Franken Einsame Spitze

Kurven, Küche, Kalksteinklippen: Der Naturpark Fränkische Schweiz begeistert nicht nur Gourmets und Naturfreunde, sondern ist auch für Biker aller Hubraumklassen ein ideals Revier.

Tief wummernd brummt die Guzzi California Evoluzione ihr Lied. Rauf und runter spielt der Kontrabaß die Tonleiter. Im Rückspiegel erkenne ich bei jedem Umlegen in die nächste Biegung Klaus auf der gelben Centauro hinter mir. Jetzt passiert die Straße ein kleines dunkles Wäldchen, und dann - ist Klaus auf einmal weg. Verdammt noch mal, was macht der? Also umkehren und nachschauen, ob was passiert ist. Ein Panne oder Schlimmeres? Nein. Da steht die Centauro im Schatten des Tannenhains, und Klaus bricht gerade seinen Weg aus dem Unterholz zurück auf die Straße: »Mann, die Kälte geht einem durch Mark und Bein.« Und wohl auch auf die Blase. Während Klaus sich seine Überziehjacke aus dem Packsack angelt und gegen den kalten Fahrtwind vermummt, wärme ich mir meine Hände am Zylinderblock. Letzte Woche erst hatte Klaus mich gefragt; ob ich Lust auf eine Motorradtour in den Naturpark Fränkische Schweiz hätte. Zwischen Bamberg im Westen und Bayreuth im Osten, der fränkischen Metropole Nürnberg im Süden und der Autobahn A 70 als nördlicher Grenze böten die Flußtäler der Fränkischen Schweiz und die Berge des südlich anschließenden Veldensteiner Forsts eine Motorrad-Landschaft, in der kein Hinterreifen flach bliebe. Geniale Strecken, feines Essen, Klaus ließ keinen Sinnesreiz unangesprochen. Und schließlich sei’s ja noch eine dieser genialen Maiwochen, in der ein Feiertag den Donnerstag versüsse. Okay, abgemacht. Im Büro kurzen Prozeß gemacht, ein paar Termine verlegt, Gepäck aufs Motorrad gezurrt, und schon ging´s los ins Oberfränkische. Statt auf einer Rundtour jeden Abend eine neue Unterkunft suchen zu müssen, mieten wir uns mitten in der lediglich 50 mal 50 Kilometer umfassenenden Kernregion des Naturparks Fränkische Schweiz ein. Der Gasthof »Zum Bayerischen« in Ebermannstadt kommt uns gerade recht. Von hier aus ist jeder interessante Punkt der Gegend in 45 Minuten erreichbar. Und das Haus liegt praktisch direkt an der lokalen Motorrad-Rennstrecke B 470, die in herrlichen, schnellen Kurven geradewegs in das Wiesenttal führt. Die Wiesent - der Name stammt von den Wiesenflächen, die den Fluß im Talgrund begleiten; die zottigen Wildrinder gibt es hier nicht - hat sich ihr Bett im Lauf von Jahrtausenden stellenweise 200 Meter tief in den fränkischen Jura-Kalk gegraben. Auf dem Motorrad durch diese frühlingsbunte und sattgrüne, von grauen und weißen Kalkzinnen und Schründen eingerahmte Mittelgebirgslandschaft zu rollen ist besser als Kino. Das zwischen sanften Kuppen und tiefen, canyonartigen Flußtälern wechselnde Panorama ergänzen Fahrtwind, Schräglagen und die geniale Guzzi-Akustik zum Gesamtkunstwerk. In den ersten deutschen Bauernkriegen um 1430 ist Oberfranken von plündernden Horden aus Nürnberg und Bayreuth ziemlich häufig heimgesucht worden. Davon zeugen nicht nur die herrschaftlichen Burgen auf den Zinnen der Kalkfelsen, wie Rabenstein und Rabeneck nahe Waischenfeld, sondern auch die sogenannte Kirchenburg St. Georg in Effeltrich, im Süden des Naturparks zwischen Forchheim und Erlangen gelegen. Die Effeltricher Bauern hatten irgendwann keine Lust mehr, der Willkür der Landsknechte ausgesetzt zu sein und sich immer wieder von ihnen ausrauben zu lassen und setzten diesem Treiben mit der Fluchtburg ein Ende. Während ich die rustikalen Festungsanlagen von innen und außen begutachte, läßt sich Klaus im Kircheninnern von dem Restaurator des barocken Kirchenaltars in feingeistige Gespräche über Kunst und Blattgold verwickeln.So hart das Leben im Mittelalter manchmal gewesen sein muß, so sehr wußten die Effeltricher Bauern es in friedlicheren Zeiten offenbar auch zu genießen. Genau gegenüber der Kirchenburg steht eine mindestens 800 Jahre alte Linde, in deren flacher, 20 Meter breiter Baumkrone sich noch heute ein Tanzboden für sommerliche Feste verbirgt. Wie wird das damals wohl gewesen sein beim