Eifel Jenseits von Adenau

Breitscheid und Fuchsröhre, Karussell und Schwedenkreuz - die Orte und die Namen der berühmten, rund 20 Kilometer langen Nordschleife sind zumindest rennsportinteressierten Motorradfahrern ein Begriff. Doch die Eifel bietet mehr als nur den Nürburgring

Schlangenartig windet sich das Asphaltband unter der Moto Guzzi - nicht gerade die Domäne der 1100 Sport mit ihrem ellenlangen Radstand. Doch auch sie darf ihre Talente ausleben, denn das Geschlängel wird von langen, schnellen Geraden unterbrochen. Dann folgen Serpentinen und Ortsdurchfahrten - Moment mal: Ortsdurchfahrten auf dem Nürburgring? Natürlich nicht. Aber der ständige Kurvenwechsel und das Auf und Ab der Straßen in der Eifel vermittelt viel von dem, was den Reiz der legendären Nordschleife, der längsten permanenten Rennstrecke der Welt, ausmacht.Daß die Nordschleife einen so abwechslungsreichen Streckenverlauf vorzuweisen hat, kommt nicht von ungefähr. Der Ring sollte bereits von den ersten Planungen im Jahr 1925 an mehr sein als »nur« eine Rennstrecke. Er wurde nämlich als die »Erste Deutsche Gebirgs-Renn- und Prüfungsstrecke im Kreis Adenau« bezeichnet, eine Art Freiluftlabor für die Fahrzeugindustrie. Heute würde man so etwas als ein Simulationsprogramm für Straßenverhältnisse, wie sie auch im Alltag auftreten, bezeichnen. Doch es wäre Verschwendung, sich bei einem Besuch des Nürburgrings einzig auf diese, wenn auch gelungene Nachahmung zu beschränken, wo das Original vor der Haustür liegt.Südlich von Adenau führt eine Serpentine gleich hinter Breitscheid links den Berg hinauf Richtung Kaltenborn und Hohe Acht. Der Stummellenker und die weit vorgebeugte Körperhaltung, die die Guzzi von einem fordert, sind für diesen steilen Anstieg ideal. Oben erwartet einen noch Asphalt, wie man ihn hauptsächlich von südlichen Ländern her kennt: verworfen, rissig, geflickt, wellig. Ungerührt fährt die 1100er drüber hinweg. Die Straße überquert nach vielen Kurven den Bergrücken unterhalb der Hohen Acht, senkt sich wieder ins Tal, wo sie sich dem Lauf eines malerischen Baches anschmiegt. Zum Glück ist der Abstieg recht flach. Der Handstand auf den Lenkerstummeln hält sich noch in Grenzen.Durch Siebenbach, Lengenfeld und Mayen stößt der Weg nahe Mendig auf den Laacher See. Der verschlafene Eindruck des Gewässers täuscht einen. Unter der Eifel brodelt ein Vulkan: Eine Blase, gefüllt mit über 1000 Grad Celsius heißem Magma, das an dieser Stelle bis ganz dicht unter die Erdoberfläche aufsteigen konnte. Und hier, beim heutigen Kloster Maria Laach, waren vor rund 11 000 Jahren die Schmelzwassermassen der letzten Eiszeit in die Magmablase gesickert und hatten den unterirdischen Dom in einen gigantischen Dampfkessel verwandelt. Die folgende Explosion riß die Eifel mit der Gewalt von Atombomben auseinander.Die Tuffhügel, die die Eifel zwischen Bad Breisig und Koblenz zum Rhein hin begrenzen - und die die geschäftstüchtige Eifeler Baustoff-Industrie wohl bald bis auf den letzten Krümel abgebaggert und in Thermo-Ziegel und Pflastersteine verbacken hat -, enthielten ursprünglich mehrere Kubikkilometer Vulkanasche aus dieser Eruption. Es ist schon beeindruckend, wie nah Hölle und Himmel beieinander liegen können, wenn man heute in anderthalb Stunden den ehemaligen Sprengkrater, jenen stillen Laacher See, umwandert und im offenen Kreuzgang der nahen Klosterkirche Maria Laach dem Flugspiel der Schwalben zusieht.So schroff sich die Mosel im Süden des Basaltriegels und der andere große Eifel-Fluß, die Ahr im Nordosten, auch in die Erdoberfläche hineingefressen haben: Mittendrin ist dieses Gebiet nur sanft gewellt. Im zentralen Teil erinnert die Landschaft fast an ein Hochplateau. Die Kuppen sind grasbewachsen oder werden von Feldern bedeckt. Der Wald jedoch schmiegt sich in die peripheren Senken und Taleinschnitte. Mit Grund: Die Eifel stemmt dem aus Nordwesten, vom Atlantik gegen Europa ziehenden Wetter den ersten Höhenzug