Griechenland Hart am Wind

Verschwiegene Staubpisten, Vulkane, Schwammtaucher und griechische Ursprünglichkeit. Das und mehr bieten die Dodekanes, eine windzerzauste Inselwelt zwischen Kreta, den Kykladen und der Türkei.

Foto: Seitz
Ratlos stehe ich mitten in der rötlich verstaubten Landschaft, irgendwo im südwestlichen Karpathos. Die windige Straße endet abrupt vor einer Schlucht. Ein Netz unbefestigter Pisten hatte mich hierher gelockt. Und nun? Ich fahre ein Stück zurück zu einem einsamen Bauernhof. Eine schwarz gewandete alte Griechin lacht mit ihren letzten beiden Zähnen freudestrahlend über den Zaun. Ich bin wohl nicht der Erste, der hier ratlos aus der Wäsche schaut. Sie deutet mitten in ihren Hof, hier geht’s lang. Efcharisto, danke! Bei der Agios-Nikolao-Bucht treffe ich wieder aufs Meer. Ein Hauch von Karibik liegt über dem türkisfarbenen Strandbogen. Genau richtig, um den roten Sand von der Haut zu waschen. Frisch gekühlt fahre ich weiter bis Volada. Ein Stück hinter dem Ort beginnt eine Passstraße, die mich zurück auf die andere Inselseite bringt. Der Höhenunterschied bis zur Küste beträgt zwar nur vierhundert Meter, aber die Serpentinen und Kurven hinunter zu den paar Häuschen von Katodio würden locker für das Doppelte reichen. Ich stärke mich als einziger Gast auf der winzigen Terrasse eines ebenso winzigen Restaurants und nehme dann die nächste Schotterpiste unter die Räder. Sie ist die einzige Verbindung vom Süden in den Norden, schwingt sich verwegen knapp unterhalb des Berggrates durch eine von tiefen Furchen durchzogene, steile Landschaft. Es bleibt nichts anderes zu tun, als zu staunen. Immer mehr macht sich das Gefühl breit, in einer Urwelt unterwegs zu sein. Dann taucht unvermittelt Olympos auf, ein Bergdorf, das seit Jahren versucht, den Spagat zwischen Vorgestern und Heute zu spannen. Vor wenigen Jahrzehnten noch war der Ort so gut wie abgeschnitten vom Rest der Welt. So konnten überliefertes Brauchtum und alte Traditionen überleben. Es scheint tatsächlich gelungen zu sein, den seit Jahren aufkeimenden Tourismus und die alten Lebensweisen in Einklang zu bringen. Alte Frauen tragen wie eh und je ihre Trachten, das Brot wird im Steinofen gebacken, und sogar eine der Windmühlen ist noch in Betrieb. Ein Stück hinter Olympos zweigt eine Straße nach Avlona ab, dem nördlichsten Ort auf der Insel. Eine Handvoll Steinhäuser, die fast im Grau der umgebenden Felslandschaft verschwinden. Bis hierher hat der Tourismus noch nicht gefunden. Die Teerstraße endet einen Kilometer vor Avlona. Wer bis zu diesem Punkt kommt, begnügt sich normalerweise mit einem Blick und kehrt um. Zu unwirtlich wirkt der Ort. Ich holpere die letzten Serpentinen auf einem Feldweg hinunter und fahre ein Stück ins Dorf. Keine Menschenseele bis auf ein altes Weiblein, das mir verdutzt, ja fast erschrocken, hinterherschaut und zwei Ziegenböcke, die die Flucht ergreifen. Ich fühle mich wie ein Eindringling. Es scheint die letzte Ecke auf der Insel zu sein, die wirklich den Einheimischen gehört.

Die Fähre bringt mich von Olympos auf Karpathos nach Faliraki auf Rhodos. Der Kulturschock könnte kaum größer sein. Vom steinernen Brotbackofen zum Bungee-Jumping am Strand. Von dem ist wegen Tausenden von Liegestühlen und Sonnenschirmen fast nichts zu sehen. Ich bin schockiert, würde am liebsten umdrehen und mit der nächsten Fähre flüchten. Aber so kann nicht ganz Rhodos aussehen. Zeus hätte es sonst längst im Meer versenkt. Bei Kolymbia verlasse ich die öde Straße entlang der Touristenküste, zweige ab ins Landesinnere und folge bald einem Schild am Straßenrand: „Sieben Quellen“. Wenige Kurven später packt mich fast das Heimweh. Was da unter den Bäumen steht, könnte direkt aus einem bayerischen Biergarten importiert sein. Hölzerne Biertische mit karierten Tischdecken unter schattigen Laubbäumen. Und auf der Tafel am Kiosk steht in großen Buchstaben „Schweinesteak in Champignonsoße mit Pommes“. Grund für den ganzen Aufwand mitten im Wald sind mehrere Süßwasserquellen, die in einen steinigen Bergbach münden. Mit frisch gefüllter Wasserflasche verlasse ich den bayerischen Außenposten in Richtung Norden. Wieder mal lockt mich eine steinige Schotterpiste weg vom Teer, immer höher hinauf in den angenehm kühlen Bergwald. Eine Weile schüttle ich im Blindflug durch die Wälder, bis ich bei Apollona in die Zivilisation zurückkehre.

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Beim Kloster Artamiti zweigt die alte Straße hinunter nach Laerma und Lindos ab. Lindos zählt zu den kleinen Überraschungen auf Rhodos. Das Dorf liegt zwischen der abfallenden Küste und einem mächtigen Felsblock wie in einer Wanne aus Stein. Obwohl der Ort von Touristen überschwemmt wird, gibt es kein großes Hotel. Lindos wirkt fast wie ein einfaches Bauerndorf. Dabei stehen auf dem Felsblock, der den Ort vom Meer trennt, sowohl eine beeindruckende Akropolis als auch die Reste einer alten Festung. Ein eigentümliches Bild, das die unterschiedliche Architektur von Jahrhunderten vereint.

Fast schnurgerade geht es weiter nach Süden. Obwohl die Küste bei Gennadi mit Stränden nur so protzt, ist es in der Ecke ziemlich ruhig. Was dem Massentourismus im nordöstlichen Faliraki entkommt, wird von Lindos abgefangen. Selbst die Landschaft wirkt gegen Süden etwas stiller. Ein paar Getreidefelder, dazwischen einige alte Höfe, die trotz des zerfallenen Zustands darauf schließen lassen, dass man von dem Boden hier irgendwann mal sehr gut leben konnte. Hinter dem letzten Bergzug, südlich von Kattavia, mündet Rhodos in einer flachen Sandzunge ins Meer. Lands End. Nur die Surfer schaffen es noch ein Stück weiter. Sie haben die windige Ecke zu ihrem Hauptstützpunkt erklärt. Zurück in Kattavia bleibt die Wahl zwischen der asphaltierten Straße entlang der Westküste oder einer staubigen Piste mitten durch das südliche Rhodos. Ich lasse eine Münze entscheiden. Kopf, also Piste. Glück gehabt. Bald finde ich mich in einer Landschaft wieder, die verbissen darum kämpft, ihren Urzustand zu erhalten. Weite Flächen scheinen so widerspenstig zu sein, dass es bisher niemand geschafft hat, sie urbar zu machen. Irgendwann schwenke ich mangels Alternative dann doch ab in Richtung Nordwestküste. Melonenfelder breiten sich am Straßenrand aus, von schwarzen Bewässerungsschläuchen wie von Riesenschlangen durchzogen. Die Insel wechselt ihre Gesichter wie ein Chamäleon. War bei Monolithos eben noch eine traumhafte Küstenlandschaft zu sehen, so rollt die Honda wenige Kilometer später durch die kargen Berge um den 1215 Meter hohen Attaviros, um gleich darauf in einen leuchtend grünen Pinienwald einzutauchen. Kühl, schattig und vor allem kurvenreich. Die westliche Nordküste soll fünf bis sechs Grad kühler sein als die Südküste, weil der Wind meist von dieser Seite weht. Das heißt aber auch, dass sich hier die wenigen Wolken stauen, die an die Insel getrieben werden. Das Ergebnis ist eine grüne Oase.

Bei Theologos, am Rand der Psinthos- Berge, kommt die letzte Chance, vor Rhodos Stadt noch ein paar Kurven zu genießen. Noch ein Blick ins Schmetterlingstal, dann ist Endstation für die Honda. Das Altstadtviertel von Rhodos will zu Fuß erkundet werden. Die wechselhafte Geschichte und die bedeutende Lage innerhalb des Mittelmeerraums hat wahrlich beeindruckende Bauwerke hinterlassen. Man stelle sich einen Altstadtteil von Istanbul mit Moschee und türkischem Bad vor, gepaart mit einer mächtigen Kreuzritterburg, umschlossen von einer gewaltigen, zinnenbesetzten Wehrmauer. Als ich von der Fähre einen letzten Blick auf die Stadt werfe, kann ich gut verstehen, dass so manche Seemacht angesichts dieser Mauern gar nicht erst den Versuch wagte, das Bollwerk anzugreifen.

