Hallig Hooge Unter die Räder genommen

Aprilscherz oder Tourentip? Mit Superbikes auf ein 5,5 km kleines Eiland überzusetzen, ist natürlich Spaß. Aber kein schlechter.

»Mit den Mopeds wollt ihr nach Hooge?« fragt an dem frühen Morgen des ersten April der noch etwas müde Nordfriese hinter dem Schalter der kleinen Baracke. Sie dient der Wyker-Dampfschiffs-Reederei in Schlüttsiel als Fährbüro. Skeptisch mustert er durch das schmale Fenster die Ninja und die Fireblade, die tief in den frischen Wind geduckt auf die Abfahrt der Fähre Schlüttsiel-Hooge-Langeness-Amrum warten. Eilande, auf denen es kaum eine Straße gibt. »Hab` ich ja gleich gesagt«, zische ich Klaus zu, «daß wir uns mit den fetten Schüsseln auf Hooge völlig lächerlich machen.« Leicht verlegen lächelnd versichere ich dem Fährarbeiter, daß wir das für eine gute Idee hielten, ernte darauf aber nur ein mitleidig befremdetes »Na ja!«Behutsam rollen wir auf die »Hilligenlei«, die uns zusammen mit ein paar anderen Gästen und Tagesausflüglern durchs nordfriesische Wattenmeer schippern soll. Auf dem Oberdeck erläutert eine Tonbandübertragung die Besonderheiten dieser zehn kaum befestigten Sandhügel. Danach weisen Halligen im Gegensatz zu Inseln keinen festen Bodensockel auf und werden bei stärkeren Sturmfluten teilweise überflutet. Die Angst, daß die Vergaser der Supersportler nun zweimal täglich mit Salzwasser geflutet werden, zerstreut die Bandansage allerdings schnell, denn traditionell stünden die Häuser auf künstlichen Erdaufwürfen, erklingt es aus dem Lautsprecher, den sogenannten Warften. Zudem seien die meisten Halligen heute durch niedrige Sommerdeiche geschützt, so daß nur noch gelegentlich im Frühjahr und Herbst Landunter zu erwarten sei. Gut, daß gerade April ist. Zwischen den Halligen Langeness, Oland, Habel und Gröde sowie der Insel Pellworm hindurch stampft die »Hilligenlei« über die ruhige See auf Hooge zu. Schon bei der Ankunft kann man das fünfeinhalb Quadratkilometer messende Inselchen mit seinen neun Warften vom Oberdeck aus vollständig überblicken - da liegt sie nun, die ultimative Herausforderung für unsere Superbikes. Direkt am Hafen, neben dem Fahrradverleih, steht das einzige Verkehrsschild Hooges: 35 km/h. Na gut. Im Schrittempo eiere ich hinter einem bunten zweispännigen Pferdewagen zur Backenswarft, auf der wir im »Hus Halligblick« für die nächsten Tage ein Zimmer reserviert haben. Auf der Anhöhe stehen einige kleine, rote Häuser, vor denen Stallkaninchen zusammen mit zwei pelzigen Schafen die grüne Wiese fachmännisch kurzhalten. Den Anstieg auf den Hügel stecken Ninja und Fireblade unbewegt weg. Neben unserer Pension liegt das Restaurant »Friesenpesel« und ich gönne mir auf der sonnenwarmen Terrasse friesische Mehlbüddel, süße Mehlknödel - köstlich. Von hier oben kann man unter dem unablässigen Gekreische der hauseigenen Piraten-Papageien Charly und Lora die restlichen acht mit Häusern bestanden Warften der Hallig komplett überblicken. Wie kleine separate Inseln ragen sie aus der pfannkuchenflachen und gerade frühjahrsbunten Wiesenebene auf. Mittendrin der für Hooge so charakteristische breite Priel, ein unregelmäßig über die Hallig mäandernder Meerwasserarm, der still im Sonnenlicht gleißt. Wir wollen uns einen näheren Eindruck von Hooge verschaffen und fahren mit der Motorrädern von