Grenzerfahrungen: Serbien und Bosnien Reisen, wohin keiner will

Zwischen Vorurteilen und Vergessen: Den jugoslawischen Bürgerkrieg zu ergründen war Ziel einer Reise von 75 Motorradfahrern. Sie fanden mehr oder weniger gut verheilte Narben, Zerstörung und Wiederaufbau.

Kroatien liegt hinter, Serbien vor uns. Das Land mitten in Europa, in dem die Straßenschilder kyrillische Schriftzeichen tragen. Bäuerinnen mit Kopftuch bieten entlang der schnurgeraden Straße Obst zum Kauf an. Oder warten mit Milchkannen auf den Molkerei-Laster, den wir gerade überholt haben. In der Landwirtschaft wird mit bloßer Muskelkraft gemäht und geerntet. Und dann auf Pferdefuhrwerke verladen. Leuchtend rot steht der Klatschmohn in den Äckern. Bilderbuch-Balkan?

Autowracks säumen die Straße. Einst weißer Lack hat rostrote Schlieren. Als Tross von 75 Motorrädern fahren die »Eurobiker« daran vorbei. Und erinnern sich an die jüngst gesehenen, zerschossenen Gebäude im kroatischen Hinterland, weit ab der Adria-Touristen. Die Städte Osijek und Vukovar lagen 1991 während des kroatischen Unabhängigkeitskrieges mitten in der Frontlinie. Die Kriegsschäden sind bis heute sichtbar: Wohnhäuser, aus denen Bäume sprießen, zerstörte Fabriken und Kirchen. Katholische Kroaten gegen orthodoxe Serben. Mittendrin bosnische Muslime. Wer hat sich verteidigt, wer angegriffen?

Vielvölkerstaat, das ist bloß eine Worthülse. Und doch ein Ansatz zum Verständnis, machen uns Marina und Tatjana klar, 22 Jahre junge Studentinnen in Osijek. »Hier lebten nicht Nationen nebeneinander«, erklärt Marina, »sondern die Völker haben sich durchdrungen, wohnten jahrelang friedlich Haus an Haus, Dorf an Dorf. Die Herkunft war nicht so wichtig. Dann ist alles aufgebrochen.« »Selbst viele Familien waren ethnisch gemischt«, berichtet Tatjana, »leider haben wir uns nicht friedlich voneinander getrennt, wie Tschechen und Slowaken.« Jugoslawien zerbrach anders. Gewalt und Gegengewalt, Deportationen, »ethnische Säuberungen« und Massengräber schufen immer neue Nahrung für unvorstellbaren Hass. Alles nicht lange her. Da wurden Wunden geschlagen. In Körpern, Köpfen und Herzen.

In der serbischen Stadt Novi Sad empfangen Rocker die Eurobiker. Sie führen die Gäste zum »Timeclub«. Eine Marx-Büste steht auf der Theke, eine ausrangierte MIG 21 der jugoslawischen Luftwaffe hängt unter der Decke. Goran fährt eine GSX 1100 im schwarz-bunten Rinderlook, seine »Muuhzuki«. Es wird gescherzt und gelacht. Über den Krieg will Goran nicht sprechen. »Das war zu grausam.« Seine Freunde waren in Bosnien stationiert, er war Polizist.

Die E 70, der einst berühmt-berüchtigte »Autoput«, führt schnurstracks nach Belgrad. In den Neunzigern zeigten Grafiken im »Stern«, wo in der serbischen Hauptstadt Raketen und Bomben der NATO einschlugen, um die Massaker im Kosovo zu stoppen. Nur wenige Flugminuten von München, dem Startpunkt dieser Tour entfernt. Alles vor der Haustür. Serbenführer Milosevic musste sich später vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal verantworten.

Doch wen trafen die Cruise Missiles und der Zusammenbruch von Elektrizitäts- und Wasserversorgung wirklich? Leute wie diese hier? Die Mutter mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm, den Verkehrspolizisten auf seiner klapprigen BMW R 75/5? Eine friedliche Sommernacht an der Donau. Szenegänger entern als schwimmende Discos und Kneipen dienende Schiffe. Am Morgen schirmt Miliz die Nationalstraße 22 nach Süden für den Biker-Tross aus dem Westen ab. Freie Fahrt, doch tiefe Spurrinnen und Schlaglöcher erfordern volle Konzentration.

Das Grenzgebiet nach Bosnien sieht aus wie der Schwarzwald. Nadelbäume stehen auf pittoresken Felsformationen. »Habt ihr euch verfahren?« begrüßt der deutsche Polizist Thomas Hofmann zusammen mit seinem englischen Kollegen die Landsleute an der Grenze. Die EU hilft Bosnien-Herzegowina bei einer Aktion gegen Frauenhandel und beim Aufbau »normalen« Grenzverkehrs.

