Graubünden (2)

Foto: Seitz
Wenig später erreiche ich bei Sankt Moritz wieder den Inn und das Oberengadin und damit den rätoromanischen Sprachraum Graubündens. Im oberen Teil des Tals haben die Berge Platz für mehrere Seen gelassen. Champferer-, Silvaplaner- und Silsersee bilden zusammen auf rund 1800 Metern die höchstgelegene Seenplatte der Alpen. Eingerahmt von spitzen Dreitausendern, zählt dieser Teil des Engadins zu den Magneten für Schweizer Touristen. Am Silsersee wurde sogar einer der Filme über „das Heidi“ gedreht... Das wenige Häuser zählende Maloja bildet gleichzeitig Passhöhe und Südende des Engadin.

Für die Honda wird es ab hier erst wirklich interessant. Die Malojapassstraße überwindet auf kunstvoll aufgetürmten Kehren einen fast senkrechten Felsabsturz. Dahinter, im ehemals abgeschiedenen Bergell beziehungsweise Val Bregaglia, wie es nahe Italien nun wieder heißt, haben sich zwischen Pass und Landesgrenze uralte Bergdörfer erhalten. Allen voran Soglio, gemauert aus Felssteinen: bucklige Häuser mit schiefergedeckten Dächern und grob gepflasterten Gassen, durch die gerade noch eine Kuh zu passen scheint. Versteinerte Vergangenheit. Tatsächlich steht ein großer Teil der Häuser leer und fungiert nur noch als Kulisse für Tagestouristen.

Ein Gebäude, das ebenfalls von anderen Zeiten erzählt, steht unten kurz vor der Grenze in Stampa bei Promontogno und bringt mich noch mal zurück zu den Zuckerbäckern. Schloss Castelmur wurde von einem nach Marseille ausgewanderten Konditor gebaut. Die Inneneinrichtung macht endgültig klar, dass Geschäftstüchtigkeit eine typische Schweizer Eigenschaft ist. Im oberen Stock findet gerade eine Ausstellung über die Geschichte der Wanderkonditoren statt, und dort lerne ich einen Mann kennen, dessen Vorfahren der Branche entstammten. Er erzählt, dass die ersten Schweizer Konditoren bereits im 17. Jahrhundert in die Metropolen Europas gezogen und bis ins 19. Jahrhundert in Genua, Paris und Berlin sogar die Marktführerschaft im Kalorienbomben-Geschäft inne hatten. Als der Verdienst weniger und die Steuern höher wurden, löste sich der süße Traum allmählich auf. Erster und Zweiter Weltkrieg beendeten die Sache endgültig.

Noch einmal reise ich kurz nach Italien, um den Splügenpass von Süden in Angriff zu nehmen. Leider macht mir das Wetter einen Strich durch die Rechnung, kurz vor der Passhöhe fallen die ersten Tropfen. Davon lässt sich die Murmeltierkolonie am Hang neben der Passstraße allerdings nicht stören. Während ich mich in die Regenklamotten zwänge, wuseln sie noch ungestört herum. Bis sie irgendwann meine Witterung aufnehmen, warnende Pfiffe ausstoßen und blitzartig in ihren Löchern verschwinden.
Anzeige
Foto: Seitz
Hinter dem Splügen rolle ich hinab zu Rheinwald und Hinterrhein, einem der Quellflüsse des späteren Stroms, der hier bereits eine mächtige Klamm in den Fels gefressen hat: die Rofla-Schlucht. Den Fußweg zum Wasserfall in der einst unzugänglichen Schlucht hatte Anfang des Jahrhunderts ein gewisser Christian Pitschen-Melchior in den Fels gesprengt. Sieben Jahre war er mit einem Handbohrer für die Sprenglöcher sowie Hammer und Meißel zu Gange. Dabei bildet die Rofla-Schlucht im Grunde nur die Vorgruppe. Die eigentliche Attraktion liegt noch ein gutes Stück weiter flussabwärts bei Thusis: die Via Mala – böser Weg. So wurde sie genannt, weil ihre gefährliche Überquerung immer wieder schwere Unglücke und Opfer forderte. Maler und Dichter hatte sie inspiriert, sogar Goethe war hier, und John Knittels tragischer Roman „Via Mala“ fesselte noch unsere Mütter. Inzwischen ist die bedrohlich wirkende, enge Klamm eine der größten Attraktionen Graubündens, zumal strategisch günstig nach wie vor an einer der Hauptverkehrsadern des Landes, der San Bernadino-Route, gelegen. Busladungsweise pulsiert während der Hochsaison der Touristenstrom auf den engen Treppen zum Grund der Schlucht.

Ganz anders im südöstlich verlaufenden, deutlich ruhigeren Tal des Averserrheins, einem weiteren Ursprungsarm des Rheins. Dabei gebärden sich die Schluchten nicht weniger spektakulär. Die Straße steigt über die Baumgrenze, durchquert zwischen Wiesenhängen ein paar, nur aus wenigen Höfen bestehende Siedlungen und endet in Juf – dem auf 2126 Metern höchstgelegenen, dauerhaft bewohnten Ort Europas. Ein paar Bauernhäuser, eine Kneipe und jede Menge glücklicher Kühe – das war’s auch schon. Gemächlich lasse ich die Honda zurück zum Hinterrhein rollen, den letzten Pass meiner Reise bereits vor Augen.

Der San Bernardino-Klimascheide und Tourhöhepunkt zugleich. Kehre um Kehre, Kurve um Kurve kommt der Himmel näher. Am Passübergang flankieren von Wind und Wetter glatt geschliffene Schieferkuppen die schmale Straße. Dann windet sich das Asphaltband hinunter ins Val Mesolcina. Dreizehn Kilometer vor Bellinzona tauchen die ersten Palmen am Straßenrand auf. Weinreben reihen sich auf trockenen Feldern, und die milde Luft des Tessin breitet sich zusammen mit klassisch italienischen Dörfer aus. Nur die weißrote Fahne, die vor mancher Häuserfront flattert, erinnert daran, dass ich mich noch in der Schweiz befinde. Als ich bei einem Cappuccino am Luganer See mit Unbehagen die sich über mir zusammenbrauenden Gewitterwolken beobachte, sind meine Gedanken schon wieder auf dem Rückweg. Vielleicht noch mal über den San Bernardino? Oder doch über den Splügen? Oder hinüber zum Maloja? Ach was, am besten noch mal alle drei in Reihe.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote