Frankreich: Korsika Die Unbeugsame

Ungezählte Besatzer mußte die Insel über sich ergehen lassen - Piraten, Touristen, Reisebusse und Motorradfahrer. Jetzt klingt der Trubel langsam ab. Doch Korsika gibt es noch immer: stolz und schön.

Es ist dieser Geruch. Es muß dieser Geruch sein. Auf dieser kleinen Landstraße nordöstlich von Calvi versuche ich endlich drauf zu kommen, was mich auf Korsika so erreicht. Was einem bereits auf den ersten Kilometern mit der Sogkraft einer Schiffsschraube geradezu in die Insel hineinsaugt. Eigentlich beginnt es schon auf der Fähre, im Morgengrauen nach einer stets schlaflosen und von zu viel Rotwein benebelten Überfahrt, wenn die ersten kleinen Inselausläufer an der Reling vorüberziehen, dann Cap Corse, der felsige Finger, karg und sich immer höher aus dem Meer aufrichtend, meistens irgendwo eine Rauchsäule in den Himmel entlassend, dann die ersten Orte. Spätestens da wabert er bis aufs Schiffsdeck, breitet sich aus, nimmt unmerklich von Nerven und Sinnen Besitz, dieser unglaubliche Duft aus zahllosen Blüten, Gewürzen und ein wenig Flächenbrand: Macchia. Eigentlich bloß ein dorniges Gestrüpp, das sich aus nahezu 2000 Einzelpflanzen zusammensetzt und die komplette Insel überzieht, das an jeder Stelle hartnäckig aus dem Boden schießt, wo nicht zäh mit Plantagen oder Wäldern dagegengehalten wird. Macchia, die Brombeerhecke Korsikas. Auch hier auf der kleinen D 151 zwischen Algajola und Aregno duftet es nach ihr. Gemütlich schlängelt sich der Weg zwischen kleinen Bruchsteinmauern, Obst- und Olivenbäumen auf die erste, knapp 500 Meter hohe Bergkette hinter der Küste hinauf. Ich bin in der Balagne, dem Garten Korsikas, wie es heißt. Aregno, St. Antonio - oben angekommen, offenbart der Blick die ganze Bandbreite der Insel: im Norden das Meer, das sich ruhig bis zu der nurmehr erahnbaren Horizontlinie erstreckt, im Süden der Monte Cinto, der höchste Berg Korsikas, der mit 2706 Metern fast das Niveau der Zugspitze erreicht und zehn Monate im Jahr mit Schnee bedeckt ist. Auch jetzt im Juni sind seine Flanken teilweise noch weiß. Zusammen mit neun anderen Kollegen durchbricht er auf Korsika die 2000er Höhenmarke und läßt alpine Gefühle und Landschaften entstehen. Karg und kühl thronen sie über den kontrastierend mediterranen Tälern, in ihren Gipfeln nur noch von Eis und Geröll umgeben, während unten in brütender Hitze Agaven und Feigenkakteen blühen. Ich durchquere das Reginotal. Die D 71 schrumpft schier auf Handtuchbreite zusammen, steigt erneut an und überquert einen winzigen, aber immerhin bereits auf gut 1000 Meter Höhe liegenden Paß. Auf seiner Südseite wechselt abrupt die Vegetation. Ich tauche unter das dunkle Blätterdach dichter Kastanien- und Steineichenwälder ab, nur von silbrig schimmernden Olivenbäum gelegentlich aufgehellt. Vorsichtig weiche ich den Ölteppichen aus, den die plattgefahrenen Früchte wie vor einer Dieselzapfsäule unter den Ästen angelegt haben. Kühe und Schweine stapfen durchs Unterholz, Gänse schnattern in kleinen Gehegen.Auf dem direkten Südkurs komme ich nicht mehr weiter, die Bergrücken werden allmählich höher und unwegsamer. Laut Karte führen nur noch Wanderwege darüber. Über die allerdings kaum komfortablere D 547 taste ich mich durch nahezu menschenleeres Gebiet in Richtung Ascotal. Es ist still und heiß, ein Milan steht reglos in der Luft, zerfallende Steinhäuser säumen den Weg. Korsika ist noch immer Abwanderungsgebiet. Rund