Fränkische Schweiz Fröhlich, Fränkisch, Frisch

Eine kleine Region mitten in Franken ist mehrfach Guinnessbuch-verdächtig. Mit ihrer Brauerei-Dichte hat sie es schon zu einem Eintrag geschafft. Ihre nicht minder beeindruckende Kurvendichte macht die Fränkische Schweiz bei Motoradfahrern zum Rekordhalter.

Eigentlich lag es an den hohen Bierpreisen in München. Und an dieser Zeitungsbeilage mit der Schlagzeile: „Die zehn besten bayerischen Alternativen zum Wiesenbier”. Dass dazu ein Bier aus der Fränkischen Schweiz zählte, war ein Punkt. Dass es dort geniale Motorradstrecken geben soll, ein weiterer. Jedenfalls entschieden wir uns, auf die Schnelle in die Gegend zwischen Nürnberg, Bayreuth und Bamberg zu fahren und die Sache selbst zu überprüfen. Gerhard mit der BMW G 650 Xcountry, ich mit dem coolen Schwestermodell 650 Xmoto. Über die A 9 nach Nürnberg, dann weiter über die A 3 und A 73 bis Forchheim.

Nur wenige Kilometer hinter der Abfahrt, gleich hinter Ebermannstadt, fängt ein spaßiges Kurvengewedel an. Linkskurve, Rechtskurve, Linkskurve. Immer der B 470 folgend, die in ausgelassenen Schwüngen durchs Wiesenttal führt. Eine Burgruine hier, ein Fachwerkdorf dort. Dazwischen Wälder, Wiesen, Flussidylle. War ja klar, dass die mit 73 Kleinbrauereien bestückte Fränkische Schweiz nicht nur für Biertrinker, sondern auch für Motorradfahrer etliches zu bieten hat. Bei der Recherche im Internet fanden sich jede Menge Fränkische-Schweiz-Touren und Event-Tipps samt GPS-Daten zum Herunterladen. Und auf „You Tube” kursiert gar ein Video-Clip mit dem Titel „Biker-Treff Kathi-Bräu in Franken”.Das tal der Wiesent zwischen Behringersmühle, Waischenfeld und Plankenfels hinter uns lassend, nehmen wir in Aufseß-Heckenhof die Einfahrt zu besagtem Kathi-Bräu unter die Räder. Wo – ziemlich makaber – als erstes das Schild „Tempo 200 schafft Organspender” auftaucht. Dahinter dann die Brauerei mit Biergarten, der um diese Uhrzeit noch geschlossen hat. Auf dem Asphalt ringsum verteilen sich Spuren von Motorradreifen wie ägyptische Hieroglyphen. Zeichen von Wheelies, Stoppies oder Burnouts? „An manchen Wochenenden parken hier 200 bis 400 Motorräder“, grummelt ein Passant in Wanderstiefeln, der, wie er stolz berichtet, zum wiederholten Mal den 13 Kilometer langen „Brauereien-Wanderweg” absolviert. Die Rundtour verbindet die vier Brauereien der Gemeinde Aufseß. „Nicht irgendwelche Brauereien”, betont der Wanderer, sondern „Weltmeisterbrauereien“ – laut Guinnessbuch der Rekorde hat die 1400-Seelen-Gemeinde Aufseß die höchste Brauerei-Dichte der Welt.

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Zurück im Wiesenttal, fragen wir uns, ob auch schon mal jemand die Kurvendichte der Region gemessen hat. Einen Versuch wäre es wert, hinter Freienfels zwirbelt sich die Straße in schier endlosen Schleifen am Fluss entlang. Rechter Hand bauen sich Felswände auf – namens „Rockpalast“, „Harry-Potter-Wand“ oder „Purzelstein“. Die Fränkische Schweiz ist Kletter-Revier. Auf nahezu jedem Felsen leuchten knallbunt gekleidete Sportler, die – mit Seilen gesichert – mitunter nur wenige Armlängen von unseren Motorradhelmen entfernt über dem Fahrbahnrand baumeln. Kaum sind die Felsen in den Rückspiegeln verschwunden, mutiert die Straße zur fast alpinen Trasse und stürzt sich in breiten Kehren und lang gezogenen Kurven nach Würgau hinab. Wow! Die wohlweislich auf 70 km/h beschränkte Strecke mündet in die Würgauer Ortsdurchfahrt, und die führt an den beiden Braukesseln der Brauerei Hartmann – „würzig süffig – mit Felsquellwasser gebraut“ – vorbei. Einen Moment zuckt die Bremshand. Doch wir bleiben standhaft wie Odysseus beim Gesang der Sirenen und lenken die BMW über verwinkelte Sträßchen weiter ins Kleinziegenfelder Tal.Um sich an der Schönheit dieser Landschaft zu berauschen, braucht es auch gar kein Bier. Gerade mal zwölf Kilometer lang, führt das Kleinziegenfelder Tal an einem romantischen Potpourri aus Mühlen, Fachwerkdörfern und hoch aufragenden Kalksteinfelsen vorbei.

Ein Abstecher hinauf nach Arnstein muss sein, schon wegen des genial gewundenen Bergsträßchens, das an schroffen Felsformationen entlang durch die Wacholderheide führt. Ein Blick auf die kleine Wallfahrtskirche, dann stürzen wir uns wieder hinab ins Tal, rauschen nach Weismain und weiter nach Burgkunstadt und Marktzeuln. Als ich den hölzernen Treppenturm des Marktzeulner Rathauses im Vorüberfahren betrachte, erscheint plötzlich die Aufschrift „Scania“ riesengroß im Rückspiegel. Zeitgleich kreischen die Druckluftbremsen eines 40-Tonnen-Sattelzugs auf. Nichts wie weg hier! Ich rette mich in die nächstbeste Seitengasse, begutachte das explosiv angestiegene Verkehrsaufkommen und stelle beim Blick auf die Karte fest, dass es uns vor lauter Fahrspaß versehentlich ins Obere Maintal verschlagen hat. Also zurück. Bei Lichtenfels über den Main und an Kloster Langheim vorbei gen Süden. Frauendorf, Ober-, Unter-Küps, Kleukheim. Traumhaft verschnörkelte Sträßchen tun sich da auf, in den Orten Fachwerkgebälk und an Hauswänden emporrankende Rosen. Zwischen den Bauernhäusern ein hinter Geranien verbarrikadierter Dorfladen, in dem man Wacholderschinken, die Bild-Zeitung und Eis am Stil kaufen kann.

Trubel herrscht erst wieder in der von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekürten Bamberger Altstadt, wo wir zwischen internationalen Touristengruppen die Kreuzfahrtschiffe auf dem Main-Donau-Kanal, die Fischerhäuschen von „Klein-Venedig“ und das auf Pfählen errichtete Alte Rathaus über der Regnitz betrachten. Gegen Abend rollen wir schließlich im Schlepptau eines „Weismainer“-Brauereiwagens – Motto: „fröhlich, fränkisch, frisch“ – über Schesslitz erneut der „Brauereiweltrekordgemeinde” Aufseß entgegen. Ziel: der Brauerei-Gasthof Reichhold in Aufseß-Hochstahl, dessen Zwick’l-Bier laut unserer Zeitungsbeilage zu den zehn besten Alternativen zum Oktoberfestbier gehört. Als wir einchecken, kommt gerade eine Wandergruppe vom Brauereienwanderweg an. In der Wirtsstube füllen sich die Gläser mit Lager, Zwickl, Hefeweizen und Bock, die Gäste spielen Bierquartett, an der Wand hängen Meisterbriefe in Sachen „Mälzer- und Brauerhandwerk“, im Herrgottswinkel steht ein Bierhumpen. Der Chef des Hauses, Hilmar Reichhold, stempelt den Wanderern eine Urkunde als Nachweis ab, die besten Biere der vier „Guinnessbuch-Weltrekordbrauereien“ erforscht zu haben.

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Wir verzichten auf den mit der Bierurkunde verbundenen Titel „Fränkischer Ehrenbiertrinker der Weltmeisterbrauereien“, gehen stattdessen die „Bier-Erforschung“ mit einem Zwick’l pro Nase gelassen an. Schließlich setzt man in der Fränkischen Schweiz in Sachen Bier auf Qualität statt Masse. Die hiesigen Brauereien, erläutert der Wirt, produzierten mit 3000 bis 5000 Hektolitern relativ kleine Mengen. Jeder Brauer kredenze, was ihm schmecke – das, so Hilmar Reichhold, mache die Vielfalt aus. Vielfalt gebe es im Übrigen auch in der Motorradfraktion in der Fränkischen Schweiz. Vor allem an sonnigen Wochenenden drückten die Biker aus Bamberg, Nürnberg, Bayreuth, Forchheim und Kulmbach ins Herz der Fränkischen Schweiz herein, auf manchen Kurvenstrecken ginge es dann zu wie auf den Dolomitenpässen, da reiche der Helm des entgegenkommenden Bikers schon mal über die Mittellinie. Tags darauf wölbt sich der Himmel über der Fränkischen Schweiz in strahlendem Blau. Also schnell frühstücken und nichts wie raus auf die Straße – das Wochenende naht.

