Entlang der B 27 Über Land eiern

In den vergangenen Jahren kam einiges zusammen. Ein paar Kilometer auf der Route 66, einige Abschnitte auf der Panamericana und sogar ein Teilstück entlang der Seidenstraße. Jetzt war die B 27 an der Reihe. Ein Trip von Stuttgart nach Göttingen.

Foto: Mutschler
Entlang der B27 - MOTORRAD 5/2004
Entlang der B27 - MOTORRAD 5/2004
Der Stuttgarter Pragsattel. Megakreuzung, Nadelöhr, Dauerbaustelle, Tag für Tag endloser Stau. Ich auf der Harley mittendrin, die B 27 stadtauswärts unter den breiten Reifen, Dieselruß im Gesicht. Im Moment geht nichts. Was daran liegt, dass das Herz der Schwaben tief unten in einem Kessel schlägt. Und aufgrund dieser Topographie mit dem Rest der Welt durch zu wenige Straßen verbunden ist. Wer da rein oder raus will, braucht Zeit. Viel Zeit. Und wer hier nicht verzweifelt, verliert auch in Kairo, Manhattan oder Mexico City nicht die Nerven. Garantiert.

Fotograf Hardy stört das Nadelöhr indes wenig. Aus seiner Perspektive macht sich die Harley im Stau gut. Die ersten Bilder sind bereits im Kasten. Er scheint zufrieden. Tatsächlich war es seine Idee, einfach mal eine Landstraße von A bis Z unter die Lupe zu nehmen. Keine Museen, keine Schlösser, keine Aussichtspunkte. Sondern Tankstellen, Frittenbuden, Parkplätze. Schauen, was am Straßenrand passiert. Dass wir uns für die 27 zwischen Stuttgart und Göttingen entschieden haben, liegt an mir. Bin jahrelang von der niedersächsischen Universitätsstadt in die schwäbische Metropole gependelt. Der Liebe wegen. Irgendwann war ich per du mit jedem Tankwart, mit jeder Ideallinie und - der Bratwurst wegen - Stammgast im Rasthof Rhön. Damals hatte ich mir fest vorgenommen, anstelle der elendigen Autobahnbolzerei einmal auf der 27 durch die schwäbisch-bayerisch-hessisch-niedersächische Provinz zu bummeln, zumal diese Straße sozusagen von Tür zu Tür führt. Keine Ahnung, warum es nie dazu gekommen ist.
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Foto: Mutschler
Entlang der B27 - MOTORRAD 5/2004
Entlang der B27 - MOTORRAD 5/2004
Endlich ein wenig Tempo. Völlig unspektakulär windet sich die B 27 aus dem Randgebiet Stuttgarts, teilt Ludwigsburg, schwingt sich in Richtung Heilbronn, vorbei an schmuckloser Kleinindustrie, kahlen Äckern und Weiden. Die ersten Sonnenstrahlen fallen auf den Asphalt. "Ein Jahr Arbeit, dann geht der wie Schnitzel!" Zwei Türken, etwa Mitte zwanzig, Cowboystiefel, offenes Hemd, Sonnenbrille, Zigarette lässig im Mundwinkel, lassen ihren Blick hingebungsvoll über die völlig verratzte Karosse eines Opel Manta wandern. Die B-Version aus den Achtzigern in Knallgelb, gewaltig aufgemotzt mit breiten Schlappen, Spoilern, einer Lufthutze auf der Haube und - quasi Ehrensache - tiefer gelegt. Ein echtes Relikt aus der Zeit der Manta-Filme, das auf dem Hof eines Heilbronners Gebrauchtwagenhändlers vor sich hingammelt, garantiert längst klinisch tot. Ihren "Cali", wie die beiden fast schon zärtlich ihren schwarzen Opel Calibra nennen, hätten sie ebenfalls wieder aufgebaut, so erzählen sie: verbreiterte Karosserie, mächtig schräg gestellte Reifen, knüppelhartes Fahrwerk, megascharfe Nockenwelle und Mega-Auspuffrohr. Schwere Bässe wummern aus dem Opel, Sprechgesang. "Der zieht locker jedem 3er davon!" Auch wir ziehen davon.

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