Frankfurt / Main (2)

Foto: Eisenschink
Ich bleibe noch in Wolkenkratzer-Flughöhe, auf der östlichen Mainzer Landstraße und Richtung Messe bäumen sich die Höchsten noch einmal auf, Deutsche Bank, DG-Bank, führen fort, was Frankfurter Juden wie Mayer Amschel Rothschild und die Gebrüder Bethmann Mitte des 18. Jahrhunderts begonnen haben. Die sogar US-amerikanische Staatspapiere an der jungen Frankfurter Börse erfolgreich versilberten. Heute gilt diese neben New York, Tokio und London als vierter Top-Finanzplatz der Welt, knapp 500 Kreditinstitute agieren in der Stadt. Doch der Kampf in Frankfurt war erbittert, als Banken und Bauspekulanten in den 60ern im Westend zum ersten Höhenmeter-Halali bliesen. Bürgerinitiativen und Hausbesetzer aus der nahen Uni- und 68er-Szene rangen verzweifelt um die letzten vom Krieg verschonten Gründerzeitvillen, über denen die Abrissbirnen schwangen.

Der Messe-Tower taucht auf, 256 Meter hoch und markant wie das Empire State Building. Er markiert den Ort, dem die Teilung Deutschlands Bares brachte. Nachdem Konkurrent Leipzig aus dem Rennen war, öffneten sich für Frankfurts jahrhundertealte Handelstraditionen deutlich bessere Möglichkeiten. Fast wäre für die ehemalige freie Reichsstadt noch mehr herausgesprungen. Denn 1949 bei der Wahl zur Bundeshauptstadt unterlag sie Bonn nur ganz knapp.
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Foto: Eisenschink
Bereits auf der westlichen Mainzer Landstraße bricht mit graffitibesprühten Wänden und verwahrlosten Stadtbrachen die B-Seite der Erfolgs- und Glamourwelt an. Die Eleganz ist verraucht, ramponierte Gebrauchtwagen statt teurer Porsche bevölkern die Straßen, Wurstbuden statt Maredo, und am „Wasserhäusche“ gibt’s Binding-Flaschenbier für einszwanzig statt Latte Macchiato. Wir sind im Gallus, Basis der Werktätigen seit dem vorletzten Jahrhundert. Hinter der Galluswarte entdeckt sogar die Triumph Bezugspunkte, als der riesige Backsteinbau der Adler-Werke auftaucht – Frankfurts 1887 gegründete Fabrik für Fahrräder, Motorräder, Autos und Triumph-Adler-Schreibmaschinen. Nach dem Krieg noch Arbeitgeber für 10000 Menschen, ist der stillgelegte Komplex heute steinernes Symbol des Strukturwandels und beherbergt Theater, Logistikfirmen und Kantinen.

Dahinter verläuft breit wie der Amazonas das trostlose Rangierareal des prachtvollen, 24-gleisigen Kopfbahnhofs der Innenstadt. Vorne ein paar Kneipen, die „Adler-Stube“ oder „Kleines Paradies“ heißen, daneben die Lotto-Annahmestelle und der „Badwan Auto Im- und Export“. Die Häuser grau vom jahrzehntelangen Ruß der Lokomotiven, die Ohren der Bewohner stumpf vom ewigen Rumpeln und Quietschen der Züge.

Via Camberger Brücke wechsele ich ins Gutleutviertel, dem Pendant des Gallus südlich des Bahnterrains. Dort hat Vater gearbeitet, Lkw rangiert, Kisten verladen und jahrzehntelang der Bahnhofsatmosphäre etwas abzugewinnen versucht. Verzweifelt bemühen die Bewohner sich um so etwas wie Lebensqualität, doch die Bedingungen sind im Gutleutviertel so schwierig wie im Gallus.

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