Flandern (2)

Foto: Melkebeek
Am Sonntagmorgen zeigt sich der Himmel strahlend blau, und eine tapfere Frühlingssonne verdampft bereits die Nässe. Das Ortsendeschild von Saint-Quentin ist rasch passiert, und wir wissen noch nicht, dass damit alles, was einer Stadt irgendwie ähnelt, hinter uns liegt. Auf der kurvenreichen Verbindung nach Bohain-en-Vermandois drehen wir ordentlich am Gas, „Highway To Hell” dröhnt schon in unseren Köpfen. Hinter dem kleinen Dorf tanken wir. Sicherheitshalber, denn Sonntag bedeutet in Frankreich Benzinknappheit wie während einer Ölkrise. Außerdem sieht die Gegend nicht so aus, als ob wir viele Servicestellen erwarten könnten. Der Tankwart verdeutlicht treffend, warum die Pariser nicht viel mit dem vom Strukturwandel gebeutelten, ärmlichen Norden am Hut haben: Er ist zwar sehr freundlich, aber wir kapieren absolut nicht, ob er Französisch oder Viromanduïsch spricht. Wenig später taucht die erste Ankündigung auf: ein Wegweiser nach Troisvilles, wo die Rue de Sucrerie, übersetzt etwa Zuckerwerkstraße, quasi das Entree zur Hölle bildet. Zuckersüß ist hier allerdings nichts, sondern die ersten „Katzenköpfe“ breiten sich aus. Das Abenteuer beginnt!

Ein paar Pflasterstrecken später haben wir bereits mehrfach mit beiden Rädern den Bodenkontakt verloren und das Limit der Federelemente abgesteckt. Zwar nicht wie Valentino Rossi im Grand Prix, aber mittels eines erst im letzten Moment vor dem Vorderrad auftauchenden, erschreckend tiefen Lochs in der Fahrbahn. Wir sind im echten „Katzenkopf“-Revier. Mehr und mehr fangen wir an zu verstehen, warum eine Menge Berufsradler auf diesen Wettkampf nicht gerade erpicht ist und den Pokal – übrigens stilvoll ein Pflasterstein – gerne an sich vorübergehen lässt. Wäre der Ehrenkodex dieses Rennens nicht so hoch, gäbe es vermutlich schon lange keine Teilnehmer mehr.
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Foto: Melkebeek
Und die Einheimischen können sich nur wundern, was zwei Motorradfahrer auf den Holperstrecken des Radklassikers wohl suchen. Wann immer wir uns in den Abgründen des Roadbooks verstricken und nach dem Weg fragen, leiten sie uns freundlich auf die asphaltierten Strecken zurück. Wenn wir fragen, ob es auch eine andere Verbindung gäbe, ertönt meist ein zweifelndes „Oui, mais... c’est pavé très mal, monsieur...” (Sicher, aber es ist sehr, sehr schlecht gepflastert...). Sie selbst fahren auch lieber auf den Departement- und Nationalstraßen, statt ihre Autos auf den kürzeren „Katzenkopf“-Verbindungen zu ruinieren. Der steinernen Geschichte wird hier mehr Ehre erwiesen als vermutlich weltweit sonst. Mit Ausnahme der Ex-DDR vielleicht.

Kurioserweise liest sich die Presse-Information wie eine freundliche Einladung zu einem touristischen Ausflug durch zwei alte französische Provinzen und vier Departements. Von Île-de-France nach Französisch Flandern gehe es „durch pompöse Landschaften mit majestätischen Pappeln, Getreidefeldern und mittelalterlichen ‚Belfortes’, wo man Geschichte geradezu atmet“. Man könnte direkt aufs Rad springen, nicht? Nun, wer das tatsächlich tut, wird nach kurzer Zeit schmerzhaft feststellen, dass sich die Wirklichkeit deutlich weniger apart anfühlt wie die Beschreibung. Selbst auf dem Motorrad ist die Tour kein Sonntagsausflug. Sicher, man hat keine Schwierigkeiten mit dem übrigen Verkehr, da gar keiner existiert. Auch das richtige Einschätzen von Kurven ist nicht das Problem. Sondern hier gilt alle Konzentration der optimalen Linie, will man nicht das Motorrad ruinieren oder unversehens im Graben landen. Unsere Bewunderung für die Motorradfahrer, die während des Rennens Kampfrichter, Signalgeber, Kameramänner, Fotografen, Reporter oder Reserveräder auf dem Sozius transportieren, steigt mit jeder Minute. Und die für die Radler, die sich ungefedert und per Muskelkraft über die geradezu unmanierlich schlechten Wege quälen, mit jeder Sekunde.

Doch der Pressetext enthält auch etwas Wahres. Dass nämlich diese Expedition über die alten Karrenwege des französischen Nordens – die nicht selten die kürzeste Verbindung zwischen den Orten darstellen und wohl für Jahrhunderte die einzige waren – mehr Möglichkeiten bietet, als bloß mal zu gucken, wie’s in der Hölle denn so aussieht. Sie bieten eine Reise in eine nur 60 Jahre zurückliegende Vergangenheit, wo große Teile Europas kaum komfortabler bereist werden konnten.

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