Elba (2)

Foto: Schröder
Kilometer 890. Piombino. Wäre da nicht der Hafen für die Fähren nach Elba – kein Mensch würde freiwillig in dieses Nest kommen. Petrochemie. Es stinkt erbärmlich aus den unzähligen Feuer und Rauch speienden Schloten. Zum Glück gehen die Fähren im Stundentakt nach Elba. Die Crew vom Parkdeck stellt sich beim Vertauen der Bikes recht ungeschickt an – so, als ob wir die ersten Motorradfahrer überhaupt sind, die auf die Insel übersetzen. Dann teilen wir uns eine Stunde lang den miefigen Aufenthaltsraum der Fähre mit zwei Schulklassen. Ruhe kehrt erst ein, als die unzähligen Handys auf hoher See für einige Minuten keinen Empfang mehr haben.

Portoferraio. Trotz Regen haben wir keine Lust, uns bereits um 14 Uhr in ein Hotel zu verkriechen, peilen den Westen der Insel an. Tolle Kurvenarrangements gleich hinter der Inselmetropole. Und megarutschiger Asphalt. Wir schleichen in den ersten drei Gängen vorbei an sicherlich traumhaft schönen Badebuchten bis Marciana Marina. Links von uns müsste der 1018 Meter hohe Monte Capanne aufragen, auf dessen spitzen Gipfel eine Seilbahn führt. Sieht auf Postkarten alles fantastisch aus. Manches Strandbild könnte sogar in der Karibik aufgenommen worden sein. Wir fühlen uns dagegen auf der hoch über dem Meer in den Fels gesprengten Straße nach Chiessi eher auf die Färöer Inseln versetzt. In Marina di Campo beziehen wir schließlich Quartier – und kommen im Ristorante L’Aragosta auf andere Gedanken: Das Tiramisu, das uns die Mutter des Wirts in Schürze und Hausschuhen serviert, ist schlichtweg überirdisch. Wir verdrücken drei Portionen, quasseln bei Bier, Schnaps und Espresso über den Sinn des Lebens. Allmählich stellt sich unsere gute Laune wieder ein.

Ein Strahl Sonne – der Tag beginnt besser, als gestern in den Nachrichten angekündigt. Die Minibrötchen zum Frühstück sind schnell verspeist (siehe oben), und wir wollen zum Bergnest Capoliveri fahren, haben auf der Wanderkarte im Maßstab 1:30000 eine Hand voll Wege entdeckt, die von dort aus rund um den Monte Calamita führen. Kein anspruchsvolles Terrain, aber immerhin kein Asphalt. Auf jeden Fall kommt auf der breiten Piste, die knapp 200 Meter hoch über dem Meer verläuft, für ein paar Kilometer ein wenig Schwung in die Sache. Hier ein kleiner Drift, da ein kurzer Sprung über eine Bodenwelle – Heidewitzka! –, und schon läuft im Kopf dieser „Bei-der-nächsten-Dakar-bin-ich-endlich-dabei“-Film ab. Die Spielerei auf dem losen Grund lässt den Frust von gestern vollends vergessen. Staub auf den Klamotten – gehört schließlich zum Urlaub dazu. Und sieht verdammt gut aus.
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Karte: Maucher
Gegen Mittag rollen wir durch Porto Azzurro – auf Elba anscheinend der Heilige Gral für jeden Postkartenfotografen: Das Bild von den terracottafarbenen Häusern rund um das Hafenbecken haben wir, obwohl erst seit wenigen Stunden auf der Insel, bereits zigmal gesehen. Es schmückt sogar den Umschlag meiner Wanderkarte. Doch außer uns hat in dieser Jahreszeit praktisch niemand den Weg dorthin gefunden. Die vielen Bars und Restaurants entlang der breiten Flaniermeile lassen jedoch nur einen Gedanken zu: Im Sommer brennt hier richtig die Luft. Garantiert. Momentan hat nicht einmal ein Kiosk geöffnet, und Oli wird langsam nervös, weil ihm die Zigaretten ausgehen.

Inzwischen ist klar, dass Kachelmann und Co mit ihren Vorhersagen mal wieder danebenlagen – das Wetter entwickelt sich prächtig. Wir kramen die Sonnenbrillen hervor, touren quer über die Insel zurück nach Marciana Marina. Und tatsächlich – Badebuchten wie in der Karibik. Na ja, so ungefähr zumindest. Und der Weg hoch in die Berge über Poggio nach Marciana erweist sich bei trockener Strecke wie vermutet als Gedicht. Kehre um Kehre zwirbeln wir uns durch Wald und über Fels rauf zu den beiden uralten Orten, die wie Adlerhorste in den Bergen hängen, flankiert von den höchsten Gipfeln der Insel, Capanne und Giove. Lediglich das Meer, das je nach Fahrtrichtung kurz zu sehen ist, erinnert daran, dass man nicht aus Versehen mitten in den Alpen gelandet ist.

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