Entlang der Vils Ganz in Grün

Grün ist der Fluss, grün sind die Wiesen und Wälder drumherum. Grün ist die Guzzi V 11 Sport. Und grün ist der Bereich des Drehzahlmessers, in dem wir uns bei dieser gemütlichen Tour entlang der Vils in Niederbayern bewegen.

»Es grünt so grün...« singe ich unter dem Helm vor mich hin. Aber nicht, weil um mich herum Spaniens Blüten blühen, sondern eine saftig ergrünte Landschaft mit einem ebenfalls grün schimmernden Fluss vorbeifliegt. Letzerer ist die »Große Vils« auf ihrem Weg zur Donau. Deren Lauf Klaus und ich auf unserer Wochenendtour folgen wollen. Zwei Tage müssten reichen, denn die Vils lockt mit kurviger Kürze: »Gesamtlänge 97 Kilometer« heißt es im Lexikon zu diesem »rechten Nebenfluss der Donau«. Und dass er »mit zwei Quellbächen, der Großen und der Kleinen Vils, nahe der Isar-/Inn-Wasserscheide« entspringe. Genauer gesagt spreizen sich in der Nähe des Örtchens Gerzen die beiden Vils-Arme in einem fast 90-Grad-Vau zu ihren Quellen hin. Gerade recht für den echten Guzzisten: ein Fluss in V2.Der Einstieg in die Tour erfolgt also quasi an der geographischen Kurbelwelle: Über kleine Landstraßen geht’s von Gerzen entlang der knapp 40 Kilometer langen Pleuelstange »Kleine Vils« zu deren Quelle. Schon jetzt durchqueren wir einige Ortschaften, bei deren Taufe der Fluss Pate stand: Vilssattling, Langenvils, Vilsheim. Eine »Ver-Vils-ung«, die uns bis zur Mündung bei Vilshofen begleiten wird. Doch erst einmal stehen wir an ihrem Ursprung: Hier, an der Landstraße von Vatersdorf nach Arndorf, sickert die Kleine Vils zwischen den Grashalmen hervor und bahnt sich als Bächlein ihren Weg gen Osten. Eine klare Sache. Schwieriger wird es am zweiten Pleuelauge, dem rund 15 Kilometer südlich liegenden Quellpunkt der großen Schwester. »Wo die Große Vils entspringt, kann man so genau nicht sagen«, erklärt uns ein Lehrer in Taufkirchen, »da es zwei Möglichkeiten gibt, um die sich die Einheimischen streiten: Entweder in einer Wiese bei Seeon oder in einem Tümpel bei Hörgersdorf. So richtig sehen kann man’s nur bei starkem Regen, wenn ordenlich Wasser fließt.« Wir probieren es bei dem Tümpel, zu dem uns ein Bauer grob den Weg erklärt. Und tatsächlich - nach einer kurzen, für die V 11 etwas quälenden Offroad-Einlage und einem kleinen Fußmarsch entdecken wir ein dünnes Rinnsal, das sich vom Tümpel in Richtung Taufkirchen schlängelt: die kleine Große Vils. Schon im Ort erhält sie kräftigende Nahrung von zwei schmalen Wasserläufen und sprudelt bereits hinterm Ortsschild als ganz passabler Bach dahin.Taufkirchen - der Name rührt tatsächlich von einer kleinen Taufkirche her, die hier Anfang des siebten Jahrhunderts für die umliegenden Bauernhöfe errichtet wurde. Gute Geschäfte witterten ein paar hundert Jahre später die Freiherren von Puech, quasi die ersten Touristiker an der Vils, die den Ort 1672 dem Fugger-Clan abkauften. Und damit auch die Rechte an dem kurz zuvor erbauten »ersten Bräuheusl allda« erwarben. Um den Bierumsatz anzukurbeln, verlegten die schlauen Puechs 1689 den florierenden Adlberger Markt nach Taufkirchen. Und packten, um das pekuniäre Maß voll zu machen, sechs Jahre später die Gebeine eines römischen Jünglings in den Schrein der hiesigen Schloßkapelle, tauften selbigen zum »heiligen Viktor« und veranstalteten alljährlich eine einträgliche Wallfahrt zur Grabstätte. Ziemlich clever, diese Puechs. Wir rollen weiter Flussabwärts und können ab Velden sogar zwischen zwei Routen an dem inzwischen deutlich gewachsenen Bach entlang wählen: entweder schnell und direkt auf der B 388 oder klein und verschlungen durch Ober- und Unter-Vilslern. Wir wählen letztere Variante. Ein Plakat kündigt »Barn-Rock« für heute abend an - Disco in der Scheune, eine Art Jugendausgabe des »Musikantenstadl«. Wir machen einen kurzen Schlenker zum ausgeschilderten Heuschober, doch statt Robbie Williams sind hier offenbar eher Patrick Lindner und Co. angesagt. Nix für uns. Wir