um die großen Hafenstädte des französischen Festlands leben sie, die Corsen. Marseille gilt als ihre größte Dependance. Wenn sie zurückkommen, sind sie alt, ziehen wieder in ihre einst verlassenen Häuser und auf die Dorfplätze. Vermutlich ist auch das Boulefeld noch dasselbe wie vor 30 Jahren. Der Asco ist erreicht und damit auch der 27 Kilometer lange Stichweg zum Monte Cinto. Grün und klar sprudelt der Fluß um die Felsen, ein Kajakfahrer fädelt sich um die Klippen, Mountain Biker nehmen in kleinen Wasserbecken ein Bad, eine Picknick-Gruppen hat es sich mit Rotwein und Baguettes auf den Felsen bequem gemacht. Der Weg steigt nach ein paar Kilometern steil bergan, und bald klebt Asco, das untere der beiden Dörfer an der Strecke, in der Felswand. Nicht weniger effektvoll führt die Straße in einer vollendeten Serpentine zwischen den ersten Häusern hindurch. In der örtlichen Bar hat man offenbar Sinn für Perspektive und ein paar Stühle und Blechtische vor die Tür gestellt. So kann der Gast nun entweder über das wunderschöne Ascotal zu seinen Füßen blicken oder - dreht er Stuhl ein wenig ostwärts - geradewegs in die Auspuffsammler der Superbikes, die hier wie im Motodrom auf der Fußraste ums Eck geschraddelt kommen. Noch immer ist Korsika das Biker-Ziel Nummer eins - Kurven bis zum Abwinken und ein griffiger Straßenbelag bilden eine perfekte Allianz. Ein paar Hunde dösen am Straßenrand, ein Esel trabt zusammen mit zwei Kälbern auf der Ideallinie zwischen Bäcker und Tabakgeschäft vorbei, der Metzger kommt hupend mit seinem Verkaufswagen aus dem Tal herauf. Ein kurzes Waldstück noch, dann endet die Straße auf 1422 Höhenmetern in Haut-Asco. Umgeben von den acht weiteren 2000ern Korsikas. Als der Motor verstummt, füllt das Gluckern unzähliger kleiner Bäche die Stille - Schmelzwasser vom Monte Cinto, der sich mächtig unmittelbar neben mir erhebt. Hier liegt das Skigebiet der Insel. Jetzt ist lediglich eine kleine Kneipe geöffnet, dunkel und heimelig mit ihrem steinalten Gebälk. Ein paar Bergsteiger strecken ihre sonnengebräunten Beine in schweren Stiefeln unter den Tischen aus, drei Zelte und ein alter VW-Bulli aus Hamburg verteilen sich auf dem benachbarten Zeltplatz. Im Juni hat Korsika noch Schonzeit, bevor im Hochsommer die Urlauber die Insel aus den Angeln heben und sich garkochen lassen von der dann gnadenlos glühenden Sonne. Im August fallen selbst nachts die Temperaturen kaum mehr unter 30 Grad. Dann wird die lle de beauté zur Falle.Im Tal wütet inzwischen ein Gewitter, Blitze zucken über den schweflig gelben Himmel, Donner rollt durch die Ebene. Doch hier herauf dringen gottlob nur ein paar scharfe Böen. Ich warte ab, bis der Himmel wieder heller wird, dann stürze ich mich hinab, fahre nur ein paar Kilometer weiter nach Süden, wo sich der Golo durch das gleiche Granitmassiv wie der Asco gräbt. Nur hat er eine noch verwegenere Schlucht geformt, türmen sich die Felsen noch höher über dem Fluß, führt die Straße in schwindelerregender Höhe entlang, nur durch ein winziges Mäuerchen vor dem Äußersten begrenzt. Die Scala di Santa Regina. Allein der Name. Und schmal, so schmal. Als sich ein riesiger Langholz-Transporter in voller Straßenausnutzung um eine Biegung schiebt, stockt mir der Atem. Ich zerre das Motorrad schnell in eine Felsnische, starre auf gewaltige vorbeigleitende Räder und Achsen - er schafft es gerade so. Unfaßbar. Ich wage nicht, an die Autos hinter mir zu