Tanz, wenn die Musik spielte und der Wind romantisch flüsternd durch die Krone fuhr.Zwei Tage lang kommen wir von den Motorrädern kaum runter. Strahlender Sonnenschein, milde Temperaturen und geniale Strecken: genau das Richtige, um die Sinne schweifen und die Rasten schleifen zu lassen - oder, was die California betrifft, die Trittbretter. Leider ziehen am dritten Tag dicke Wolken auf, und die anfängliche Kühle umgibt uns wieder. Doch vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht. Denn heute ist Donnerstag und somit Feiertag. »Bei schönem Wetter wären die Straßen hier so verstopft wie in der Stadt zur Hauptverkehrszeit«, weiß Uwe aus dem südlich gelegenen Schnaittach zu berichten, den wir mit seiner Kawasaki ZXR 1100 an einer Tankstelle treffen. Uwes Beschreibung wird von Hans-Peter aus Gräfenberg unterstrichen. »Schön ist sie schon, unsere Fränkische Schweiz«, gesteht der BMW R 1100 GS-Fahrer zu, »aber an den Wochenenden und Feiertagen oft auch gefährlich. Wenn die buntbelederten Heizer aus dem nahen Nürnberg bei uns ihre Fahrkunst üben, kann man fast nur noch zu Hause bleiben.« Durchfahrtverbote für Motorräder in einer ganzen Reihe von Ortschaften scheinen die nicht sehr rücksichtsvolle Fahrweise mancher Biker zu bestätigen. Klaus hat sich schon wieder dick eingemummelt, und wir planen die weitere Route auf der Karte. Kleine Kreisstraßen, die sich als dünne gelbe Linien in vielen Windungen auf dem Blatt abzeichnen, sehen vielversprechend aus. Und tatsächlich genießen kurz darauf die beiden Guzzi permanente Schräglage. Beinahe menschenleer ziehen sich die Sträßchen über Birkenreuth quer zum Wiesenttal in Richtung Waischenfeld. Gestern war es noch so warm gewesen, daß wir im Tal der Pegnitz, die östlich von hier der Wiesent zufließt, zur Abkühlung eine Rast am Fluß eingelegt haben. Obwohl recht langsam fließend, erwies sich die Pegnitz als so kalt, daß den Anglern die Forellen von allein in die Pfanne springen, um sich aufzuwärmen. Heute läßt mich der Gedanke an das eiskalte Wasser noch mehr frösteln.Wenn’s noch frischer wird, könnten wir uns ja auch eine der vielen Tropfsteinhöhlen der Gegend ansehen, schlage ich bei einer kurzen Pause vor. Das durch den Waldboden gesickerte Regenwasser löst den fränkischen Jura-Kalkstein auf wie Säure, um ihn an anderer Stelle in grandiosen Tropfsteinhöhlen wieder abzulagern. Von den etwa 100 bekannten Höhlen in der Fränkischen Schweiz können zehn auch von Turnschuh- oder Helm-Touristen betreten werden, wie etwa die Bing-, Rosenmüller- und die Oswaldhöhle im Wiesenttal, die Sophienhöhle am Ailsbach oder die berühmte Teufelshöhle an der Püttlach. Klaus ist immer noch für Kurvenhatz. »Erst wenn’s regnet. Laß uns doch noch weiterfahren«, erwidert er auf meinen Vorschlag. Deswegen seien wir schließlich hier. Aber nicht nur. Denn wer mit offenen Augen in der Region unterwegs ist, wird sofort entdecken, was Oberfranken noch zu bieten hat: Sehr verlockend und auf jeden Fall eine Alternative für einen trüben Fahrtag ist der Besuch einer der über 300 kleinen Brauereien. Praktisch jedes Dorf braut hier seinen eigenen Gerstensaft und lanciert damit die Region in rekordverdächtige Ebenen: »In Oberfranken stehen mehr Privatbrauereien auf einem Fleck versammelt als irgendwo sonst auf der Welt«, ist sich zumindest Hilmar Reichhold sicher, Braumeister in Hochstahl, einem kleinen Ort etwa zwölf Kilometer nordöstlich von Ebermannstadt. »Bierbrauen war hier früher eine Winterbeschäftigung, wenn auf den Feldern nichts zu tun war, so wie das Kuckucksuhren-Bauen im Schwarzwald oder die Spielzeug-Schnitzerei im Harz.« Hinter jeder Brauerei lag ein kleiner Weiher, aus dem im Winter Eisblöcke gesägt und in den Eiskeller gebracht wurden, um den Biersud und das gärende Bier auf Idealtemperatur herunterzukühlen und länger haltbar zu machen. Heute hat moderne Kühl- und Lagertechnik auch in den kleinen Privat-Brauereien Einzug gehalten.Dennoch unterscheiden sich das Reichold-Bier und die anderen lokalen Sorten gewaltig von der Massen-Markenware aus den Supermarkt. »In den großen Brauereien wird das Bier vor dem Abfüllen geradezu zu Tode gefiltert und anschließend mit Kohlensäure vergast«, erklärt der Braumeister, »das geht gar nicht anders, um das Bier lange haltbar zu machen. Unseres hingegen ist nach vier, spätestens sechs Wochen getrunken. Deshalb können wir viel mehr auf Geschmack als auf lange Lagertauglichkeit hin brauen.