Über Waischenfeld gelangen wir ins Ailsbachtal und lassen die BMW über ein gewundenes Asphaltband gen Süden rollen. Wälder, Wiesen und die spektakulär auf einem Felsen thronende Burg Rabenstein huschen im Augenwinkel vorbei. Das Wiesenttal und Schlangenlinien hinauf Richtung Gößweinstein tauchen auf. Ein Seitenblick trifft die Wallfahrtsbasilika zur Heiligen Dreifaltigkeit, kurz darauf geht es – in göttlich rasanter Schussfahrt – weiter nach Pottenstein. Ein steil emporragender Felsen mit Burg, ringsherum Fachwerkhäuser. Pottenstein trägt seinen Ruf als Besuchermagnet der Fränkischen Schweiz zu Recht. Gleich am Ortseingang läuft uns ums Haar eine mit Kameras ausgestattete Menschentraube vor die Reifen. Wandergruppen ziehen durch den Ort, Familienausflügler auf Rädern, etliche Touristenbusse. Dazwischen posiert die Dorfjugend bei heruntergekurbelten Scheiben in tiefergelegten 3er-BMW. Gar nicht so einfach, sich in die Straße gen Tüchersfeld einzufädeln. Ein hal-bes Dutzend Ducati mit Nürnberger Kennzeichen bollert vorbei, gefolgt von einer Gruppe Gold Wing aus Bayreuth und einer Kawa-Gang aus Forchheim. Da ist sie also, die Motorradfraktion aus den umliegenden Städten. Unser Wirt hat es prophezeit.

Am Brauerei-Gasthof Wagner-Bräu geraten wir zwischen 16 Harley des „Lahn River Chapter Germany“ und fluten mit unseren schmalbrüstigen 160-Kilo-Bikes inmitten des martialisch grollenden Schwergewichts-Pulks gen Westen. Als hinter dem Schild „Willkommen im Felsendorf Tüchersfeld“ weitere Bikes hervorquellen, wirds uns zu viel. Nach einem Blick auf die Karte flüchten wir über Gößweinstein gen Süden. Über Bärnfels kurven wir zum 514 Meter hohen Walberla, einem uralten Kult- und Wallfahrtsberg. Weiter geht’s im Zickzack nach Gräfenberg, mit Schmackes nach Hiltpoltstein. Felsen hier, Fachwerk dort und Motorradfahrer, wohin man blickt. Richtig ruhig wird es erst in Möchs, einem winzigen Kaff jenseits der B 2. Ein Hund döst mitten auf der Straße, ein anderer bellt hinterm Gartenzaun. Letzterer, ein zwölf Jahre alter Schäferhund, hört auf den Namen Artos und beschützt die Motorräder von „Brünner’s Oldtimer Museum”. „Alles eigene Sachen“, strahlt Peter Brünner, der gemeinsam mit seinem Vater inmitten eines Wohnhauses ein Museum errichtet hat.

Mit „eigenen Sachen“ sind nicht nur die gut 140 Bikes à la NSU Super Fox oder Victoria Fix Sport gemeint, sondern auch die 200 Räder, Berge von Schrauben, Kolben, Auspuffe, Lampen, Beiwagen, Sättel sowie alte Simson- und Zündapp-Tanks, die fein säuberlich gewienert von der Decke hängen.Wenn Peter Brünner durch die Fränkische Schweiz tourt, dann am liebsten sonntags zwischen sechs und zehn in der Früh oder spät am Abend. Dann sei von den Rasern aus den umliegenden Städten nichts zu sehen, könne man kreuz und quer durch die Botanik zockeln. Oder mit 30 durch die Ortschaften. Mal dahin, mal dorthin schauend. Für ihn sei Motorrad fahren Entspannung. Klar gebe es am Abend nach der Tour hin und wieder ein Bier. Welche Sorte? Etwa Rehbier? Elchbräu? Oder Eber-Weiße? Peter Brünner winkt ab. Er trinkt Jever – aus dem hohen Norden. Auf dem Weg von Obertrubach nach Pegnitz geben wir noch mal richtig Gas, um es danach – in Anlehnung an Peter Brünner – gelassen anzugehen. Ötteln entspannt durch den Veldensteiner Forst. Rollen an „Kaiser-Bräu – kräftig, bernsteinfarben, heimatverbunden“ vorbei durch Neuhaus. Lassen die Bier- (Allmächtiger! Jetzt reicht’s aber allmählich!) und Burgenstraße links liegen und dirigieren die beiden Einzylinder durch die Hersbrucker Schweiz gen Süden.

Noch ein Schlenker durchs Hirschbachtal, eine Runde um den Rothenberg bei Schnaittach. Bei Lauf schwenken wir auf die Autobahn. Und wissen nun, wenn am 19. September das Oktoberfest beginnt, dass es in der Fränkischen Schweiz 73 Alternativen zu den Münchner Großbrauereien gibt – und dass man sich an den kleinen Kurvenstraßen auch ohne Bier von morgens bis abends beschwipsen kann.

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