Aber was ist schon normal? Erdbunker und Pfeiler einer eingestürzten Brücke ziehen vorbei. Kampfflugzeuge der NATO jagten sie 1995 vor 48 heranrückenden serbischen Panzern in die Luft. Sie wollten im letzten Jahr des Bosnien-Kriegs die Stadt Gorazde einnehmen. Dorthin wollen heute die Motorradfahrer, passieren die neu errichtete Brücke und ausgebrannte Häuser. Der Himmel strahlt azurblau, der Fluss Drina schlängelt sich türkisgrün durch dunkelgrüne Wälder, hat steile Schluchten in den Kalkstein gefräst. Ausflüge in die herrliche Landschaft verbieten sich jedoch. Noch schätzungsweise eine Million Minen sind in Bosnien vergraben, selbst Ruinen oft mit Sprengfallen vermint. Einzig Straßen bieten Sicherheit.

Begeistert empfangen die Einwohner von Gorazde die Eurobiker. Alle sind auf den Beinen, winken und lachen. Bosnische Motorradfahrer, Kinder, deutsche Soldaten der SFOR-Friedenstruppe. Von April 1992 an war Gorazde fast drei Jahre belagert und eingeschlossen. 70000 Einwohner hatte die Stadt, 70 Prozent Muslime, ein Viertel Serben und fünf Prozent Kroaten. Praktisch pausenlos haben Truppen des per internationalen Haftbefehls gesuchten Serben-Generals Mladic die strategisch wichtige Stadt im Kessel beschossen. Die unbewaffneten Zivilisten, darunter viele Flüchtlinge, waren Granaten und Geschossen schutzlos ausgeliefert. 

Auf dem »Hügel der Erinnerung«, einer ehemaligen serbischen Stellung, erzählt der deutsche Offizier Bernd Koob von Geschehnissen, für die eigentlich Worte fehlen. Wie vor allem Frauen unter Lebensgefahr die von NATO-Flugzeugen abgeworfenen Hilfsgüter bergen mussten. Wie unterhalb der zentralen Brücke ein Holzsteg als Schutz vor Gewehrkugeln gebaut wurde. Oder wie die im Europapokal erfolgreiche Handballmannschaft nachts, lediglich mit Messern bewaffnet, einen serbischen Vorposten überrannte, um an MPs zu kommen. Die Menschen haben sich nicht ergeben.

In der Stadt besichtigen die Eurobiker im Hospital die von ihnen organisierten, vorab per Lkw gelieferten Hilfsgüter wie etwa Röntgengeräte. Viele Nationen helfen beim Wiederaufbau. Beinahe jedes Haus hat noch Einschusslöcher in der Fassade. Immerhin, viele Dächer sind neu gedeckt. Außer am Kinderheim. Dafür spenden die Eurobiker rund 7500 Euro. Nun feiern Deutsche und Bosniaken gemeinsam, Kinder und Erwachsene. Leider nur kurz, es geht weiter. Auf den muslimischen Friedhöfen am Stadtrand liegen reihenweise Tote aus den Jahren 1992 bis 1995.

Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina. Die Motorradgruppe wartet an einer großen Kreuzung auf Grün, eine Straßenbahn rumpelt vorbei. Genau hier endete der serbisch dominierte Randbezirk der Stadt. Von den Dächern der umliegenden Hochhäuser aus haben serbische Scharfschützen wahllos auf muslimische Zivilisten geschossen.

In Sarajevos türkischer Altstadt haben die Motorräder vorm Hotel versehentlich die Zufahrt zum Haus der Familie Redzic zugeparkt. Freundlich bittet der Senior umzuparken. Als er die deutschen Nummernschilder sieht, stürmt er auf Sylvio zu, nimmt ihn in den Arm, drückt ihn. Seine ganze Familie fand von 1992 bis 1997 Asyl in Mörfelden-Walldorf. Das haben die Zurückgekehrten nicht vergessen. Dass man ihnen die Chance gab, dem Krieg zu entfliehen.

Tags darauf folgt ein herzlicher Abschied. Die kurvenreiche Straße nach Mostar hat bei strömendem Regen den Grip von Schmierseife. Wenige Kilometer werden zu einer vollen Ewigkeit. Immerhin gehen die wenigen Stürze glimpflich ab. In Mostar angekommen, ist es bereits Mittag. Der Muezzin ruft die Gläubigen zum Gebet. Laut schallt seine Stimme durch die engen Gassen. Die Alte Brücke (Stari Most), ein 1567 erbautes Weltkulturerbe, wurde zum Symbol für den Balkan-Krieg. Tagelang beschossen im November 1993 kroatische Panzer die Brücke; aus Lust an der Zerstörung brachten sie das militärstrategisch unwichtige Bauwerk schließlich zum Einsturz.

Jetzt steht die Wiedereröffnung unmittelbar bevor. Ein wichtiges Ereignis. Über einem Pissoir in einem stillen Örtchen prangt ein SFOR-Plakat: »Geben Sie bitte Ihre Waffe ab«, steht da auf Englisch geschrieben, »was Sie jetzt in der Hand halten, reicht vollkommen aus«. Ein US-Soldat im Tarnanzug klopft uns auf die Schulter. Er vermisst hier seine Harley. Trotzdem sei es in Bosnien auf jeden Fall besser als im Irak.

Wir haben die frisch geteerte, mit Super-Asphalt gedeckte kroatische Küstenstraße noch vor uns. Kurve reiht sich dort an Kurve. Links Meer, rechts Fels. Und dahinter jede Menge Erinnerungen.

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