Drei Tage Portugal In letzter minute

Eigentlich stand an diesem Wochenende jede Menge Gartenarbeit auf dem Plan. Dass in einem Flieger nach Portugal kurz vor knapp zwei Plätze frei sind, konnte ja keiner ahnen.

Foto: Michael Schröder
Das Angebot im Netz ist zu gut, um es sausen zu lassen: zwei Flugtickets nach Faro für je 128 Euro. Abflug gleich morgen früh um sechs, zurück in drei Tagen. Eigentlich kein schlechter Gedanke, spontan für ein langes Wochenende in den Süden
Portugals zu jetten. Irgendwo wird sich an der Algarve sicherlich auch noch ein Mietmotorrad auftreiben lassen. Name, Adresse und Kreditkartennummer eingegeben, ein letzter Mausklick,
und Ticket Nummer eins gehört mir.
Kandidat Nummer zwei: Kollege Gerd Mayer aus der Grafik. Ist sofort Feuer und Flamme. Und Freundin Julia gibt grünes Licht. Bingo. Zehn Minuten später verschwindet das letzte Ticket nach Faro vom Bildschirm. Nach etwa einer halben Stunde – wie hat man eigentlich jemals ohne Internet Reisen planen können?
– sind zwei Mietmotorräder gebucht: eine Harley-Davidson 883 und eine Yamaha XJ 600. Abholung und Abgabe direkt am
Flughafen. Perfekt.
Punkt neun am nächsten Morgen Aufschlag in Faro. Eine
Prise Fahrtwind würde sicherlich die bleierne Müdigkeit vertreiben, doch von den Bikes noch keine Spur. Dafür die erste Lektion in Portugiesisch: Milchkaffee heißt Galao und wird in einem Glas serviert. Nebenbei wächst die Route. Heute Abend das Cabo de São Vicente, der südwestlichste Punkt Europas, morgen dann hoch nach Lissabon. Und zurück quer durch die Serra de Monchique, weil sich in diesem Mini-Gebirge laut Karte die einzigen Kurven Südportugals befinden. Ergäbe entspannte 900 Kilometer.
Neun Uhr dreißig. Ein betagter Transporter hält vor dem Flughafengebäude. »Motorent Algarve«. Das ist unser Mann. Kurz darauf serviert Luis die beiden Motorräder. Die Yamaha mit dunklem Tanküberzug aus Leder und mattschwarz gestrichenen Seitendeckeln. Die hohen Absätze der Sozias hätten ständig den Lack zerkratzt – und Anstreichen käme eben billiger als Austauschen.
Gerd probiert inzwischen die 883er. Über 70000 Kilometer
auf der ramponierten Uhr, ausgelatschtes Federwerk, unendlich langer Bremsweg. Lässt sich alles verschmerzen. Aber musste
eine Sissy-Bar sein?
Unterwegs. Endlich. Auf Faros Strandmeile am Meer entlang. Salzluft, schäumende Wogen, zwei Hand voll Surfer, die im Schatten ihrer VW-Bullis die Kollegen auf dem Wasser beobachten und locker als California-Dream-Boys durchgehen könnten. Die ganz große Freiheit – das Bild ist beneidenswert stimmig.
Unsere Vorstellung von Portugal bekommt dagegen erste
Risse. Unterwegs in Richtung Westen nix als Baustellen. Kilometerweit Kräne, schweres Gerät, halbfertige Hotelkomplexe
zwischen den bereits vorhandenen Mega-Anlagen von TUI und
Co. Überhaupt nicht unser Ding. Erst Carvoeiro versprüht einen letzten Rest Fischerdorf-Romantik. Weiße Häuser rund um einen kleinen Strand in einer geschützten Bucht. Balsam für die Augen.
Portimão, schließlich Lagos. Fahrtechnisch gesehen ist der Fahrspaß bis hierhin voll auf der Strecke geblieben. Die Zuckelei durch das historische Zentrum der Hafenstadt dagegen ein
echtes Highlight. Enge Gassen, reich verzierte Barockfassaden, Kneipe an Kneipe. Weil die Sonne jedoch schon ziemlich tief steht, preschen wir weiter, biegen in Vila de Bispo links ab, bis die staubig-braune Ödnis, fünf Kilometer hinter Sagres, abrupt am Meer endet: Im äußersten Südwesten präsentiert sich Portugals Gegenstück zum Nordkap zwar ohne Glanz und Gloria, dafür aber mit brachialer Naturgewalt. Einzig ein über 150 Jahre alter Leuchtturm und ein paar fest verankerte Verkaufstände für Andenken trotzen den heftigen Sturmböen, während am Fuß der 75 Meter hohen Klippen mächtige Brecher zerschellen. An manchen Tagen soll
die Gischt sogar bis ganz nach oben steigen. Tja, und dann wäre da noch die Sache mit dem Sonnenuntergang. Glaubt man den Postkarten, findet hier allabendlich ein Feuerwerk statt. Doch
inzwischen können auch wir die aufziehende Schlechtwetterfront nicht mehr schönreden. Vorzeitiger Rückzug nach Sagres.
Was für ein verschlafenes Nest! Und dennoch ein durchaus sympathischer Treffpunkt für Aussteiger, Surfer und Reisende in allen Arten von Wohnmobilen. Wir peilen das erstbeste Hotel an, stehen in der Rezeption vom »Dom Henrique« Vera gegenüber. Gerd nuschelt etwas von »sieht aus wie Cameron Diaz«, ich kann nur nicken. Ob wir die Zimmer sehen wollten? Wir würden im Stall schlafen, um irgendwie in der Nähe zu bleiben.
Dunkles Grau über dem Meer, die ersten Regentropfen während des Frühstücks, der erste Schauer überhaupt seit Monaten, heißt es im Hotel. Passiert mir in letzter Zeit ständig, egal wo
ich bin. Nun gut. Das Frühstück wäre ohnehin länger ausgefallen. Weil wir mit Matthias ins Quatschen geraten, der vor hat, an diesem Ende der Welt geführte Rollertouren anzubieten. Sein Fuhrpark fiel uns bereits gestern auf: fünf blitzsaubere Vespa-Scooter und ein imposanter 1982er Chevy-Pickup. Ob er uns ein Stück begleiten könne? Si, claro.
Grober Kurs Lissabon. Kalter Fahrtwind, ein bleischwerer Himmel. Mehr als ärgerlich, weil wir vermutlich eine der spekta-
kulärsten Küstenstraßen Südeuropas unter den Rädern haben, seit wir kurz vor Carrapateira von der Hauptstrecke links in die Botanik abgebogen sind. Der schmale, von Ginster und Algarven gesäumte Weg mutiert zu einer festen Piste am Rand der 40
bis 50 Meter hohen Klippen, spitze Felsennadeln ragen aus dem
aufgewühlten Atlantik, und immer wieder tauchen traumhaft schöne Badebuchten auf.
Kurz vor Aljezur ein weiteres Mal links abgebogen, weist
Matthias auf ein paar Serpentinen hin und am Ende der Straße
in Arrifana auf ein Restaurant, das Schwindel erregend hoch über
dem Meer hängt. Der Blick würde garantiert bis Amerika reichen.
Wir diskutieren, ob es sich bei dieser grauen Brühe da draußen überhaupt noch lohnt, weiter bis ins 300 Kilometer entfernte
Lissabon zu fahren. Doch der Plan steht nun einmal. Matthias kehrt angesichts des Unwetters um.
Portugals Hauptstadt im Sinn und die Straße fest im Visier – wir lassen die beiden Karren laufen. Irgendwo in den Bergen
zwischen Odemira und São Luís schwindet dennoch allmählich die Lust am Reisen, in Cercal fällt am frühen Nachmittag endgültig der Hammer – es gießt in Strömen. Zwei zugige Hinterhof-Einzelzimmer im Hundehüttenformat plus Klo und Dusche auf dem Gang, mehr ist in diesem Kaff nicht aufzutreiben. Adios,
Lissabon. Immerhin hängt in Gerds Verschlag ein Heizlüfter an der Wand. Vermutlich wären wir sonst erfroren.
Hier und da ein blauer Fleck am Himmel. Tag drei beginnt hoffnungsvoll. Wir pfeilen über dieselbe Strecke zurück, entscheiden uns noch einmal für diese geniale Panoramatrasse
bei Carrapateira. Türkisfarbenes Wasser, heller Fels, Sand
wie Puderzucker – na bitte, genauso wie auf den Postkarten. Kaum zu glauben, was ein bisschen Licht ausmacht.
Ein paar Stunden Zeit bleiben uns noch. Und die Serra de Monchique. Erhebt sich praktisch in direkter Luftlinie zwischen uns und Faro. Zum Finale endlich ein paar richtige Kurven, das wär’ noch was. Tatsächlich geht’s in weiten Bögen zuerst durch eine fast schon subtropisch anmutende Hügellandschaft, dann bietet die steile Trasse, die auf den 902 Meter hohen Foja führt, nahezu alpine Impressionen. Zumindest für ein kurzes Stück. Schnell ein Galao im urigen Monchique, dann Aufbruch nach Faro. Ein weiteres Mal nett Essen gehen, vielleicht durch ein
paar Kneipen ziehen. Schlafen lohnt eh kaum – der Flieger geht morgen früh um acht.
Es kommt alles ganz anders: Schon mal was vom »Moto Club Faro« gehört? Extrem gastfreundliche Biker. Haben Gerd und mich während der Suche nach einem Hotel quasi von der Straße aufgelesen und in ihr schwer eingezäuntes Clubhaus eskortiert. Mag sein, dass es an unseren optisch leicht ergrauten Motorrädern lag, die gut zum Rest der allesamt in Schwarz gehaltenen Fuhren passen. Auf jeden Fall erklärt uns der Präsident zu Ehrengästen – von nun an wacht ein weißhaariger Kerl mit der Statur eines Gorillas über uns.
In der Hütte hämmern aus riesigen Boxen klassische Bikerhymnen, und langsam wird es gemütlich. Vielleicht 60 harte
Burschen, die meisten garantiert über 40 und – logo – im Einheitslook: schwere Boots, Bomberjacke, Kutte (»live to ride – ride to live«), dunkle Sonnenbrillen. Und alle furchtbar nett zueinander. Wir haben freie Wahl an der gut sortierten Bar. Und dürfen schließlich an einer langen, üppig eingedeckten Tafel neben dem Präsidenten Platz nehmen, der wie ein alternder indianischer Krieger aussieht. Dass wir am Kiosk gegenüber schnell noch
eine Flasche Whiskey besorgt haben (O-Ton Gerd: »Man kommt doch nicht mit leeren Händen«) gefällt. So nimmt der Abend
seinen Lauf. Wie wir es knapp nach Sonnenaufgang zum Flughafen geschafft haben? Schwer zu sagen. Rein optisch gehen
wir dagegen fast schon als Member des »Moto Club Faro« durch. Unrasiert, Sonnenbrille, schwarze T-Shirts mit dem Club-Logo
am Leib. Daheim hätte ich jetzt garantiert Muskelkater von der
Gartenarbeit – so gesehen waren die 128 Euro für das Ticket eine überaus gute Investition.

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