Flandern Das Rennen Paris-Roubaix

"Die Hölle des Nordens" wird das legendäre Radrennen in Flandern genannt. Auf alten Kopfsteinpflasterwegen ausgetragen, ist es eine Qual für Menschen und Material. Zwei Motorradfahrer folgten der Route durch eine kaum bekannte Region Frankreichs.

Foto: Melkebeek
Es ist bereits Abend, als Pierre und ich in der nordfranzösischen Stadt Saint-Quentin ankommen. Aus Norden fegt ein rauer Wind durch die Straßen. Von Saint-Quentin weiß ich streng genommen nur, dass hier irgendwo die Quelle des Flusses Escaut liegt. Aber im Moment wirkt es eher, als entspränge er irgendwo am Himmel, denn das Wasser stürzt in schweren Güssen herab. Es ist April. Was nicht unbedingt für eine rasche Änderung der Wetterlage spricht und die Stimmung nicht gerade hebt. Wird ’ne tolle Expedition werden, wenn’s morgen weiter so schüttet.

Vor uns liegt die „Hölle des Nordens“, wie man den Rad-Klassiker zwischen Paris und Roubaix in Flandern nennt. Wir sind jedoch nicht mit Rennrädern, sondern motorisiert unterwegs. Wobei Motorräder mit dem Rennen auf besondere Weise verbunden sind – durch die Journalisten, die mit zitternder Stimme als Beifahrer berichten, während die Maschinen über das wüste „Katzenkopfpflaster“, wie die Basalt- und Granitwege hier im einsamen Norden Frankreichs genannt werden, holpern. Klopfen Sie sich beim Sprechen rhythmisch auf Ihre Brust, und Sie erleben, wie Legenden entstehen. Nach wie vor ist es so, dass auf den gepflasterten Streckenabschnitten, den „secteurs pavés“, oft keine Autos als Rennbegleitung durchkommen und die „Motards“ auch den technischen Service havarierter Radrenner übernehmen und Ersatzräder mitchauffieren. Diese üblen Wege, die häufig nur noch aus Bruchstücken des alten Pflasters bestehen und fast romantisch zwischen den schlammigen Äckern Nordflanderns hindurchschwingen – sie wollen wir entdecken. Sie sind das letzte Abenteuer im Norden.

Der Start des Rennens liegt nicht etwa, wie der oberflächliche Zuschauer meinen könnte, in Paris, sondern rund 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt in Compiègne. Der Verkehr auf den Straßen rund um Paris, der sich seit der ersten Austragung 1896 stark veränderte und immer hektischer wurde, erzwang vermutlich eine Verlegung des Startpunkts gen Norden.
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Foto: Kutschera
Die ersten 50 Kilometer bis Saint-Quentin verlaufen im Rennen eher unspektakulär, es ist hohes Tempo angesagt, und die Ketten surren noch wohlgeschmiert über die Kränze. Auf breiten, gut asphaltierten Straßen geht es den gefürchteten „Katzenkopf“-Strecken entgegen. Im Rennen hat diese Etappe keine besondere Bedeutung. Die Radprofis rollen sich erst einmal ein, bevor es 40 Kilometer weiter ans Eingemachte geht. Die ersten Kilometer nach Compiègne stellen auch für Motorradfahrer keine Herausforderung dar. Und unter touristischen Aspekten hat die Nationalstraße N 32 ebenfalls nicht allzu viel zu bieten. Wir starten daher gleich in Saint-Quentin, wo laut Reiseführer nicht nur die Quelle der Escaut liegt, sondern auch im Jahr 287 der Heilige Kwinten oder Quintus ermordet wurde. Dank dessen Anwesenheit vor rund 1800 Jahren können wir nun von unserem Hotelzimmer die Aussicht auf eine der schönsten Kathedralen Frankreichs genießen, die etwa 800 Jahre nach dem Mord an dieser Stelle erbaut wurde. Außerdem ist Saint-Quentin die inoffizielle Hauptstadt des Vermandois, dem Vermandland, und war einst Festung der Viromandui – eines keltischen Volks, das wie alle anderen von den Römern schwer malträtiert wurde, die Dorfgemeinschaft von Asterix und Obelix mal ausgenommen.

In einem nahe gelegenen Restaurant grübeln wir über den möglichen Streckenverlauf des Rennens, versuchen, das Roadbook der Organisation auf die Michelin-Karte zu übertragen. Nicht einfach, da sich so eine Wegbeschreibung offenbar hauptsächlich an Leute richtet, die den Weg bereits kennen: die Fahrer selbst, die Begleitkarawane und die lokale Bevölkerung, die den göttlichen Piloten passieren sehen will. Und die schon wissen, was es heißen soll, wenn irgendwo „VO Début du secteur pavé de Quiévy à St. Python“ steht. Da tiefer gehende Beschreibungen fehlen, reimen wir uns schließlich den größten Teil der Route zusammen. Ob wir sie morgen wirklich finden werden, ist eine andere Sache.

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