denken. Am Col der Vergio, dem höchsten Paß der Insel, erreiche ich auf fast 1500 Metern quasi die letzte Etage der Vegetation. Rundum steigen die grauen Felsen steil und karg wie Dolomitenkegel empor. Dann geht es nur noch hinab, hinab, in einer einzigen Kurve durch ausgedehnte Wälder der prachtvollen korsischen Kiefern, durch Evisa hindurch, das senkrecht im Berg zu stecken scheint und schon erste Blicke auf das Meer zwischen den Häusern freigibt. Stille Overtüre für das grandioseste Naturschauspiel der Insel. Hinter den letzten Häusern scheint es schon zu beginnen, ein paar Kurven noch, und dann ist es da, rot leuchtende Felsen, die sich von Meereshöhe bis auf fast tausend Meter aufbauen, in Jahrmillionen von dem so mickerig erscheinenden Golo entzweigefräst, die Straße wie eine kecke Schulterlitze an der oberen südlichen Kante tragend und schließlich sanft ins Tal hinablassend. Der Gorges de Spelunca, verschlungen, monumental, voller Felsentore und Überhänge, Mensch und Maschine oft nur durch ein kniehohes Alibi-Mäuerchen von dem freien Fall getrennt. Kiefern und Macchia krallen sich in das rote Gestein, bilden in aparter Absprache mit Himmel und Meer ein Farbenspiel der Highend-Klasse. Eine Triumph fegt vorbei, füllt röhrend noch minutenlang die Luft, bis sie am gegenüberliegenden Berghang allmählich verklingt. Einmal im Jahr bebt hier der Boden. Wenn die Rallye Korsika ihre 300-PS-Boliden mit Phonzahlen jenseits von Gut und Böse durch diese Schlucht jagt und ein Formel 1-Rennen dagegen zum Schulausflug deklassiert. Ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Selbst breche ich vermutlich eher den parolympischen Rekord der Langsamkeit, während ich versuche, dieses Landschaft aufzunehmen, ihre Genialität zu erfassen. Hier hat Korsika Weltklasse, kann im Wettbewerb der Schluchten ganz vorn mitmischen. Noch eine Felsnase, und der Golf von Porto breitet sich im abendlichen Gegenlicht aus, funkelnd und kantig wie ein norwegischer Fjord. Dort unten kreuzt die Küstenstraße. Links geht es in die Calange, rechts in vielen Kilometern zurück nach Calvi. Beides Variationen desselben Design-Themas aus rotem und grauem Granit. Diesmal zusätzlich das Meer zu den Füßen und ein paar schweigende Raubvögel über den Köpfen. Müde von viel zu vielen Kilometern sitze ich am nächsten Tag im Café in Corte, der kleinen Stadt im Innern der Insel. Für meine Begriffe habe ich genug erlebt. Genug Landschaft, genug Genialität, genügend Extreme, das Vielfache einer verträglichen Urlaubsration. Doch strenggenommen bin ich schon wieder mitten drin, denn Corte ist nicht viel anders: eine kleine Stadt mit einer Universität und 5400 Studenten, einer Zitadelle, die auf ihrem Felsen die Stadt wie ein Atompilz überragt, mit Wäscheleinen, die neapolitanisch ganze Straßenzüge überspannen, zwischen Häusern, die grau, schmucklos und vierstöckig auch irgendwo am Gotthard stehen könnten. Und davor eine Mischung schönster Straßencafés und Flaniermeilen. Korsika ist alles - Hochgebirge, Cote d`Azur, Arizona und Neapel auf einmal. Doch die ausgedehnten Kastanienwälder, die östlich der Stadt beginnen, die gibt es nur hier. Ebenso wie die lebenslustigen Schweine, schwarz, gescheckt und freigeboren, die im Laufe des Sommer so einen ganzen Kastanienwald leerfuttern können, am liebsten mitten auf der Straße wandern und in den Gräben schlammige Suhllöcher buddeln - wilde Schweine gehören zu Korsika wie weiße Rosen