«Trocken ist alle Theorie, und so mache ich unter Klaus’ strengen Blicken, es ja bei einem Glas zu Mittagessen zu belassen, die Praxisprobe. Von einer hellen Bräune, leicht trüb und mit einer sahnegelben Krone lacht das Reicholder im Glas. Und ich gleich darauf mit. Wer so ein köstliches Bier braut, tut gut daran, wie Hilmar Reichold auch Gästezimmer zur Übernachtung anzubieten. Klaus’ Argumente für die Tour fallen mir wieder ein »Feine Strecken, gutes Essen«, hatte er geködert. Und recht gehabt. Zum Bier hat sich inzwischen eine weitere, deftige Spezialität Frankens auf den Holztisch gesellt: Schlachtplatte, Preßsack-Brotzeit und Krautwurst. Wir wollen noch ein weiteres Brauhaus, nämlich Kathi’s, besuchen, das in Heckenhof bei Aufseß, ganz nah bei Hochstahl, an der Landstraße zwischen Waischenfeld und Heiligenstadt liegt. »Das ist der Motorradfahrer-Treffpunkt der Region überhaupt. Da müßt ihr unbedingt hin«, hatten uns andere Motorradfahrer geraten. Und wirklich sieht der Vorplatz bei Kathi’s aus wie ein Parkplatz in Hockenheim bei der Superbike-WM. »Das ist noch gar nichts«, erzählen uns die Tischnachbarn. »Wenn’s heiß ist, kann man sich hier vor lauter Menschen nicht mehr bewegen.« Für die Biker aus dem Großraum Nürnberg-Fürth-Erlangen ist Kathi’s so etwas wie der Nordpol der Fränkischen Schweiz, gleichzeitig bewährter Ziel- und Wendepunkt für ihre Sonntagstouren. Am späten Nachmittag verlassen wir das summende Heerlager wieder und brechen auf in Richtung Bayreuth. Bamberg, die Alternative für unseren Abschlußabend, sei als Stadt fast zu schön nur für einen kurzen Abstecher, hatten wir erfahren. Den Dom mit dem Bamberger Reiter im Innern, die Altstadt und die lebendige Kneipenszene werden wir deshalb ein andermal besuchen, mit mehr Zeit im Gepäck. In Bayreuth aber wollen wir noch einmal richtig fränkisch schlemmen und genießen. Die Wagnerstadt, auf einem Hochplateau gelegen, ist in ihren Außenbezirken nicht gerade ein Paradies der Baukunst. Doch das soll uns nicht stören. Von früheren Besuchen weiß ich noch ein paar Orte, die wir am letzten Abend unserer Tour heimsuchen könnten. Also schnell in die Stadt zu unserem neuen Gasthof, die Motorräder in den Hof gestellt, raus aus der Motorradkluft und hinein ins Vergnügen. Quer durch den Hofgarten gehen Klaus und ich zielstrebig in Richtung der zentralen Fußgängerzone Bayreuths. Bei Stichworten wie Fränkische Bratwurst, Wildbraten und angesichts der auch hier zahlreich vertretenen lokalen Haus-Brauereien läuft mir schon das Wasser im Mund zusammen. Doch im Zentrum angelangt, gähnt uns eine fast fußgängerfreie Zone entgegen. Am Wetter kann’s nicht liegen; die dichten Wolken haben einem strahlenden Sonnenuntergang Platz gemacht. Woran aber dann? Bei der ersten geschlossenen Brauerei-Gaststätte schwant mir noch nichts; jedes Haus hat schließlich irgendwann einen Ruhetag. Auch noch nicht bei der zweiten. Als aber das dritte, vierte und fünfte Gasthaus uns mit geschlossener Türe abweist, frage ich Klaus: »Welcher Feiertag ist heute eigentlich?« »Christi Himmelfahrt, warum?« Weil wir gerade an einem der höchsten kirchlichen Feiertage versuchen, in einer erzkatholischen Stadt ein geöffnetes Gasthaus zu finden, darum. Da hilft nicht mal das bewährte »Geht nicht, gibt’s nicht«-Motto. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen - und heute ist sein Tag. Also streichen wir die Nürnberger Würstchen und das Selbstgebraute von unserer Speisekarte und stoßen wenig später bei Murgh Tandoori und Sabji Samosa in einem indischen Restaurant an auf die Kurven, Küchen und Kalksteinklippen der Fränkischen Schweiz. Aber wir kommen wieder.

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