Graubünden Zwischen Gipfeln, Schwingern und Schluchten

Der östlichste und größte Kanton der Schweiz bietet neben drei Sprachen und Urschweizer Charisma auch überaus fesselnde Alpenlandschaften. Wer die Höhen und Tiefen des Engadin kennen gelernt hat, kann Heidis Heimweh nachvollziehen.

Foto: Seitz

Atemberaubend stürzen sich die Asphaltwindungen vom Reschenpass und dem österreichischen Nauders hinunter ins Inntal. So dürfte es weitergehen. Doch es dauert nur wenige Kilometer, bis unten in Martina plötzlich eine in Europa selten gewordene Spezies vor dem Vorderrad auftaucht: ein Zöllner. Ich stehe vor der Grenze zur Schweiz. Der Eidgenosse scheint mit einer röntgenartigen Kurzmusterung jedoch zufrieden und gibt wortlos den Weg Inn-aufwärts frei.

Der führt über Scoul nach Guarda. Einem Ort, der während des Zweiten Weltkrieges im typischen Engadiner-Stil aufwendig renoviert wurde. Staatliche Arbeitsbeschaffung für die Handwerker, um während der schweren Zeiten über die Runden zu kommen. Heute ist Guarda vermutlich das besterhaltene Dorf des Engadins. Bemalte Hausfassaden, alte Brunnen und gepflasterte Gassen erinnern an längst vergangene Zeiten. Leider nicht die Preise. Ein Blick in die Speisekarte des ansässigen Hotelrestaurants lässt meinen Hunger im Handumdrehen verschwinden.

Im Inntal zweigen derweil prächtige Pässe nach Norden zum Rheintal ab. Den Flüela lasse ich noch links liegen, aber der Albula fällt schließlich. Zügig klettert die Strecke nach oben, führt einige Kilometer weit auf Passhöhe durch karges Felsgebiet, bevor sie sich deutlich schmaler werdend bergab windet, die Viadukte der Rhätischen Bahn immer im Blick. Unten zweigt die Straße nach Davos ab. Und dort wird es intim, man(n) fasst sich an die Hose. Wenn sich Schweizer zu so was hinreißen lassen, dann hat das nichts Anrüchiges, sondern es ist Sport. Schweizer Nationalsport, genauer gesagt: Schwingen, eine Art Ringkampf unter freiem Himmel. Zu den traditionellsten gehört der „Sertigschwinget“, der droben im Sertigtal im winzigen gleichnamigen „Dörfli“ ausgetragen wird.

Um beim Hosenlupf richtig zupacken zu können, ziehen die Kämpfer eine kurze Lederhose über, und wenig später wirbeln dann auf einem sägespanbedeckten Feld verschwitzte Leiber durch die Luft und zerren verbissene Kämpfer an Leder und Stoff, bis irgendwann einer auf dem Rücken liegt. Der Schiedsrichter erklärt den Gewinner, man schüttelt sich die Hand, und der Sieger klopft dem Unterlegenen die Späne vom Rücken. Schwingen ist Ehrensache, auch wenn dabei schon mal ein Schultergelenk aus der Pfanne springen kann. An solchen Tag bietet die Welt im Sertig-Dörfli echtes Heidiland. Abwechselnd schwirren Jodler, Akkordeon- oder Alphornklänge durch die klare Alpenluft. Und beileibe nicht nur für die Touristen, sondern aus Tradition. Eine alte Dame aus dem Dorf versichert, bereits ihr Großvater habe vom Schwingen erzählt.

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Foto: Seitz

Ich fahre im Sertigtal zurück und erreiche im benachbarten Dischmatal deutlich höhere Regionen. Stein und Fels bestimmen nun das Landschaftsbild. Den Kühen, die unter Glockengebimmel die Hänge abfuttern und prächtige Schweizer Qualitätsmilch produzieren, scheint’s zu gefallen. Leider ist das Tal eine Sackgasse, nur noch Kuhpfade führen weiter. Aber schon eine Bergkette weiter schafft der Flüelapass den nächsten Übergang retour ins Inntal. Die gut ausgebaute Straße steigt in schnellen Kurven auf 2383 Meter, und oben glühen bereits die Gipfel in den letzten Sonnenstrahlen. Die Abfahrt auf der Ostflanke ist deutlich holpriger, taucht in die langen Schatten der Alpengipfel, die runter nach Zernez zeigen.

