Frühjahrstour Trentino (2)

Foto: Eisenschink
Frühjahrstour Trentino - MOTORRAD 7/2004
Frühjahrstour Trentino - MOTORRAD 7/2004
Ein Schild weist den Naturpark Adamello-Brenta als eines der letzten Refugien von Europas Braunbären aus. Mein Blick streift über die Landschaft: Albergo Miralogo, Souvenirladen schräg gegenüber, beide noch zu, ein Kanufahrer auf dem See, zwei Wanderer, die über einen Trekkingpfad im Dickicht verschwinden. Keine Bären. Doch wen wundert’s. Gerade mal zehn Petze sollen laut offiziellen Zählungen durchs 618 Kilometer große Parkterrain streifen. Die zwei importierten, slowenischen Braunbären, denen ich im knapp 25 Kilometer entfernten Park von Spormaggiore einen Besuch abstatte, sind da leichter auszumachen. Mit frisch erwachten Frühlingsgefühlen tollen die beiden in trauter Zweisamkeit durch ihr mit Felsen, Bäumen, Wasserfällen und Höhlen perfekt ausgestattetes 7000-Quadratmeter-Gehege.

In exzellenten Kurven führt die 421 von Spormaggiore am Castel Belfort vorbei zum Lago di Molveno, der sich wie ein Fjord zwischen den Brenta-Dolomiten erstreckt. Ich suche mir einen Picknickplatz am See, ziehe Pane Negro da Speck aus dem Tankrucksack und betrachte die schneebedeckten Gebirgsnadeln und -türme der Brenta, die sich am anderen Ufer über 3000 Meter hoch in den Himmel recken.
Anzeige
Foto: Eisenschink
Frühjahrstour Trentino - MOTORRAD 7/2004
Frühjahrstour Trentino - MOTORRAD 7/2004
Weiter geht es über winzigste Sträßchen an den Südausläufern des Gebirgsstocks entlang. Das mittelalterliche Castel Sténico taucht auf, belagert von einer Schulklasse, die das von Blumenwiesen umrahmte Gemäuer in schrillen Farben auf Malblöcke bannt – morgen ist Muttertag. Doch keine Spur von Wochenendverkehr. Einsam brabbelt der Einzylinder durch grob behauene Felstunnel, Schluchten und Wasserfälle ziehen vorbei, ein Kuckuck ruft aus den Wäldern. Sogar die Strecke über Zuclo und Fiave in Richtung Gardasee ist frei. Aber keine Motorradfahrer. Vermutlich war der Wetterbericht zu abtörnend.

Als ich Arco erreiche, erreicht auch das prognostizierte »Tief über den Alpen« die Burgfelsen und das Castel. Grimmige Wolken verfinstern die Sonne, Zypressen biegen sich im Wind, und schon bald jagt mich der Regen durch die Stadt. Vorbei ein prachtvollen Jugendstilvillen und palmenbestandenen Parkanlagen, an Schönbrunn-gelb gestrichenen Fassaden. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Arco Wintersitz der Habsburger Doppelmonarchie. Auch die Café-Bar im ehemaligen Spielcasino zeugt noch ein wenig vom alten k.u.k-Glanz Österreichs: Spiegelwände, Piano und bordeauxrot gepolsterte Empirestühle, von denen aus man die Marmorputten im Garten betrachten kann. Aufatmend hänge ich den Helm an den Hutständer, bestelle Cappuccino und eine Flasche „Kaiserwasser“ und ahne, dass seit den Besuchen des österreichischen Kaisers Albrecht von Habsburg niemand so viele Blicke auf sich gezogen hat.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote