im Innenhof. Dann gehts ins Allerheiligste: Wir werden durch Bibliothek, Speisesaal, Wohnzimmer und den Vorratskeller der Familie Messner geleitet, vorbei an Marmeladengläsern, die von Reinhold persönlich beschriftet wurden. Je länger die Veranstaltung dauert, umso unverhohlener die Schwärmerei des Führers ob der großartigen Leistungen „Reinis“: für Südtirol, die Tibeter und die Welt. Beseelt trudeln wir heimwärts. Bozen, Brenner, Innsbruck. Zählen die Kilometer bis zur nächsten Raststätte. Und die Tage bis zur nächsten Tour.

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