flüchten nach Vilsbiburg, grollen durch die herrliche historische Altstadt, wo die Guzzi das alte Stadttor ein wenig beben läßt, um danach hochmotiviert an der immer verspielter dahinkurvenden Vils entlangzuzwirbeln. Diese steht nun kurz vor einem der größten Ereignisse im Leben eines Flusses, so etwa wie Volljährig werden: Sie wird gestaut. Stolz präsentiert sie sich zwischen Marklhofen und Reisbach als 100 Hektar breite Wasserfläche - der Vilstalsee. Wir genießen die sommerliche Oase, streifen die Lederklamotten ab und lassen die Guzzi knisternd am Ufer zwischen Campern und Surfern abkühlen. Es ist bereits Nachmittag, und wir sollten noch etwas Strecke machen. Doch vorher lockt noch Schloss Warth, wo in grauer Vorzeit ein Burgfräulin namens Wolfsindis residierte und heute als »Heilige des Vilstals« gilt. Der Hintergrund: Ihr heidnischer Vater hatte die frisch bekennende Christin von einem Pferd zu Tode schleifen lassen. Der kleinen Quelle, an der sie starb, wurden daraufhin heilende Kräfte nachgesagt und das so genannte Wolfsindiswasser daraus geschöpft. Zur kleinen Kapelle, die später daneben errichtet wurde, wallfahrten noch immer alljährlich Anfang September die Gläubigen. Schon wenige Meter später, im Ortsteil Niederreisbach, gehen wir erneut in die Bremsen, allerdings aus etwas profanerem Grund: In einem Garten neben der Straße verrotten in postsozialistischer Eintracht ein Trabant und ein russischer Moskwitsch. »Motorrad- und Rolleroldies - Kleinmuseum, An- und Verkauf«, informiert ein verwittertes Schild über der leider verschlossenen Ladentür. Durchs Fenster sind diverse alternde Zweiräder vorwiegend östlicher Herkunft zu erkennen: MZ aller Baujahre, Simson Schwalbe und Sperber, Jawa, eine alte Kreidler. Ganz hinten ein Garelli-Moped und ein baufällige Vespa. Da darf sogar die Guzzi einen Blick werfen. Der Weg wird nun zunehmend verschlungener, und immer wieder queren wir auf schmalen Brücken die friedlich plätschernde Vils, lassen die V11 verhalten durch die träge in der Nachmittagsonne dösenden Bauerndörfer grummeln. Vorbei an urigen Gasthäusern mit rustikalen Bänken davor, auf denen sich Feldarbeiter eine kühle Maß gönnen. In der Gegend um Adldorf steht geadeltes Bier auf den Tischen – das der Grafen von Arco auf Valley. Die »Krone der Braukunst« wird in einem Schloss produziert, in dessen großzügig gestaltetem Innenhof sich sogar ein öffentliches Freibad befindet. Genial! Doch plötzlich wird es laut. Eine Parade historischer Motorräder und Gespanne röhrt majestätisch hinein. Ehrfurchtsvoll räumen wir das Feld.Vilshofen und damit das große Finale der Vils rückt näher: Zusammen mit der Wolfach mündet sie hier in die mächtig anrollende Donau. Vorher dienen ihre kleinen, lokalen Seitenquellen aber noch der örtlichen Brauerei als Grundstoff. Für das dunkle und süffige Wolferstetter Bier. Kühlender Nährstoff für mitunter hitzige Diskussionen: Seit 1919 kamen in Vilshofen am Aschermittwoch die Bauern der Umgegend zum Viehmarkt zusammen und lauschten den Kundgebungen von Parteien und Verbänden. Die Anfänge des »politischen Aschermittwochs«. Später traf sich traditionell alljährlich die CSU im Wolferstetter Keller auf einem Hügel über der Altstadt. Als sie nach Passau wechselte, zogen mit der SPD die »Roten« ein, denen das dunkle Bier offenbar ebenso schmeckte wie das politisch eher farbneutrale Weißbier, das seit 1591 dort gebraut wird. Irgendwann stehen wir auf der letzten Brücke, die unseren inzwischen vertraut geworden grünen Fluss überspannt. Die Donau schwappt bereits in Sichtweite. Aus den gemauerten Uferbefestigungen sprießt zartes Grün. Suchen müssen wir nichts mehr, denn anders als ihr Ursprung ist das Ende der Vils eindeutig identifizierbar. Und das unserer Tour ebenfalls. Jetzt geht’s auf die Autobahn und ab nach Hause. Der Zeiger des Drehzahlmesser schwingt hoch. Diesmal bleibt er lange hart am roten Bereich.

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