entgegen. Und was noch vor dem Gasthof im Tal ein sonniger, warmer Frühsommertag zu werden versprach, entpuppt sich auf der ersten Hügelkuppe oft als zugiger Spätfrühling, der einem trotz strahlendem Sonnenschein die Wärme aus der Lederkombi bläst.Also schnell wieder hinab ins nächste Tal. Die Guzzi, das »Ding vom Ring«, fährt sich - nach dem ersten Eingewöhnen - ganz ausgezeichnet. Der Spitzname für die sportlichen Guzzi stammt noch vom Moorradjournalisten »Klacks« - Ernst Leverkus. Als Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre die ersten leistungsstarken Motorräder in Deutschland auftauchten, waren gute Fahrwerke und Bremsen lange noch nicht selbstverständlich. Deshalb wurden die Maschinen zum Test auf dem Nürburgring durch sämtliche Gangarten gejagt. Eine Vorgängerin der Guzzi 1100 Sport, die Le Mans I von 1971, hatte sich damals auf dem Ring für lange Jahre als Referenzklasse im Fahrwerkbau etabliert und sich diesen Spitznamen eingefangen.Mühelos schiebt das starke V2-Herz die gelbe Italienerin wieder den nächsten Hang hinauf. Die gewundenen An- und Abstiege gehören Motorradfahrern unter der Woche fast allein. An den Wochenden jedoch schlägt hier der Wander- und Kaffee-Tourismus aus den nahen Rhein-Ruhr-Ballungsgebieten und den Benelux-Ländern gnadenlos zu. Busse und Wohnwagengespanne, Wanderer und Fahrrad-Touristen allenthalben. Doch es gibt zum Glück auch die ruhige, die stille Eifel. Und der beste Weg, diese Eifel kennenzulernen, kann gar nicht gelb und dünn genug in der Karte eingetragen sein.So ein Weg führt nach Monreal, südwestlich von Mayen, auf dem Wege nach Daun. Das dumpfe Dröhnen des Zweizylinders erstirbt und weicht dem beschaulichen Murmeln eines Stauwehrs. Im Städtchen, eingezwängt ins Elzbach-Tal, verfallen Liebhaber von Fachwerkkunst und Kopfsteinpflaster geradezu in einen Rausch. Von Monreal aus folgt die Guzzi der gewundenen Landstraße, immer am Lauf des Elzbachs entlang, in Richtung Daun. 60 Kilometer südwestlich des Laacher Sees dann wieder kreisrunde Öffnungen, die die Erde durchbrechen. Auch hier war«s der Vulkanismus. Doch die etwa 10 000 Jahre alten Maare sind kaum mehr als geologische Bäuerchen verglichen mit der einstigen Dampfexplosion am Laacher See. Fünf Kilometer südlich von Daun fließt heute nicht mehr Lava, sondern 1200 Grad heiße Bronze. In Brockscheid siedelt die Eifeler Glockengießerei Mark. Wenn hier im vierwöchigen Rhythmus das glühende Metall zur Ehre Gottes in Formen aus Ton und Pferdemist rinnt, ist das jedesmal ein Sieg jahrhundertealter Erfahrung über die reine Wissenschaft. Denn warum die Glocken der Eifeler Meistern eine so große Bandbreite an Tönen hervorbringen, widersetzt sich bis heute der mathematisch-analytischen Berechnung.Doch genug gestaunt. Weiter geht es auf der Straße in Richtung Kyllburg. Auf der Höhe von Manderscheid zweigt ein Sträßchen ins malerische Kyll-Tal ab. Die nächsten 40 Kilometer über Gerolstein bis nach Prüm gehören allein der Kurvenfahrt in dem flachen Flußtal. Das Zentrum Prüms prägt der »Eifeldom«, die Basilika des Benediktinerklosters. Der ab 1721 errichtete, barocke »Neubau« geht auf eine Kirche zurück, zu deren Einweihung im Jahr 799 sogar Kaiser Karl der Große und Pabst Leo III den Weg in die winterskalte Schnee-Eifel - die Schneifel - fanden. Ein Tip, um unangenehme Überraschungen zu vermeiden: Der Spritzschutz am Hinterrad sollte nicht fehlen. Speziell im Frühjahr sind die Prümer Verkehrsstreifen nämlich päpstlicher als der Papst. Vorbeugung kann hier etliche Mark Ablaßgebühren sparen.Um ins sehenswerte Städtchen Monschau in der nördlichen Eifel zu gelangen, bieten sich mehrere reizvolle Routen an. Ein Weg führt im Prümtal entlang Richtung Ormont, um über den Kronenberger See die Richtung Hellental, Schleiden und Monschau einzuschlagen. Doch es gibt auch in nordwestlicher Richtung empfehlenswerte Strecken. Nur muß man die suchen, denn die wildromantische Belgische Eifel, die zehn Kilometer