Flandern (3)

Foto: Melkebeek
Im Café de la Paix in Quérenaing nahe Valenciennes sind wir 75 Kilometer von Saint-Quentin entfernt. Es ist spät am Vormittag, Apero-Zeit und die Gaststätte rappelvoll. Die Motorräder sind sofort das Thema der Gäste. Wir müssen erklären, was wir in diesem komplett untouristischen Gebiet suchen. „Ah, Paris-Roubaix!“ Sofort hellen sich die Gesichter auf und eine lebhafte Diskussion entbrennt. Wo das Rennen dieses Jahr entlangführe, wo es letztes Jahr verlaufen sei und wo im Jahr davor. Um die Suche zu erleichtern, gibt uns der Wirt eine offizielle Routenbeschreibung. Denn wenn wir weiter so umherstochern, werden wir Roubaix heute nicht mehr erreichen. Ein halber Tag rum und noch immer 130 Kilometer vor dem Vorderrad. Dazu der Löwenanteil der „Katzenkopf“-Strecken, die in 27 Sektionen aufgeteilt sind und gut 50 Kilometer der gesamten Renndistanz betragen. Glücklicherweise führt die Route nicht durch Valenciennes, sondern über nette Wege um die Stadt herum. Leider bleibt uns das schönste Stück durch den Arenberger Wald vorenthalten. Er steht unter Naturschutz, und seine extrem miese Piste wird nur einmal im Jahr geöffnet. Dann, wenn die Radrenner die Marter des Jahres erleben, angefeuert durch Tausende von Zuschauern und Fans. Vor einigen Jahren wurde dort die Fahrtrichtung umgedreht. So dass die Renner nun aufwärts statt abwärts fahren, was Tempo und Sturzzahlen rapide senkte. Selbst mit fünf bis zehn Motorrad-Stundenkilometern ist die Fahrt bereits ein bedenkliches Unternehmen. Und bergab im Renntempo auf kaum fingerbreiten Pneus ...
Anzeige
Karte Maucher
Die Wegsuche bleibt ein Forschen und Tasten, manchmal haben wir die Auswahl zwischen drei Pisten auf einer Kreuzung mitten im platten Nichts. Allerdings taucht stets jemand auf, der sich freundlich und erstaunt nach unserem Belang erkundigt: „Paris-Roubaix? Aaaaah! Par-là, ils vont par-là, Paris-Roubaix!” (Ach so, Paris-Roubaix! Da lang, die fahren da entlang!).

Es ist sechs Uhr abends, als uns endlich ein riesiges Plakat willkommen heißt: „Bienvenue à Roubaix“. Nach zehn Stunden für kaum 200 Kilometer, da wir die erste Strecke von Compiègne nach Saint-Quentin ausgelassen haben. Macht einen Schnitt von 20 km/h. Die Renner fahren knapp über 40! Wenn sie das Ziel im Vélodrome von Roubaix erreicht haben, liegt eine fast übermenschliche Anstrengung hinter ihnen. Auch wir haben den Weg durch die Hölle gemacht. Die Autobahnstrecke zurück reicht nicht, um das Gerüttel des Kopfsteinpflasters wieder los zu werden. Nachts träume ich von Katzenköpfen, in jeder Sorte. Ein glücklicher Traum, da ich kein Rennradfahrer bin. Denn für viele von ihnen ist Paris-Roubaix ein Alptraum. Vom Start bis ins Ziel. Doch sie starten immer wieder. Jedes Jahr im April.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote