Gran Canaria (2)

Foto: Deleker
Vorher können wir allerdings noch 20 Kilometer weit über die Geldmaschine Gran Canarias staunen, die Einrichtungen des Schön-Wetter-Tourismus. Die Südwestküste mit ihren jährlich über 300 Sonnentagen zieht die Urlauber magisch an. Hotels, Bungalowsiedlungen und künstliche Badelandschaften, so weit das Auge reicht. Erst hinter Puerto de Mogán, dem Vorzeigeort für den so genannten sanften Tourismus, wird alles anders. Es geht wieder in die Berge. Und wie. Ein schmaler Weg zweigt in El Pie de la Cuesta von der Hauptstraße ab, schlängelt sich zuerst durch Gärten und Palmenhaine und führt dann aberwitzig bergauf. Und das bedeutet Kurven, Kehren und noch mehr Kurven, die in den senkrechten Hang gehauen wurden. Zur Krönung tauscht der Weg seine löchrige Asphaltdecke weiter oben gegen groben Schotter. Wir klettern höher und höher, die Luft wird frischer und klarer, die Aussicht immer spannender. Im Vordergrund einige steile, mit kanarischen Kiefern bewachsene Bergkämme, weit unten das Tal, durch das wir gekommen sind, und am Horizont der silbern glänzende Atlantik.

Aber es kommt noch besser. Viel besser. Denn vor uns liegt das Dach der Insel, das Bergland „Los Cumbres“. Der Schriftsteller Miguel de Unamuno beschrieb es als Gewitter aus Stein. Eine monumentale Landschaft. Felsnadeln ragen wie gigantische Finger in den Himmel, senkrechte gelbe Bergwände leuchten im warmen Licht der Nachmittagssonne. Eine Wunderwelt, die uns völlig begeistert. Mitten hindurch windet sich die GC 60, eine Straße, die maximalen Fahrspaß garantiert. Kurven ohne Ende, bester Asphalt und immer wieder überraschende Aussichten. Es ist längst dunkel, als die Motorräder knisternd vor unserer Finca in Fataga abkühlen.

Am nächsten Morgen müssen wir nicht lange überlegen, wohin es heute gehen soll. Hinauf in die Cumbres. Als Aperitif wählen wir die GC 654, eine winzige Panoramastraße oberhalb von San Bartholomé. Wie eine Mauer ragen die Calderos Altos im Norden auf. Ihr höchster Gipfel ist mit 1949 Metern der Pico de las Nieves. Traumhaft erodierte Felszinnen, Türme und Wände aus gelbbraunem Gestein. Im Schutz dieser gigantischen Mauer kauern weiße Häuser, umgeben von terrassierten Feldern mit Blumen, Palmen und blühenden Mandelbäumen. Alte Männer mit dem obligatorischen Hut auf dem Kopf sitzen vor ihren Häusern in der Morgensonne, nicken uns beim Vorbeifahren zu. Schwarz gekleidete Frauen treiben eine Ziegenherde über die Straße. Gran Canaria im Originalzustand. Lichtjahre von Playa del Inglés entfernt.
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Foto: Deleker
Zurück in San Bartholomé, kaufen wir ein paar von den kleinen süßen Bananen und frische Orangen, kippen einen Cortado und nehmen uns dann wieder die GC 60 vor, die sich hinauf zum Cruz de Tejeda windet. Der 1450 Meter hohe Pass markiert die Wetterscheide der Insel. Er stoppt die von Nordosten anströmenden Passatwolken und sorgt damit für viel Regen im Norden und Dauersonne im Süden. Der Unterschied zwischen den Inselseiten könnte kaum krasser sein. Wildwest-Atmosphäre mit trockenen Halbwüsten im Süden, üppige Vegetation dagegen im Norden. Zwei Welten, die lediglich durch diverse Gebirgsstöcke voneinander getrennt sind.

Mächtige, duftende Eukalyptusbäume, rote Äcker und grüne Felder säumen die Straße nach Teror, einer der schönsten Orte auf der Nordhälfte der Insel. Der grob gepflasterte Kirchplatz ist umgeben von alten weißen Häusern, zwei Stockwerke hoch und mit den typischen spanischen Holzbalkonen ausgestattet. Manche sehen arg baufällig aus, andere wiederum strahlen frisch renoviert. Ein sehr stilvolles Ambiente.

Von Teror ist es nur noch ein Katzensprung hinunter zur – allerdings ziemlich langweiligen und öden – Nordküste. Rechts führt die Straße in die Halbmillionenstadt Las Palmas, die uns nicht locken kann. Also biegen wir links ab, peilen Agaete im Westen an und dort den Barranco de Agaete, der uns augenblicklich begeistert. Das enge Tal wirkt wie ein großer botanischer Garten. Üppig grüne Felder, leuchtend violette Bougainvilleen, Bananenstauden und dichtes Schilfrohr. An Wasser scheint es hier wahrlich nicht zu mangeln. Dazu dieser betörende Cocktail unterschiedlichster Gerüche, von Eukalyptusbäumen, Jasmin und frisch gemähtem Gras. Ein subtropisches Paradies. An den Talrändern kleben kleine Dörfer wie San Pedro: Eine Hand voll schneeweißer Häuser vor der imposanten Kulisse gewaltig und steil aufragender Berge.

Im Nordwesten der Insel, dem Küstenabschnitt von Andén Verde, rücken die Berge näher ans Meer als sonst auf Gran Canaria, steigen oftmals über 1000 Meter direkt aus dem Atlantik auf. Die Strecke durch den Fels ins 34 Kilometer entfernte San Nicolás muss für Straßenbauer der Alptraum gewesen sein – uns bietet sie dagegen maximalen Fahrspaß. Ohne gerades Stück kurvt die Straße von Schlucht zu Schlucht, klettert zwischendurch mal eben 600 Meter hoch, um sich gleich darauf in eine kleine Bucht abzuseilen, umrundet jede Felsnase und jeden Vorsprung, von denen es reichlich gibt. Einmal fahren reicht hier nicht aus. Die Straße allein erfordert die volle Konzentration. Die Landschaft auch. Schroffe Berge, unterbrochen von zerklüfteten Canyons und ständig der Blick übers Meer bis zur Nachbarinsel Teneriffa mit dem 3718 Meter hohen Vulkan Pico del Teide, dem höchsten Berg Spaniens. Die spektakuläre Steilküste Andén Verde ist vielleicht das aufregendste Stück Gran Canarias.

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