weiter hinter der Grenze beginnt und bald in das Hochmoor des Hohen Venn übergeht, ist wenig erschlossen. Die Straße von Prüm über Herscheid ins belgische Schönberg ist aber einen Abstecher wert. An der dortigen T-Einmündung läßt der Weg die Wahl über Sankt Vith, Ambleve, Bullangé und Bütgenbach und die Venn- und Seen-Route Richtung Monschau, oder rechts durch das Our-Tal nach Hellental/Schleiden.Fürs Eifelstädtchen selbst braucht man einige Stunden Zeit. Autofahrer allerdings noch etwas länger, denn Parkplätze in der Altstadt gibt«s nur für Motorräder. Der wunderschön restaurierte, im engen Rur-Tal gelegene alte Ortskern quillt über von Fachwerkhäusern, Stuckputten, Restaurants, Straßencafés - und an Wochenenden auch von Touristen. Schon allein deshalb ist es angeraten, den Besuch auf einen Freitag oder Montag zu legen. Noch vielmehr jedoch wegen der nächsten 40 Kilometer rund um den Rursee. Kaum aus der Monschauer Klamm heraus, beginnt nämlich eine Traumstraße, die aber leider an Wochenenden und Feiertagen für Motorradfahrer gesperrt ist. Von Imgenbroich hinunter nach Einrur am Rursee, dann über Rurberg und Steckenborn hinauf Richtung Nideggen, und von dort wieder zurück ins Tal nach Heimbach - eine solche Kombination von Strecke, Kurven und Aussicht findet sich eigentlich nur in den Alpen wieder. Man möchte gar nicht aufhören, hier herumzukurven.Die schönste Verbindung zwischen zwei Kurven bleibt eben eine Kurve - auch in der Eifel. Von Heimbach aus Richtung Gemünd führen schließlich noch mehr Traum-Serpentinen den Berg hinauf. Auf halber Höhe rechterhand unterbrechen sehenswerte weiße Barock-Gebäude schon wieder den Rhythmus. Direkt am Weg liegt zudem das Pilgerkloster Mariawald, dessen Kantine berühmt ist für seinen Erbseneintopf. Aber Finger weg von dem Trappistenbier zur Suppe: Das von Mönchen gebraute Starkbier hat mehr Umdrehungen als mancher Wein. Gegen ein paar Flaschen im Tankrucksack, für den Abend nach der Tour, hat der Heilige Christophorus aber sicher nichts einzuwenden.Die nächsten 30 Kilometer der Eifel-Rundfahrt begleiten Zeugen aus 30 000 Jahren Menschheitsgeschichte. Von Gemünd über Kall und Kallmuth ziehen immer schmalere Straßen ostwärts nach Weyer. Dicht an der Strecke liegt die beeindruckende Kakus-Tropfsteinhöhle. Hier haben sich einst Höhlenbär und Neandertaler auf die Bärenhaut gelegt. In nächster Nähe, bei Kallmuth und Vussem, zeugen Reste eines Aquädukts von der Baukunst der alten Römer. Und von hier aus startet die Guzzi über Bad Münstereifel in Richtung Bad Neuenahr/Ahrweiler wieder direkt ins 21. Jahrhundert: In einem Talkessel bei Effelsberg ragt die riesige Parabolantenne eines Radio-Teleskops empor - wie ein großes, bewegliches Weltraum-Ohr in die Unendlichkeit. Da schweigt sogar die Guzzi voller Ehrfurcht - und weil der Aussichtspunkt nur über eine Treppe zu erreichen ist.Die durch Effelsberg führende Straße gelangt in ansehnlichen Serpentinen nach Altenahr, um dort nach rechts zurück auf die B 257 nach Adenau abzubiegen. Das »Ding vom Ring« hat seine Runde in der Eifel mit Bravour bestanden. Kein Wunder, denn wer eine Vorgängerin wie die Le Mans I hat, die sich auf der »Ersten Deutschen Gebirgs-, Renn- und Prüfungsstrecke im Kreis Adenau« bereits bewährte, braucht auf dem Vorbild der Rennstrecke - nämlich den echten Eifelstraßen - keine Probleme zu fürchten. Außer denen, nicht richtig zum Fahren zu kommen. Denn selbst wenn die Strecke und das Höhenrelief des Rings die Eifelstraßen auch ziemlich genau nachahmen: Die vielen Fachwerkhäuser und die Glockengießereien, die Bau-Denkmale, die Serpentinen und die romantischen Ortsdurchfahrten der Original-Eifel haben die Streckenbauer beim Nürburgring doch weggelassen. Sonst wäre die Moto Guzzi Le Mans I 1971 auf dem Ring nie zum Mythos geworden, denn »Klacks« hätte vor lauter Bummeln, Schauen und Staunen nämlich keine vernünftige Rundenzeit geschafft.

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