Frankreich Zimmer mit Aussicht

Südlich der großen Westalpenpässe Galibier und Iseran liegt das kleine Tal von Vallouise. Und birgt ein Stück Frankreich pur.

Am Col du Lautaret weiß ich, daß es nicht mehr weit ist. Briancon ist bereits ausgeschildert, Iseran und Galibier liegen hinter mir und damit die letzte hohe Kette der Westalpen. Von jetzt an geht es erstmal nur noch bergab. Der Paß windet sich von 2057 Höhenmetern hinab und in herrlichen Serpentinen am Fuß des Massifs La Meije entlang. Ich stelle die Honda ab und lasse den Blick schweifen. Der lange Winter ist hier gerade zu Ende. Vier Monate bleiben die Häuser der umliegenden Dörfer im Schatten der Berge, ohne auch nur einen einzigen Sonnenstrahl abzukriegen. Im Süden schimmern die verschneiten Gipfel der Drei- und Viertausender. Sie liegen bereits im im Ecrins Nationalpark, dem mit 92 000 Hektar größten französischen Naturschutzgebiet in den Departements Isère und Hautes-Alpes. Folgte ich einem der Wanderwege in südöstlichem Kurs, käme ich im Tal der Vallouise heraus, das sich südwestlich des Mont Pelvoux in die Berge gräbt. Dort ist mein Ziel. Mit dem Motorrad muß ich allerdings den Park umfahren und die Rue National N 91/N94 über Briancon nehmen. In schneller Fahrt schwinge ich die Kehren des Lautaret hinab und rolle die lange Südrampe nach Briancon hinein. Die nahe italienische Grenze hat die alte Stadt mit Wällen und Befestigungsanlagen eindrucksvoll geprägt. Nach der Stille und Einsamkeit der Hochalpen umfängt mich hier die quirrlige Lebendigkeit bereits südfranzösischen Lebens. Mountain Biker erholen sich in den Straßencafés, Alpinisten studieren ihre Karten. Immerhin ist Briancon mit 1326 Metern die höchstgelegene Stadt Europas. Von hier sind es nur noch ein paar Kilometer bis zur Abzweigung der winzigen D 994 ins Vallouiser Tal. 18 Kilometer, auf denen sich 1500 Menschen in vier Gemeinden verteilen. Les Vigneaux, Le Pelvoux, Puy Saint Vincent und das Dorf Vallouise, das in 1166 Metern Höhe liegt. Der Name wurde früher Val Louyse geschrieben, zu Ehren König Ludwigs des XI.Hinter Vallouise wird die Straße enger. Ein Weg zweigt zu den Felsspitzen der Les Bans im Westen ab, geradeaus windet sich die kleine Straße zum Pré de Madame Carle hinauf. Von dort führt nur noch ein Klettersteig zum Barre des Ecrins in 4102 Metern Höhe weiter, einer Bastion für Alpinisten aus aller Welt. Das schmale Sträßchen schlängelt sich im Schatten der hoch aufsteigenden Felsen an der kleinen, wild stiebenden Gyronde entlang. Das ausgeprägte Felsrelief zwingt der Straße ihren Weg auf, immer wieder muß der Fluß überquert werden. Kleine Siedlungen liegen am Weg, grobe Steinhäuser sind tief in den Hängen verankert. Wohnräume, Stall und zweistöckige Scheunen, meist unter einem Dach zusammengefaßt, um den schwierigen Lebensbedingungen der harten Wintermonate zu trotzen. Teilweise werden sie noch mit einem Gemisch aus Stroh und getrockneten Kuhfladen beheizt. Langsam fahre ich durch das Tal hinauf, halte im Schatten eines Baumes am Rande der Serpentinen und schaue mich um. Die Sonne schickt ihre letzten Strahlen herüber, bevor sie hinter den Bergspitzen verschwindet. Vom Flußufer bis zur letzten steilen Almwiese ist jeder Quadratmeter urbar gemacht, Felder und Weiden bis in den hintersten Winkel in Terrassen angelegt. Unter beschwerlichen Arbeitsbedingungen trozen ihnen die bergbauern seit Generationen dürftige Erträge ab, die ihnen aber bislang immerhin die Existenz sicherten. Die Häuser wurden so gebaut, daß möglichst wenig Ackerland verschwendet und dafür möglichst viel Sonne erhascht wurde und sie außerdem vor Lawinen, Erdrutschen sowie Überschwemmungen geschützt waren. Während Pelvoux ein Straßendorf ist, drängen sich in Puy-Aillaud die Häuser auf einer Felsterrasse in 1600 Metern Höhe. Alle übrigen Siedlungen überragt der Ort weit, und der Blick auf die umliegenden Bergmassive ist umwerfend. Die Häuser stehen hier so dicht, daß man sich erzählt, die Bewohner hätten in harten Wintern Tunnel unter dem Schnee gegraben, statt die Gassen zu räumen. Heute herrscht dagegen sommerliches Leben in dem kleinen Dorf. Vor dem Rathaus ist eine Partie Boule im Gange, ein paar Frauen halten auf den sonnigen Stufen eines Hauseingangs ein Schwätzchen.Beim langsamen Durchqueren dieser Dörfer fallen die alten