Entlang der Lahn (2)

Foto: Deleker
Fahren und Pausieren im Herbst: ein Fest für die Sinne.
Fahren und Pausieren im Herbst: ein Fest für die Sinne.
Gar nicht so einfach, den Bach zu finden. Irgendwie scheint ihn keiner zu mögen. Die Zentren der Orte liegen abgewandt, weit vom Ufer entfernt, an dem stattdessen Baumärkte, Autohäuser und Recyclingbetriebe gedeihen. Bevor der Lahnfrust aufkommt, entdeckt Birgit zum Glück die Sackpfeife, mit 674 Meter, der höchste Berg entlang des Flusses, gewissermaßen der Lahn-Mount Everest. Anders als beim Giganten des Himalaja indes führt auf die Sackpfeife eine Straße. Eins zu null für die Pfeife. 15 Kurven und 20 Minuten später parken wir die Multistrada auf dem Berg. Kein Mensch weit und breit. Wolkenloser Himmel, windstill und endlich richtig warm. Herrlich. Die Fernsicht ist grenzenlos, in alle Richtungen hügeln sich die bunten Berge des Sauerlands bis zum Horizont. Der Zweiventiler der Ducati knistert leise vor sich hin, scheint auf mehr zu warten. Kann er haben. Allerdings nicht im Lahntal, denn die dicht befahrene
B 62 verspricht wenig Fahrspaß. Auf der Karte fingern wir mögliche Alternativstrecken ab. Caldern–Dagobertshausen–Elnhausen– Haddamshausen–Friedbertshausen. Das
sieht gut aus.

Ciao Sackpfeife. Die ausgesuchte Strecke erweist sich als Volltreffer. Kleine Straßen, fast kein Verkehr, unterschiedliche Kurvenradien. Malerische Fachwerkhäuser und kaum noch Wald, der uns die Sonne stehlen kann. Sanft moduliert das warme Herbstlicht die wellige Landschaft, verleiht ihr plastische Konturen. Eigentlich viel schöner als die grelle Sommersonne. Eine Reihe leuchtend gelber Birken wischt vorbei, kurz tauchen wir in das tiefe Orange eines Buchenhains, dann wieder wölbt sich der blaue Himmel über uns. Der Herbst von seiner schönsten Seite. Breites Dauergrinsen hinterm Visier. Motorrad fahren im November – ein Fest der Sinne, intensiver als jede Sommerausfahrt. Es könnte schließlich die letzte Tour des Jahres sein. Dieses Bewusstsein vertieft die Emotionen, jede Kurve fühlt sich doppelt gut an, und jeder Gasstoß erzeugt Kribbeln im Bauch.
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Karte: Renate Maucher
Zeitaufwand: zwei Tage, Streckenlänge: 400 Kilometer.
Zeitaufwand: zwei Tage, Streckenlänge: 400 Kilometer.
Schade nur, dass es so früh dunkel wird. Zeitumstellung am letzten Wochenende, völlig vergessen. So suchen wir im Stockfinsteren nach einer Unterkunft, die wir vor Gießen endlich finden. Über Nacht bildet sich dichter Nebel im Tal, der den Fluss bis zum Morgen komplett verschluckt hat. Kalt, feucht und fies. Gute Gründe, das Frühstück zu verlängern. Nach dem dritten Kaffee brodelt die Ungeduld jedoch stärker als das Unbehagen vor dem neblig-kalten Blindflug. Zudem sind im Herbst oftmals nur die Täler vernebelt, während oben in den Bergen die Sonne scheint. Also los!

Zwischen Marburg, Gießen und Wetzlar gibt es entlang der Lahn selbst ohne grauen Dunst nicht allzu viel zu sehen. Erst danach folgt der schönste Teil der Flussreise. In Wetzlar haben wir genug vom stumpfsinnigen Herumgestocher in der kalten Suppe, suchen uns einen Weg aus dem Tal. Zumindest wird der Nebel nach kurzer Zeit etwas heller, wechselt seine Farbe von graublau in graugelb. Ein gutes Zeichen. Und plötzlich rauschen wir in gleißendes Licht. Vor uns blauer Himmel, hinter uns, wie abgeschnitten, die Nebelwand. Na, wer sagt’s denn. Wir brauchen eine Weile, um die Reizüberflutung zu verarbeiten und die Wärme zu spüren. Die nassen Jacken dampfen in der Sonne.

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