Die nächste Insel ist gegen Rhodos ein Winzling. Trotzdem gibt es wegen der Orientierung erst mal Probleme. Entweder hat der Typ, der mir die Landkarte von Nissiros verkaufte, keine Ahnung von den einzigen drei Straßen hinter seiner Haustür, oder er hat die Africa Twin mit einem Ziegenbock verwechselt. Den Weg, auf den er mich nach Begutachtung der Honda mit einem lässigen „no problem“ geschickt hat, möchte ich nicht mal zu Fuß gehen. Die zweite Schotterpiste, die mich ins Inselinnere bringen könnte, sieht zumindest auf der Karte auch nicht besser aus. Ein alter Grieche, der ein paar Ziegen den Berg heruntertreibt, erzählt von einer Piste entlang der Südwestküste. Sie soll in besserem Zustand sein. Und wer auf der Insel mit Ziegen unterwegs ist, der kennt sich aus. So ist es.

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Kurz vor den Mauerresten der alten Burg am Südrand von Mandraki finde ich den Abzweig. Der Weg steigt ein paar Serpentinen hinauf, wandert ein Stück am Berghang entlang, klettert über ein mit losem Geröll versetztes Stück wieder hinunter und schwingt sich dann auf den Bergkamm. Was dahinter zu sehen ist, lässt erst mal die Kinnlade nach unten klappen. Ich befinde mich auf dem Rand des ursprünglichen Vulkankraters. Denn Nissiros ist im Grunde nichts anderes als der obere Teil eines Vulkanes, dessen Spitze aus dem Meer ragt. Ich kraxle hinunter zum Innenkrater. Auf dessen Grund stinkt es barbarisch nach Schwefel, und auf der Ostseite brodelt in offenen Löchern heißer Schlamm, als hätte da unten jemand vergessen, die Herdplatte auszuschalten. Und unter dem Boden, auf dem ich stehe, ist ein Rauschen zu hören, als würde ein Wasserfall in die Tiefe stürzen. Nicht weit vom Hauptkrater stoßen Solfatarenfelder beißend heißen Dampf aus faustgroßen Löchern. Um die Löcher bilden sich fragile, gelb leuchtende Kristalle. Wenn ich kräftig auftrete, hört sich der Boden unter den Füßen hohl an. So richtig wohl ist mir nicht.

Später lerne ich Kostas kennen, der per Seismograph die Erdbebentätigkeit des Gebietes überwacht. Er erzählt, den Vulkan müsse man sich wie einen gewaltigen Schweizer Käse vorstellen. Meer- und Regenwasser stößt hier in wenigen Kilometern Tiefe auf glühende Magma, verdampft explosionsartig und wird durch die Käselöcher wieder fauchend an die Oberfläche gepresst. Beschreibungen des Vulkans aus dem 19. Jahrhundert lassen vermuten, dass er damals noch bedeutend aktiver war. Von „explosionsartigem Krachen“ ist da die Rede, von „Flammen, die höher waren als die höchsten Gipfel“, und von „Felsen, die pfeifend über die Berge ins Meer flogen“.

Kalymnos, mein letztes Ziel, ist nicht viel größer als Nissiros, aber vollkommen anders. Der Tourismus ist hier zweitrangig. Kalymnos ist die Insel der Fischzucht und der Schwammtaucher. Ein Jahrhundert lang haben die Männer oft unter Lebensgefahr rings um die Insel die Schwämme aus dem Meer geholt. Die erinnern erst mal an einen kaputten Fußball aus braunem Leder, sind knüppelhart und voller Gestein. Damit sich die Steine lösen, werden die Schwämme mit den Füßen bearbeitet. So zumindest erzählt es der Besitzer eines Schwammladens in der Chora von Kalymnos Stadt.

Was bei der Schwammtaucherei so alles im Meer gefunden worden ist, hat man im Sea World Museum von Vlihadia ausgestellt. Von antiken Amphoren bis zu Flugzeugteilen aus dem Zweiten Weltkrieg ist vom Museumsbesitzer ein Sammelsurim an Fundstücken zusammengetragen worden. Noch interessanter aber sind die Fische, die präpariert in Schaukästen ausgestellt sind. Einer davon sieht aus wie ein geschrumpfter Alien. Andere haben Gebisse, dass einem die Lust am Schwimmen vergeht. Und Motorradfahren auf Kalymnos? Na ja, die Kurven kann man praktisch an zwei Händen abzählen. Im Grunde gibt es nur eine einzige nennenswerte Straße. Auf der einen Seite verbindet sie Kalymnos Stadt mit Vathys, wo in einer langen, schmalen Bucht Fischzucht betrieben wird. Das andere Ende durchquert erst die enge Chora von Kalymnos Stadt und lümmelt sich dann in Küstennähe gen Norden. Am Ende der Straße liegt Emborios. Ein einfacher Ort, ein paar Unterkünfte, ein paar Tavernen, ein kleiner Strand. Das war’s auch schon. Gerade richtig, um ein paar Tage auszuspannen.

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