Backöfen, Waschplätze und Mühlsteine auf. Zeichen eines früheren gemeinschaftlichen Lebens, das es heute nicht mehr gibt.Am Pré de Madame Carle ist der Fahrweg zu Ende. Hier beginnt der Ecrins Nationalpark und damit striktes Fahrverbot. Immerhin haben die Naturschützer es geschafft, hier wieder 5000 Gemsen heimisch zu machen, nachdem sie aufgrund übermäßiger in dieser region fast ausgerottet worden waren. Im Park herrscht Jagdverbot, und in den Tälern wurde 1990 ein begrenzter Jagdplan eingerichtet - eine revolutionäre Entscheidung, die die alten Traditionen völlig auf den Kopf stellte. Auf dem Rückweg halte ich auf dem Hauptplatz des Weilers von Poet en Pelvoux. An diesem Spätnachmittag herrscht eine gewisse Unruhe im Ort. Es ist nicht etwa meine Anwesenheit, die stört, auch nicht die des Motorrads. Man wartet auf Mequion. Zweimal die Woche tönt seine Hupe am Spätnachmittag in den Dörfern des Vallouise-Tals. Es ist der Lebensmittelhändler. »Melquion macht seine Runde«, sagen die Leute hier. Sommers wie winters fährt er mit seinem Peugeot-Lieferwagen dieselbe Strecke, die sein Vater bereits 1934 zum ersten Mal abklapperte, jedoch noch mit einem Planwagen. Eine Waage, eine Rechenmaschine und ein paar Holzregale bilden die Ausstattung des Kleinlasters. Zwischen den Regalen sind Gummibänder gespannt, die dafür sorgen, daß die Waren in Kurven nicht auf Wanderschaft gehen. Das Ordnungssystem ist äußert logisch: schwere Waren wie Konserven stehen unten, leichte wie Tütensuppen und Nudeln befinden sich oben, Würste und Würtschen hängen an Schnüren. Ein paar Besen und Aufwischlappen sowie ein paar Gläser mit hausgemachtem Honig runden das Warensortiment ab. Wenn Melquion kommt, trifft sich das ganze Dorf an seinen Lieferwagen. Im Winter, wenn die Sonne das Tal sehr früh verläßt, hängt er eine Gaslampe am Dach seines fahrbaren Ladens auf, und alle finden sich im Schein der Lampe ein, um einen Augenblick mit dem Lebensmittel- und Neuigkeitenhändler zu plaudern. Bei seinen Rundfahrten wird er zur bestinformierten Person der Region. Nur die Hütten im Nationalpark erreicht er über die schmalen Wanderwege mit seinem Wagen nicht. Sie müssen mit Muskelkraft versorgt werden. Jeden Tag überwindet der Träger der Glacier-Blanc-Hütte die fast 700 Meter Höhenunterschied vom letzten Parkplatz am Pré de Madame Carle bis zur 2550 Meter hoch gelegenen Hütte mit über einem Zentner frischer Lebensmittel auf dem Rücken. Er bringt alles, was auf der Hütte benötigt wird: Fleisch, Brot, Obst, Gemüse. Zur Ecrins-Hütte, die noch drei Fußmarschstunden hinter der Glacier-Blanc-Hütte auf 3200 Metern Höhe wie ein Adlernest in der Felswand klebt, werden täglich rund 25 Kilogramm auf Menschenrücken hochgeschleppt. Die Hubschrauber, deren Flugrunden über dem Park begrenzt sind, rufen die Hüttenwarte nur im Frühling zu Hilfe, wenn sie die Vorräte für das ganze Jahr anlegen: Gas, Kohle, Konserven, Getränke. Beim Preis einer Flugstunde von umgerechnet rund 3000 Mark wäre das Salatblatt unbezahlbar.Im vorigen Jahrhundert lebten rund 3500 Menschen im Vallouiser Tal. Heute sind es kaum mehr 1500. Die Haupterwerbsquelle dieser Täler war die Schafzucht, aber selbst die läßt sich andernorts leichter bewerkstelligen, wo die Tiere nicht sechs Monate lang im Stall bleiben müssen und keine teuren Investitionen für solide, winterfeste Gebäude nötig sind. Landflucht, Schließung der Schulen, der Postämter, der Bahnhöfe und das Ende des gemeinschaftlichen Lebens - traurige Wirklichkeit der französischen Berge, deren Schwierigkeiten viel zu lange von phantastischen Plänen für die Olympischen Spiele von Grenoble und Albertville verdeckt worden sind. Und die den tiefen Graben zwischen den hochentwickelten Großstädten mit Autobahnen und Superschnellzügen und den ländlichen Regionen, die sich im Stich gelassen fühlen, immer mehr verbreitert. Doch es gibt auch eine andere Seite. Jetzt sind es die Touristen und die Einsamkeit suchenden Großstädter, die frischen Wind in die vergessenen Weiler im Gebirge bringen. Ich werfe die Dominator noch mal an und lasse mich berauschen von der prächtigen Kulisse der Berge, ihrer Luft und ihrer Klarheit. Und von einer noch nicht keimfrei gemachten Welt, in der Anstrengung und Entdeckung noch nah beieinander liegen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote