Entlang der Moldau (2)

Foto: Klaus H. Daams
Einer der schönsten Flussabschnitte liegt zwischen Ceský Krumlov und Rozmberk nad Vltavou
Einer der schönsten Flussabschnitte liegt zwischen Ceský Krumlov und Rozmberk nad Vltavou
Heute schieben sich die Touris aus aller Welt durch die engen Gassen der Altstadt. „Zu voll“, entscheidet Marie kurzerhand und wir fliehen – dorthin wo alle sind, auf die Karlsbrücke. Rund 400 Jahre lang war die prächtige Steinbrücke die einzige feste Prager Verbindung über die Moldau. Im 14. Jahrhundert hatte Kaiser Karl IV. das nach ihm benannte Viadukt erbauen lassen. Heiligenfiguren schmücken das 520 Meter lange und zehn Meter breite gotische Bauwerk. Handauflegen beim Heiligen Nepomuk soll angeblich vor Hochwasser und Schiffsunglücken schützen und Glück bringen. Die blank geriebene Stelle beweist, dass es die Stadt bei dem Jahrhunderthochwasser vor drei Jahren verdammt nötig hatte.

Am linken Moldauufer lässt das Gedrängel nach, na ja, es verteilt sich besser, vor der größten bewohnten Burg der Welt. Seit 1918 ist sie Präsidentensitz und präsentiert zusätzlich noch den Sankt-Veits-Dom auf ihrem Areal. Spät am Abend suchen wir in der Nähe vom Ausstellungsgelände Holešovice die Krizík-Fontäne, das tanzende Wasser. Es wartet hinter dem „Lapidarium“, Name eines Skulpturen-Museums. Von klassischer Musik untermalt springt und zuckt das nasse Element, steigt prustend auf und fällt wieder in sich zusammen. Und wechselt ständig seine leuchtenden Farben. Choreographie im Brunnen.

Als sich nachts die Lichter der Stadt auf dem plätschernden Fluss spiegeln, fällt mir ein weiteres Lied von der Moldau ein, diesmal von Bertolt Brecht: Am Grunde der Moldau wandern die Steine/ Es liegen drei Kaiser begraben in Prag./ Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine./ Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
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Foto: Klaus H. Daams
Mit ihm erwacht erneut das Reisefieber in uns, wir sagen der Stadt der 100 Türme „Na shledanou“, auf Wiedersehen, richtendie Chromlampe der Kawa gen Süden und auf die Nationalstraße 102 parallel zum Fluss. In riesigen Abbruchkanten entreißt ein Steinbruch den vom Wasser abgelagerten bunten Sandstein dem Ufer – Nachschub für die Bauindustrie. Die Zeit ist nicht stehen geblieben, frische Farben und Formen bringen den alten Glanz zurück zu den klassizistischen Fassaden von Böhmens Städten. Ein Land regeneriert sich in der post-sozialistischen Ära, entwickelt wieder Würde.

Wir entdecken währenddessen einen neuen Kontrast, den Slapy-Stausee als „Badestrand von Prag“. Die Straße führt mitten über die Staumauer. Tosend stürzen die Fluten 65 Meter hinab ins tief eingeschnittene Tal. Mit wogenden Strudeln feiert das Wasser seine wiedergewonnene Freiheit, nachdem es zwischen- durch brav Strom für den industriellen Aufschwung geliefert hat. Bald darauf entzieht sich die wild mäandrierende Moldau dem Zugriff der Straßenbauer, versteckt sich hinter dichten Wäldern. Umso größer dann die Freude, sie wieder einzufangen. Majestätisch und reich verzweigt liegt sie aufgestaut im Tal, erinnert an die Stauseen des Sauerlands.

Hier kommen Wassersportler wie Motorradfahrer auf ihre Kosten, Segelboote blitzen zwischen Inseln in der Sonne auf. Die Weiße Flotte lädt zu Ausflugsfahrten ein und das tolle Kurvenrevier zum Schräglagentanz. Aber hallo, nicht selten wechselt der Belag, auch der eine oder andere Sandflecken hat sich auf die Fahrbahn verirrt. Viele Campingplätze und Ferienhauskolonien säumen die Ufer der Stauseen, doch wer abseits der Touristenströme fährt, der findet sie noch, die verwunschenen Dörfer. Solche, in denen der Zahn der Zeit genagt hat und Verfall kein Fremdwort ist.

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