nach Athen. Unter einem dichten grünen Laubdach kurve ich auf Kleinststraßen durch den Ostteil der Insel in Richtung Süden. Immer wieder sprengen hartnäckige Baumwurzeln die dünne Asphaltdecke und bringen das Vorderrad zum Fliegen. Am Col de Verde kreuze ich den Wanderweg GR 20, sonst führt die Strecke einsam dahin. Ich habe zu wenig Benzin und allmählich Bedenken wegen einer Tankstelle. Sicherheitshalber schalte ich nach der Paßhöhe den Motor ab. Erst 17 Kilometer später muß ich wieder anlassen. Das sind Abfahrten auf Alpenniveau. In Cozzano finde ich gottlob einen Lebensmittelladen mit einer Zapfsäule davor. Irgendwo gibt es auch eine Bar. Hungrig verschlinge ich ein paar mitgebrachte Kekse, während die Wirtin an der Espressomaschine hantiert. Als sie es mitkriegt, stellte sie schmunzelnd einen Teller mit Chips dazu. Bon appetit.Korsika ist anders geworden. Das Gefühl des Nichtwillkommenseins, das einem früher häufig von Korsen entgegenschlug, ist sympathischer Gastfreundlichkeit gewichen. Vielleicht, weil ihr Land wieder ihnen gehört. Mehr als früher jedenfalls. Die die großen Reiseveranstalter sind abgewandert, die Regierung in Paris hat Korsika in weiten Teilen Unabhängigkeit gewährt, Korsisch ist offizielle Zweitsprache geworden. Auch wenn auf den neuen, nun zweisprachigen Wegweisern oft nur ein Buchstabe variiert - egal, hier zählt das Prinzip. Gelegentlich finden sich noch Parolen der legendären Widerstandsbewegung FLNC auf die Mauern gesprüht, doch die Zeit der spektakulären Brandanschläge und Attentate scheint vorüber. Als im letzten Jahr noch Terroristen den französischen Präfekt ermordeten, fegte eine Woge der Empörung über die Insel - das Volk steht nicht mehr hinter der Gewalt.Es wird bald dunkel, und der Col de Bavella ist nicht mehr weit. Ich bleibe weiter auf Südkurs bis Aullene, von dort ist Zonza bereits ausgeschildert. Am Fuße eines der eindrucksvollsten Berge Korsikas angesiedelt, ist Zonza quasi das Grindelwald der Insel. Hotels säumen hellerleuchtet die Straße, Touristen bevölkern die Cafés. Dahinter zeichnen sich am dunklen Nachthimmel die fünf Zacken des Bavella ab. Anders als der Monte Cinto, der eher an den vielen Schneeresten als an seiner Struktur erkennbar ist, sind die Aguilles de Bavella eine Felsgruppe von unverkennbarer Markanz. Als sich am nächsten Morgen die aufsteigenden Meereswolken durch die fünf fingerförmig aufgereckten Felsdome drängen, leuchten sie geradezu gespenstisch-schön. Wegen genau dieser Wolken blase ich die Talabfahrt zur Ostküste ab und verlege die letzte Etappe dieser Reise lieber ins Landesinnere. Bald breitet sich der wunderschöne Golf von Porto-Vecchio tief unter mir aus, eine geradezu karibisch anmutende weiße Sandbucht im türkisfarbenen Meer. Unten angelangt, übernimmt indessen ein abtörnend schnurgerader Highway mit amerikanischen Ausmaßen völlig deplaziert die restliche Streckenführung zum Südende der Insel. Da brechen sie plötzlich hervor, weiße Kalkwände hinter grünem Macchia-Gestrüpp, gewinnen immer mehr an Fläche und Höhe, bis die Landschaft schließlich ganz aus ihnen zu bestehen scheint. Korsika läßt keine Attraktion aus, endet an der Südspitze in einem gigantischen Steilabfall in strahlendem Weiß, Bonifacio, die vielleicht schönste Stadt der Insel, atemberaubend auf der letzten Landzunge drappiert. Was für ein Finale! Verwegen wie die ganze Insel selbst.

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