Elefantentreffen 1956 bis 2003: Historie Frier sind noch echte Kerle

1956 kamen rund 20 Winterfahrer zur Premiere des Elefantentreffens ins Kurhaus Glemseck an der Solitude. Zur 47. Auflage in Loh/Thurmansbang fanden sich über 4000 ein. Wirklich Wesentliches aber hat sich über die Zeit nicht verändert. Oder doch?

Herr Poschinger hat nichts gegen die Motorradfahrer. Er glaubt nicht einmal, dass sie deppert sind, im tiefsten Winter in den tiefsten Bayerischen Wald zu glitschen, um ein Wochenende lang in einem 700 Meter hoch gelegenen Talkessel Zivilisationsverweigerung zu üben. Denn eben das ist Poschingers Glück, betreibt er doch die Imbissbude am Eingang zum Elefantentreffen. Nun verfällt er nicht dem Größenwahnsinn zu glauben, es abenteuerten all die Biker nur eines Würstchens aus seinem Grill-bestückten Bretterverhau wegen nach Loh/Thurmansbang. Einige nämlich bringen ihre bevorzugte Spezies – Schweine, Hühner, Rinderteile – selbst mit, um sie über den abendlichen Feuern kreisend ihrer letzten Bestimmung zuzuführen. Poschinger kann das prinzipiell egal, also Wurst, sein. Seine Rechnung wird davon nicht durchkreuzt: drei Tage, tausende Besucher, viel Hunger, viel Geld. Wenn nur jeder zweite eine Steaksemmel verdrückt (drei Euro) und sich dazu aus einem Pappbecher eine Halbe in den Hals kippt (zweifünfzig), macht Poschinger, normalerweise als Werkstattleiter verdingt, ein schönes Zusatzgeschäft.Mit dem, was an diesem Wochenende über seinen Tresen geht, hätten sich die Premierengäste des von MOTORRAD-Redakteur Ernst ‚Klacks’ Leverkus initiierten Elefantentreffens im Kurhaus Glemseck bei Stuttgart ein ganzes Jahr lang beköstigen lassen. Das allerdings liegt allein an der Zahl der damals Erschienenen, nicht etwa daran, dass man 1956 noch nicht so viel hatte und noch nicht so viel wollte. Im Gegenteil. Was die 20, in kuscheliger Stube versammelt, wollten, war nichts anderes als das, was die gut viertausend heute, zusammengerottet in einem endzeitlich anmutenden Zeltlager, auch wollen: sich geben, wie man ist. Und sich gegenseitig in seinem Glauben zu bestätigen, dass man anders ist, zumindest ein Wochenende lang. Anders als der selbst ernannte gesunde Menschenverstand, der über so etwas wie das Elefantentreffen nur den Kopf schüttelt, dass es ihm das sauber gekämmte Haupthaar zerzaust. Nicht aber den vermeintlichen Kleingeist durcheinander bringt. Und irgendwie ist das ja auch gut so.Nicht auszudenken, wenn plötzlich jeder Verständnis zeigte und keiner sich mehr aufregte über so eine Art der Zusammenkunft. Die Helden würden zu Erfüllungsgehilfen eines Klischees. Das Andere wäre nicht mehr anders und die Fahrt zum Elefantentreffen nur noch eine Reise in die Selbstvergessenheit, aber nicht mehr das, was sie von Anfang an war: ein Trip zu sich selbst. Und, gewiss, auch zur Darstellung desselben. Dabei hilft so manchem, auch am Vormittag schon, eine beträchtliche Menge alkoholischen Getränks, gerne auch hochprozentig. Dies nährt den Verdacht, dass solche den Geist des Elefantentreffens gar nicht in ihren Herzen tragen, sondern ihn aus einer Flasche leeren, um ihn ein paar Stunden später gelb in den Schnee zu mustern.Die meisten aber kommen einer ganz anderen Ausstrahlung wegen zum größten Motorrad-Wintertreffen der Welt. Diese Ausstrahlung verbreitet sich am Abend, wenn die gnädig frühe Dunkelheit all die vertreibt, die nur zum Gaffen kamen und all die verschluckt, die nur kamen, sich begaffen zu lassen. Dann schrumpft die Welt auf den Kreis um ein Lagerfeuer und auf die Geschichten, die dort die Runde machen. Und nicht nur frostige Finger und klamme Füße brauchen dieses Klima, um mal wieder aufzutauen. Eine absolute Mehrheit erlangt bestenfalls der Plan, im nächsten Jahr wieder zu kommen, eine freie Stelle findet jeder, der mit einem formlosen »rück mal« danach fragt, und eine gut geschmierte Kette ist den meisten immer noch wichtiger als eine sauber geschmierte Weltwirtschaft.Schon in den Fünfzigern und Sechzigern war das nicht anders. Wer zum Elefantentreffen reiste, flüchtete vor »dem Krämergeist des Wirtschaftswunders« (Klacks). einer Moral, die dem Bürger so wichtig war, dass er sie am liebsten doppelt nahm. So kamen sie zum Nürburgring, weil das Abendprogramm mit Maegerlein und Kuhlenkampf niemals so farbig war wie die Unterhaltung mit ein paar bunten Hunden. Sie kamen, weil das Schlagergeträllere aus dem Radio niemals so gut klingen konnte wie die Musik aus den zwei Zylindern der Zündapp KS 601, dem so genannten »Grünen Elefanten«, der dem Treffen seinen Namen gab. Und sie kamen, weil die Fototapeten in den Wohnzimmern baugesparter Reihenhäuser niemals eine so weite Aussicht boten wie das Panorama der Eifelhöhen. Doch dann stirbt 1977, in den von herangekarrten Krawallbrüdern angezettelten Tumulten, ein Mensch. Und mit ihm fast das Elefantentreffen. Die friedliche Zusammenkunft derer, die sich noch per Handschlag begrüßten, fand daraufhin in Österreich den nötigen Abstand zur tumb grölenden Masse derer, die anderen per Handschlag nur die Fresse zu polieren wussten. Und den nötigen Abstand zu NATO-Doppelbeschluss und Netzhemdmode, Kaltem Krieg und Karottenjeans. Nach einer Dekade am Salzburgring kommen die Windgesichter seit 1989 in den Kessel von Loh/Thurmansbang, um lauwarmer Spießbürgerlichkeit den Rücken zu kehren. Dort feiern sie ein Wiedersehen mit allen, die so sind, wie sie selbst: anders. Vielleicht stimmt das aber auch gar nicht, und alle sind sie dieses Jahr nur gekommen, weil sie mal wieder in Ruhe Bier trinken wollten. Und ein Würstchen essen. Poschinger kann’s egal sein.

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