Hier beginnt der Schweizer Nationalpark, der älteste der Alpen. Seit 90 Jahren agiert dort die Natur auf einer Fläche von 172 Quadratkilometern unberührt. So konnte beispielsweise der Steinbock, der im 19. Jahrhundert in der gesamten Schweiz ausgerottet war, neue Bestände bilden. Und siedelt heute wieder im ganzen Land, allein 170 Tiere im Park. Auch der Bartgeier ließ sich vor wenigen Jahren hier wieder nieder. Na ja, wer lehnt schon einen Wohnsitz in der Schweiz ab. Und was kurvt mitten durchs Schutzgebiet? Der Ofenpass, und der bietet guten Einblick. Kreuz und quer an den Berghängen rundum vermodern abgestorbene Bäume, bilden die Grundlage für neues Wachstum. Für Schweizer Verhältnisse ein recht unordentlicher Zustand. Dafür entsteht in solchermaßen sich selbst überlassener Natur ein gesunder, dichter Bergwald mit lebhaften Parterrebewohnern. Statistisch betrachtet wuseln allein in einem Quadratmeter Waldboden des Parks locker 500 Millionen Kleinstlebewesen. Bilder und übergroße Modelle im Infozentrum des Nationalparks zeigen regelrechte Monster.

Kurz vor der Passhöhe verlässt die Straße das urwüchsige Gebiet und windet sich hinunter nach Santa Maria, wo mitten im Ort der Umbrail abzweigt, mit 2501 Metern der höchste Übergang der Schweiz. Ein schmales Sträßchen, auf dem die Honda in unzähligen engen Kehren wie ein Steinbock hinanklettert. Und sogar eine kurze Schotterpassage meistern darf. Dann taucht eine verlottert wirkende Grenzstation auf, die ihre große Zeiten offenbar bereits hinter sich hat. Weit und breit ist kein Zöllner zu sehen. Dafür fast auf Augenhöhe das Stilfser Joch. Ich jage die
Africa Twin durch die letzten Kehren auf die Nummer drei aller Alpenpässe. Von stolzen 2758 Metern über Normalnull donnere ich hinunter ins italienische Bormio. Kurz vor dem Ort liegt der Abzweig Richtung Isolaccia, und schon bin ich auf dem nächsten Pass, dem 2291 Meter hohen Passo di Foscagno, Richtung Livigno. Von dort zieht sich das Asphaltband erst zwischen grünen Berghängen ziemlich gerade durchs Tal, passt sich hinter der Grenzstation schließlich dem rauen Fels an und schlängelt sich geschickt hinüber zur Berninastraße. Wollte ich eigentlich hinab nach Tirano, so zieht es mich nun doch hinauf, wo der Lago Bianco die grauen Reste tief liegender Gletscherzungen spiegelt.

Perfekte Kulisse für den ducatiroten Bernina-Express. Am Lago Bianco hält er am höchsten, ohne Zahnradunterstützung erreichbaren Bahnhof Europas. Auf immerhin rund 2200 Meter Höhe. Auf ihren roten Bergwurm sind sie Stolz, die Schweizer. Zu Recht, denn in Brusio wurde sogar ein Serpentinenviadukt gebaut, um mittels spiralförmiger Gleisführung den Höhenunterschied zu überwinden. Das Poschiavotal am Fuß der Bernina-Gruppe gehört zum italienischsprachigen Teil der Schweiz. Und das kleine Poschiavo verströmt mit engen Gassen und einer mondänen Piazza neben der Kirche bereits südländisches Flair. Ich frage neugierig, wie ein so entlegener kleiner Ort zu einem derart vornehmen Ortsbild kommt. Ein Teil davon, so erfahre ich, stamme von Konditoren, die im 19. Jahrhundert ins Ausland gingen und dort erfolgreich ihre Köstlichkeiten feilboten. Kurz vor Tirano drehe ich um und trete den Rückweg über den Bernina an. Die Ostauffahrt ist ein Traum für schnelle Motorräder: weite, gleichmäßige Kurvenradien, in denen die Karre wie am Schnürchen flitzt.

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