Enduro-Safari in Lappland Ganz von Finnen

Was im Winter mit Snowmobilen geht, sollte im Sommer auch auf Enduros funktionieren, dachten sich zwei finnische Offroad-Fans: Endurofahren überm Polarkreis in Lappland.

Eben noch in Frankfurt, 26 Grad plus, und fünf Stunden später zeigt dasThermometer minus drei. Kein Traum, sondern Flughafen Kittelä, Lappland, über dem Polarkreis. Stefan, Fotograf und Afrika-Fan bibbert schon in der wohltemperierten Abfertigunshalle. »Ihr müßt uns wieder besuchen kommen«, hatte Timo bei den letztjährigen Enduro-Six-Days in Finnland geschwärmt. Und dann etwas von endloser Weite, Ruhe und der lappländischen Version des Indian Summers, der Ruska, erzählt. Und da steht Timo nun, grinst wie Häkkinen im Mercedes-Werbespot, mit dem Unterschied, daß er beneidenswert gut Deutsch spricht. Mit Hamburger Einschlag. Da hat er einige Jahre gelebt und gearbeitet, bevor es ihn wieder nach Finnland gezogen hat.Er verfrachtet die fröstelnden Deutschen in seinen VW-Bus und fährt zu einem Ort mit dem unaussprechlichen Namen Äkäslompolo, dem Basislager für die Tour. »So ein Zufall«, sagt er und deutet auf den Polizeiwagen, der gerade in die Straße einbiegt. »Wir haben hier nur vier Polizisten für ein Gebiet größer als Schleswig-Holstein.« Die Kriminalitätsrate in Lappland ist unvorstellbar niedrig. Kein Lappe würde auf die Idee komme, sein Haus abzuschließen oder gar den Zündschlüssel im Auto abzuziehen. »Schaut mal raus«, sagt Timo, als er gerade den Kamin der kleinen Blockütte anheizt. Lichtskulpturen in Grün, Lila und Rosa vollführen ein einzigartiges Schauspiel am Himmel: das Polarlicht. Soll Glück bringen, behauptet Timo.Am nächsten Morgen treffen die anderen ein: Seppo, der finnische KTM-Importeur, Matti, der Finnair-Pilot, und Hannu, Organisator der Enduro-Tour. Dicke Kumpels, die vier – und allesamt motorradverrückt. Ohne lange Vorreden: Enduros aus dem Transporter holen, volltanken, kurzer Technik-Check, losfahren. Rund 250 Kilometer liegen vor der Gruppe, und die Tage werden im September schon mächtig kurz. Dann doch eine kurze Ansprache von Timo: »Wir machen hier eine Enduro-Safari. Kein Rennen.« Natur genießen – und schützen, also strikt auf den in den Landkarten eingezeichneten unzähligen Schotterwegen bleiben, das haben sich Hannu und Timo, die Tour-Initiatoren vorgenommen. Wenn eine Rentierherde die Wege der Tour kreuzt, dann heißt es sofort: anhalten, Motor aus. »Sonst hetzt man die Tieren zu Tode«, erklärt Timo. Eine Regel, die jeder Endurofahrer in Lappland kennen sollte.Aber auch ohne schwere Geländepassagen geht die Route, für die es nicht unbedingt eine große Viertakt-Enduro braucht, zumindest einem ungeübten Hobby-Enduristen in die Knochen. Stundenlanges Fahren über holperige Schotterwege, teilweise enge und winkelige Passagen, also immer konzentriert bleiben, auch wenn das Hinterteil schon lange schmerzt. Da freut man sich, wenn plötzlich Hannu mit dem Transporter am Wegrand steht. Pause, Essen fassen. »In the middle of nowhere«, wundert sich Stefan. Wenn die Einzylinder erstummen, bleibt nichts als Ruhe. Kein Summen der im Sommer so lästigen Mücken, nicht mal ein Vogel zwitschert. Beinahe beklemmend, die Stille. Wären da nicht die Finnen mit ihren Mobiltelefonen, die des öfteren klingeln. In Lappland kein Modegag, sondern segensreiche, weil einzige Verbindung zur Außenwelt. Für den Fall eines Falles, oder einfach, wenn einem der Sprit in den kleinen Enduro-Tanks wider Erwarten ausgeht. Weitere finnische Leidenschaft: Feuermachen. Wo die vier Finnen länger als eine halbe Stunde rasten, flackert binnen Minuten ein Lagerfeuer. Hannu setzt dann den Kaffee auf, extrastark, aus frisch gemahlen Bohnen.Abends im Blockhaus, freuen sich zwei Deutsche auf die Sauna, für die vier Finnen sowieso ein absolutes Muß. Und auf Hannus Kochkünste: Rentierauflauf, frischer Lachs und leichtes, aber leckeres Bier aus Lappland. Mehr als nur Kalorienfassen für den nächsten Tag.Der mit dem Freikratzen der überfrorenen Enduro-Sitzbänke beginnt. Die Nacht war sternenklar. Frost bereits im September. Das tut der guten Laune der finnischen Gastgeber allerdings keinen Abbruch, obwohl Seppo und Matti sich die Nacht im »Verrückten Rentier« um die Ohren gehauen haben. Einer Art Discothek, die so gut sein muß, daß einige Besucher 350 Kilometer Anfahrt in Kauf nehmen. Choke ziehen, antreten, die KTM laufen erstaunlich gut an. Und dann wieder auf die Piste. Diesmal geht’s zu Beginn beinahe endlos geradeaus über Schotter- und Lehmstraßen. Gegen Mittag taucht die Sonne plötzlich den Laubwald in ein einzigartiges Licht: Rot – in allen erdenkbaren Nuancen. Das ist er also, der berühmte Indian Summer, oder auf finnisch: Ruska. Unbeschreiblich. Hinsetzen und genießen. Keiner findet es schlimm, daß an einer KTM der Sprit ausgeht und Timo vergessen hat, sein Handy einzuschalten. Ein Waldarbeiter kommt zufällig mit seinem Geländewagen vorbei. Der freundliche Mann fährt zur nächsten Tankstelle, ist doch Lappen-Ehre, »mal eben Super holen«, sagt Seppo. »Mal eben« bedeutet in Lappland hin und zurück 150 Kilometer über Schotterstraßen mit einem alten Toyota-Geländewagen. Lappen haben ein anderes Zeitverständnis. Genau das gefällt dem Timo so gut am Norden. »Es gibt hier ein Sprichwort, das lautet: Why worry, why hurry in this ready world.«Die beiden Deutschen denken daran, als die Hektik der normalen Welt sie auf dem Flughafen Helsinki wieder einholt. Ganz plötzlich spürt der eine von einem Sturz lädierten Rippen, Stefan, der Fotograf, denkt an die Hitze daheim. Fünf Tage Lappland? Viel zu kurz.

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