Frankenwald In Bayern ganz oben

Am nördlichsten Ende Bayerns, eng an die Thüringer Grenze geschmiegt, verbirgt sich der Frankenwald: ein wahres Kurvenparadies - und bekannt für gute »Bratwürscht« und starkes Bier.

Irritiert stiere ich auf den silbernen Ohrring. Sein Träger, etwa Mitte 50 und unauffällig gekleidet, sieht eher aus wie jemand, der sich über diese Art von Männerschmuck aufregen würde. Der Herr des Rings ahnt meine Gedanken und lacht: »Ohrringe sind seit Hunderten von Jahren Erkennungszeichen der Flößer«, sagt er in seinem angenehmen fränkischen Dialekt, dessen Hauptmerkmal darin besteht, keinen hörbaren Unterschied zwischen »d« und »t« zu machen.Je länger Elke und ich auf den kurvigen Asphaltbändern durch den sattgrünen Frankenwald rauschen, wird uns klar, warum die Flößerei in dieser Region über lange Zeit ein bedeutender Wirtschaftszweig war: üppiger, qualitativ hochwertiger Nadelwald und zahllose Wasserläufe, aber wegen der kargen Böden nur wenig Landwirtschaft. Die Bauern schlugen ihr Holz, schälten es und zogen schließlich die Stämme mit Pferdegespannen zu den Flüssen und Bächen. Die Flößer schnürten die Stämme zusammen und schipperten flußabwärts. Dort, wo die Wasserläufe breiter wurden, verbanden sie die Flöße zu immer größeren, schwimmenden Plattformen. Hütten, Schlachtvieh, Bierfässer und alles mögliche Sonstige fuhren so die Flüsse entlang. An den Zielorten zerlegten die Flößer ihre schiffbaren Untersätze, trockneten die Stämme und verkauften sie mit Gewinn.Zwei, drei Stunden bummeln wir durch eine liebliche Landschaft, meistens im Schatten hoher Bäume, aber immer auf Strecken, die ausschließlich aus Kurven bestehen. Viel zu schnell erreichen wir Unterrodach. Hier wurde uns von dem Flößer das urige Museum seiner Zunft empfohlen. Neugierig blicken wir auf die zahlreichen Exponate und erfahren aus den zeitgenössischen Schriften, daß die Flößer »rauhe und rauflustige Gesellen« waren. Trotzdem wurden sie von allen bewundert und beneidet. Denn sie gehörten zu den wenigen, die damals die Möglichkeit hatten, aus der Enge fränkischer Dörfer auszubrechen, und die große, weite Welt kennenzulernen, obwohl uns Holland, das Ziel ihrer Floßfahrten, heute lächerlich nah erscheint. Erst im 20. Jahrhundert wurden die Flößer von Lastwagen und Eisenbahnen verdrängt. Allerdings hat die Zunft im Frankenwald als Touristenattraktion überlebt. Immer samstags öffnen sich Schleusen und Wehre, und es geht vollbeladen mit jung und alt die Wilde Rodach hinunter, von Schnappenhammer nach Wallenfels.Aber nicht nur Wasserratten kommen entlang der Wilden Rodach auf ihre Kosten. Während es südwestlich von hier in der Fränkischen Schweiz am Wochenende fast zu Motorradstaus kommt, hält sich im oberfränkischen Dreieck Kronach-Kulmbach-Hof der Zweiradverkehr noch in Grenzen. Auch da, wo die Rodach den Zusatz »Wilde« nicht mehr trägt, locken idyllische Sträßchen, die allesamt in der Generalkarte grüngerändert sind. Stundenlang fahren wir begeistert durch diese scheinbar immergrüne Landschaft. Oft stehen die Baumriesen so dicht, daß sie wie eine undurchdringliche Mauer wirken. Eine unheimliche Stimmung. Obwohl über dem Laubdach die Sonne scheint, fallen nur ab und zu kleine Lichtpunkte auf den schwarzen Asphalt. Wenn der Wald von großzügigen Lichtungen unterbrochen wird, entdecken wir kleine Dörfer, die fast schon liebevoll in die sanft geschwungene Hügellandschaft eingebettet sind. Es gibt Tage im Sommer, da fällt es schwer, wieder vom Motorrad zu steigen. Heute ist es wieder soweit.Über einen langen Schlenker am Nordrand des Frankenwalds entlang erreichen wir am Abend Mödlareuth, einem Dorf, das von amerikanischen Soldaten Little Berlin getauft wurde - wie Berlin teilte auch Mödlareuth eine Mauer. Auf der einen Seite war Sperrgebiet, auf der anderen herrschte reger Touristenrummel: Unzählige Besucher wollten von hier aus einen Blick in die DDR werfen, deren Bewohner es allerdings bei Strafe verboten war, von Ost nach West zu winken.Beim Plausch an der Theke eines Kiosks erfahren wir, daß die Ursache für die Dorfteilung historisch bedingt war: Schon vor 400 Jahren wurde aus dem Dorf- ein Grenzbach. Grenzsteine aus dem Jahre 1810 sind heute noch zu sehen. Eingemeißelt sind die Buchstaben »KB« für Königreich Bayern auf der einen und »FR« für Fürstentum Reuß auf der anderen Bachseite. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs verschwanden zwar Könige und Fürsten, die Grenze blieb jedoch. Bayern hüben, Thüringen drüben. Schule und Kneipe standen in Thüringen, die Kirche besuchten alle miteinander im benachbarten Töpen in Bayern.Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich alles. Der Tannbach trennte die amerikanische von der sowjetischen Besatzungszone. Die gemeinsamen Stammtischzeiten im Thüringer Wirtshaus gingen schließlich im Mai 1949 zu Ende. Mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der DDR konnte der Bach nur noch mit Passierschein überquert werden. 1952 wurde ein zehn Meter breiter Kontrollstreifen abgeholzt und umgepflügt, Dorfbewohner mußten ihre Häuser verlassen. Ein hoher Bretterzaun teilte Mödlareuth in zwei Hälften, schließlich eine Mauer, 700 Meter lang und über drei Meter hoch, die erst 24 Jahre später wieder eingerissen werden sollte.Heute ist der winzige Ort ein Freilichtmuseum. Neben Teilen der Grenzbefestigung aus ganz Deutschland ist auch noch ein Stück der alten Mödlareuther Mauer zu sehen. Hinweistafeln erklären den Aufbau von Zaun, Sicherheitszone und Todesstreifen. Kaum zu glauben, daß all das bis vor wenigen Jahren bittere Realität war.Auf winzigen Wegen fahren wir auf einer Hochfläche in Richtung Hof weiter. Eine Vogelscheuche am Feldrand erinnert an die Horrorfiguren aus Stephen-King-Verfilmungen. Kein Wunder, daß sich die gefiederten Freunde hier vom Saatgut fernhalten. Schließlich verraten uns die handgemalten Schilder an den Imbißbuden, daß wir die Bratwurst-Demarkationslinie bereits überschritten haben: Jetzt heißen die würzigen Stangen wieder Nürnberger oder Fränkische Bratwürste, nicht mehr Thüringer. Viel zu schnell erreichen wir Kulmbach - und haben mächtig Durst. Beim Hagleitner-Wirt Günther Limmer fühlen wir uns sofort wie zu Hause und erfahren, was der Frankenwäldler zu »seine Würscht« am liebsten trinkt. Bier natürlich. Und wer im Frankenwald von Bier spricht, meint das aus Kulmbach. Vier große Brauereien machen mit einer Pro-Kopf-Jahresproduktion von knapp 7000 Litern den fränkischen Ort zur inoffiziellen Bierhauptstadt der Welt. Durch den bundesweit stark gesunkenen Bierkonsum und die damit verbundenen Absatzeinbrüche gehören allerdings mittlerweile alle vier einst unabhängigen Brauereien zu einer Firma, die in Zukunft nur noch »Kulmbacher Bier« weltweit vermarkten will.Was dann mit Spezialitäten wie Eku 28, dem mit 28 Prozent Stammwürze stärksten Bier der Welt, oder dem schwarzen Mönchshof Pils passiert, ist noch unklar. Bei seiner »heiteren Bierprobe«, die Günther Limmer seit vielen Jahren vor ungezählten Reisegruppen zelebriert, schenkt er die malzigen Tröpfchen jedenfalls noch aus. Auch wir müssen probieren. Los geht´s mit dem stärksten Bier, denn die Starkbiere haben aufgrund ihrer Süße eher Aperitif-Charakter. Dem Eku 28 folgt ein Eisbock, dann wird es pilsiger. Krönender Abschluß ist ein aus einer Art Goldfisch-Aquarium getrunkenes und mit Kräuterschnaps flambiertes Weizenbier. Auf einmal geht´s uns richtig gut.Aber nicht nur wegen der Bierprobe bietet sich ein Basisquartier in Kulmbach an. Die Stadt liegt strategisch günstig im Süden des Frankenwalds, und hier beginnen praktisch direkt vor unserer Hoteltür viele traumhafte Strecken.Eine der schönsten liegt zwischen Stadt-Steinach und Wildenstein. Elke und ich verschwinden auf einem ungeteerten Sträßchen ganz legal im dichten Wald. Einspurig windet sich der Weg an einem Bach entlang, hin und her geht´s unter einem grünen Laubdach, das nur an wenigen Stellen etwas Sonnenlicht durchschimmern läßt. Dann wachsen steile Felsen aus dem grünen Untergrund zu einer beeindruckenden, vielen Meter hohen Felsenklamm, die an einigen Stellen so schmal ist, daß gerade einmal der Bach und der Weg Platz neben einander haben. Sobald der Motor steht, sind nur das Rauschen der Baumwipfel im Wind und das Plätschern des Wassers zu hören. Nur einmal kommt uns ein Mountain Biker an diesem abgeschiedenen Ort entgegen. Alaska-Feeling macht sich in uns breit - und das mitten in Deutschland. Erst nach einer Weile gelangen wir zu einer rustikalen Mühle, wo wir uns die Spezialität des Hauses gönnen: geräucherte Forellen.Aber aus dem Frankenwald kommen nicht nur würziges Bier und herzhafte Gerichte, sondern überraschenderweise auch erlesene Süßigkeiten. Deshalb kurven wir auf der Frankenwald-Hochstraße durch einsame Wälder bis zur ehemaligen DDR-Grenze, die allerdings kaum mehr zu erkennen ist. Über dem ehemaligen Todesstreifen ist längst Gras gewachsen. Hinter Ludwigsstadt thront Burg Lauenstein hoch oben auf ihrem Schiefersockel. An ihrem Fuß modelliert die Confiserie Bauer delikate Praliné-Spezialitäten, die sogar in Amerika und Japan regelmäßige Abnehmer finden - ein Paradies für Kalorienunbewußte. Aber wir beherrschen uns. Lediglich ein kleines Päckchen Marzipan-Spezialitäten verschwindet im Verkleidungsfach der BMW. Es soll uns die Heimfahrt versüßen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote