Frankreich Die charmante Unbekannte

Noch nie was vom Bugey gehört? Schade, denn zwischen Genf und Lyon erstreckt sich eine Region, die selbst alpenverwöhnte Motorradfahrer zu begeistern vermag - und die bei Fahrten in den Süden Frankreichs zu Unrecht meist links liegengelassen wird.

Beim Blick auf die Karte könnte ich schier verzweifeln: Mir will einfach keine richtige Runde gelingen, denn zu verlockend erscheinen die kurvigen Straßen und Sträßchen rechts und links meiner geplanten Route im Departement Ain. Kaum zu glauben, daß es von meisten auf dem Weg in die Provence oder ans Mittelmeer umfahren wird. Dabei begeistert schon die Strecke von Bourg-en-Bresse ins nahe Pont-d´Ain, und nur wenige Kilometer weiter beginnt die »Tour d´Col«. Schließlich gibt es hier im Bugey, wie der von den Flüssen Ain und Rhône eingegrenzte Südteil des französischen Jura genannt wird, Pässe in großer Auswahl. Zwar keine, die in schwindelerregende Höhen führen, trotzdem aber viel Fahrspaß bieten - und Ausblicke. Auf saftige Weiden wie im Allgäu, auf finstere Tannen wie im Schwarzwald sowie auf Städte und Dörfer, in denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint und die zum Verweilen einladen.Ein typisches Beispiel für diese unbeachtete Region ist die Auberge Col de L´ébe, irgendwo an der D8. Es ist dieser beinahe schon morbide Charme, den ich beim Café au lait genieße. Bröckelndes Mauerwerk, Plakate, die schon seit Jahren nicht mehr aktuell sind, und Musik, die kaum eine Chance auf ein Remake hat, um vielleicht noch einmal in die Charts zu gelangen. Mitten in diese Stimmung platzt Remi de Lorenzi, ein Steinmetz aus Chas-Bons. Mit viel Begeisterung berichtet er von den legendären Steinbrüchen in Hauteville. Die Freiheitsstatue sei aus den dort gebrochenen Steinen gebaut, das Senatsgebäude in Washington und der Kaiserpalast in Tokio. Die Wirklichkeit hat mich wieder. Ich zahle und rolle die D 8 weiter hinunter nach Artemare. Inzwischen verabschiedet sich das Tageslicht, und das Hinweisschild auf ein Chambre d´hote im nahen St. Martin-de-Bavel kommt mir gerade recht.Am nächsten Morgen empfängt mich das Ehepaar, die auf ihrem Bauernhof ein paar Zimmer vermieten, mit einem guten Frühstück und dem Tip, den Nationalpark von Lavours zu besuchen. So spaziere ich kurze Zeit später über den längsten Pfahlweg Europas durch eine Moorlandschaft mit seltenen Pflanzen und Tieren. Zu meiner Überraschung grasen hier auch langhaarige Hochlandrinder aus Schottland. Nach einem Nickerchen auf einer Wiese - Spaziergänge machen müde - erinnert mich der Anblick des immerhin 1525 Meter hohe Grand Colombier, warum ich eigentlich hergekommen bin - zum Kurvenräubern. Aber ein Abstecher auf den Berg, der diese Region nach Osten hin begrenzt, muß noch warten.In Vognez nämlich erschnüffelt meine Nase den Duft frischgebackenen Brotes. Ein Stopp ist unvermeidlich. Tatsächlich nennt man diesen Teil des Ain »das Land der Backöfen«. In der Bäckerei von Alain erfahre ich von einer aus dem Mittelalter stammenden Backtradition. Jedes Haus verfügte damals über einen aus Flußsteinen gebauten Ofen. Heute betreibt nur noch Alain einen dieser traditionellen Öfen, den er nach alten Plänen selbst gebaut hat, verkauft seine Brote auf den Märkten von Culoz, Champagne en Valromey und Belley - und ist begeisterter Motorradfahrer. Spontan lädt er mich ein, ihn und seine Freunde am Abend zu besuchen, um eine gemeinsame Ausfahrt für den nächsten Tag vorzubereiten.Doch bis dahin verbleiben noch ein paar Stunden. Gelassen bummle ich über kleinste Sträßchen, die zumeist durch Weinberge führen, an deren steilen Hänge die Trauben wachsen, aus denen später die zahlreichen Winzer einen erlesenen Pinot Noir zaubern - der Wein, der den Weltruf der Burgunderweine begründet hat. Am Abend dann treffe ich Alain und seine Freunde, einen Winzer und einen Glasbläser. Die Männer kennen sich seit vielen Jahren, eine verschworene Gemeinschaft, die sich einig ist, daß die überlieferten handwerklichen Fähigkeiten in diesen High-Tech-Zeiten nicht verloren gehen dürfen. Um dem Kostendruck standhalten zu können, haben sich einige der Winzer aus der Region zusammengeschlossen. Ein geradezu revolutionäres Unterfangen, erfahre ich, denn die Geheimnisse des Weinbaus werden für gewöhnlich gut gehütet. Der Rest des Abends verstreicht mit Fachsimpeleien über Motorräder und mit der Planung einer Tour für den nächsten Tag.Sonntag morgen. Vor einem kleinen Café in Aignoz treffe ich meinen neuen Begleiter, die darauf brennen, mir die Highlights ihrer Heimat zu zeigen. Über Flaxieux und Pollieu rauschen wir zügig zum Lac de Barterand, dem Badesee der Einheimischen. Ein ruhiger Ort, eingerahmt von grünen Hügeln glitzert das Wasser stellvertretend für all die Seen und Bäche des wasserreichen Bugey. Bei einer Pause lese ich am Ufer auf einer Steintafel von der Legende des Riesen »Gargantua«, der mit einem Fuß auf dem Colombier und dem anderen auf dem Dent du Chat stehend, seinen Durst in der Rhone gelöscht haben soll. Komisch, seit gestern Abend weiß ich, daß ich hier den köstlichen Pinot Noir gewählt hätte. Meine Begleiter drängen zum Weiterfahren, es gäbe ja noch soviel zu sehen heute.Ich folge einfach meinen Guides den Weg hinauf zum Mont Chat. Die Herren wissen ihren Heimvorteil zu nutzen - sie sind auf den kurvigen und verkehrsarmen Wegen zügig unterwegs. Da ich aber nicht mehr gezwungen bin, ständig auf die Karte zu schauen, habe ich den Blick frei für die Straße - und für die Landschaft drumherum. Erst Weinberge und weitläufige Felder, dann die zahlreichen bewaldeten Bergkuppen, schließlich eine Handvoll Kehren, die auf eine Höhe von 1500 Metern führen. Auf der anderen Seite des Mont du Chat glänzt tief unten der Lac du Bourget, und in weiter Ferne sind bereits die schneeglänzenden Bergriesen der Alpen in Sicht, die in der klaren Luft zum Greifen nahe erscheinen.Doch meine Begleiter entführen mich in die entgegengesetzte Richtung, wieder hinunter vom Berg und auf direktem Weg zum Cascade de Glandieu, einem Wasserfall in unmittelbarer Nähe der Rhône, der mit Dröhnen und Tosen lockt und Kühlung für unsere erhitzten Gemüter verspricht. Nach ein paar Schritten hüllt uns feiner Sprühregen ein. Ausgelassen toben wir unter dem Wassertuch aus winzigen Tröpfchen - ohne jede Chance zu verstehen, was einem der andere zubrüllt. Vorbei an dem idyllischen Winzerort Groslée setzen wir die Tour erfrischt fort, folgen der Straße noch ein gutes Stück entlang der Rhône, bis uns der Weg in nördliche Richtung zum 1025 Meter hohen Calvaire de Portes entführt. Die letzten 400 Meter auf den Gipfel erklimmen wir zu Fuß - zwar kein Spaß in Motorradstiefeln, aber der Ausblick ist´s wert. Trotz der relativ bescheidenen Höhe eröffnet sich ein grandioser Blick ins Tal der Rhône, in das der Ain und ins weit über das hügelige Land bis hin zum Colombier, der hier allgegenwärtig zu sein scheint.Der Rest des Tages vergeht wie in einem Rausch - einem Kurvenrausch. Schwindelerregend hin und her windet sich der Asphalt in Richtung Belley. Doch noch vor der kleinen Stadt peilen meine Guides den Lac d´Ambléon an, kurz dahinter fallen Felsen vor unseren Füßen mehrere hundert Meter schroff ab. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne sorgen für eine einzigartige Stimmung und lassen die Bergspitzen am Horizont für kurze Zeit noch einmal glühen. Ein gewaltiges Panorama, wie ich es allerhöchstens in den Alpen erwartet hätte.Tags drauf steht vor der Weiterfahrt ein Besuch bei Jean-Marie, dem Glasbläser und einer meiner gestrigen Begleiter, auf dem Programm. In seiner Werkstatt ist es heiß - das Thermometer des Ofen zeigt 1500 Grad an, und die abstrahlende Wärme heizt ständig auch seine Wohnung. »Bei mir ist eben immer Sommer«, meint Jean Marie, und seine Wangen glühen, als er mit einem langen Stab aus der Ofenglut eine zähe Masse holt. Dann beginnt er aus dem unförmigen Rohstoff eine Karaffe zu formen. Meine Karaffe. Ein Unikat wie jedes Teil, das Jean Marie herstellt, wie jedes Glas, das im Lauf der letzten 300 Jahre einen der Öfen dieser Region verlassen hat.Sorfältig verstaue ich den gläsernen Schatz auf der Yamaha und nehme, wieder allein, Kurs auf die Cluse de Hôpitaux. Wild ist es hier in der Schlucht. Die Felswände zerklüftet und abweisend und nur an wenigen Stellen mit spärlichem Grün versehen. Immer engen rücken die Flanken aus Stein zusammen - als wollten sie einen einschließen. Wäre da nicht das milde Licht der Sonne, es könnte einem direkt unheimlich werden.In Tenay verlasse ich die Schlucht und folge schließlich der kleinen Straße, die durch den George de l´Albarine in nördliche Richtung führt. Dunkelgrüner Nadelwald umgibt mich wie eine undurchdringliche Barriere, bis sich das Land langsam hinter Hauteville und auf dem Weg hoch zum Col de la Rochette wieder öffnet. Die Landschaft wirkt jetzt keineswegs mehr bedrohlich oder abweisend, sondern fast schon lieblich. Dafür wird die Strecke anspruchsvoller - und steiler: Der Weg hoch zum Colombier bietet mit 14- bis 19prozentigen Steigungen fast schon Alpines, gleiches gilt für den Fahrspaß, wenn auch die geschwungene Etappe bergauf vielleicht etwas länger hätte sein können. Macht aber nichts. Denn nur das Panorama zählt in diesem Moment. Ich entdecke tatsächlich die Spitze des Mont Blanc, sogar den Genfer See kann ich in nordöstlicher Richtung ausmachen, und vor mir direkt im Osten, das muß, laut der Orientierungstafel, der Lac d´Annecy sein.Wie immer, wenn ich Abschied nehmen muß, verlasse ich auch das Bugey so schnell, wie es eben geht. Parallel zur Rhône fahre ich gen Norden, in Richtung Nantua. Ein letzter Blick auf die Silhouette des Grand Colombiers im Rückspiegel. Dann umgibt mich die Monotonie der Autobahn und läßt mich allein mit Gedanken an eine Region, die glücklichweise ein touristisches Schattendasein fristet.

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