der Backens- zur Hanswarft. Zu deren Füßen lassen wir die Bike zurück, um das touristische Zentrum Hooges zu erkunden. Es ist die einzige Hallig, die überhaupt eine nennenswerte touristische Infrastruktur aufweist. Neben »Uns Hallig Hus« - Gemeindehaus, Fremdenverkehrsbüro und Veranstaltungsraum in einem - finden sich Restaurants und Cafés. Außerdem steht hier auch die Attraktion Hooges: der »Königspesel«. Ein hübsches Friesenhaus von 1776, das die berühmte gute Stube - denn nichts anderes ist ein Pesel - beherbergt. Seinen königlichen Zunamen verdankt er einer Not-Übernachtung des dänischen Königs Frederik VI, der am 2. Juli 1825 nach einem Besuch Hooges durch eine Sturmflut gezwungen wurde, hier um Logis zu bitten. Die überwiegend blau-weiß gekachelte Stube gibt ein Zeugnis der damaligen Wohnkultur wohlhabender und meist seefahrender Friesen. Sie ist mit antiken Möbeln und maritimen Kleinodien zugestellt, wie Hochseekapitäne sie im Lauf ihrer bewegten Dienstzeit so anzusammeln pflegen. Heute ist diese Stube eine der Hauptverdienstquellen Hooges und sorgt wesentlich dafür, daß sich die ruhige Hallig während der Saison täglich für rund sechs Stunden von Tagesauflüglern überschwemmt wird. Außerhalb dieser Stoßzeit ist der Dauergast mit den 125 Hoogern dann beinahe allein. Heimatmuseum, Wattenmeerhaus und schließlich das spannende Sturmflutkino, in dem die schlimmsten Hochwasser, die über Hooge in den letzten Jahrzehnten hinweggebrochen sind, wieder und wieder nacherlebt werden können, runden das Informationsangebot hier oben ab. Zurück bei den Motorrädern, ernten wir die amüsierten Blicke der auf Touristen wartenden Pferdekutscher. »Ihr wollt bestimmt noch weit heute,« meint breit grinsend einer von ihnen. »Ja, nach Landsende«, antworte ich. Er lacht und fragt gottlob nicht weiter, ob wir das heute noch zu schaffen glauben. An dem zentralen Holzwegweiser Hooges, wo die drei Hauptrouten aufeinandertreffen, wird das ganze Ausmaß unseres Reisegebietes offenbar: »Zum Anleger 1,6 km, Westerwarft 3,5 km, Landsende 1,5 km« weist das hölzerne Schild aus. In Fireblade und Ninja geduckt jagen wir im Windschatten einer Gruppe radfahrender Damen an der Postwarft vorbei und erreiche das südöstliche Ende der Hallig. Ein kurzer Gang auf den Sommerdeich erlaubt einen Blick auf die benachbarte Insel Pellworm. Landsende ist ein guter Einstiegspunkt, um Hooges westliche, der offenen See zugewandte Seite über einen schmalen Strand zu erkunden. Wir lassen die Stiefel neben den Maschinen stehen und wandern lange im feinen Sand des Meeressaum entlang. Der Wind zerzaust die Haare, und es riecht intensiv nach Meer. Zurück geht es gegen die steife Nord-West-Brise die ganzen fünf Kilometer zum gegenüberliegenden Ende Hooges. Ninja und Fireblade legen PS um PS frei. Liegt der Wegweiser hinter einem, hilft es, sich an den kommenden Warften zu orientieren. Ockelützwarft, Mitteltritt, Volkerts- und Ipkenswarft. Zusätzlich dient der rot-weiße Leuchtturm der Insel Amrum, auf den die Straße direkt zuläuft, als Orientierungspunkt. An der Ipkenswarft kommt eine Rechtskurve. Die erste. Die Fireblade kippt sauber hinein, und in tiefer Schräglage schrabbeln wir um´s Eck. Perfekt. Umdrehen und gleich noch mal, die Mopeds brauchen ihren Auslauf. Danach führt die Straße direkt auf die Westerwarft zu, noch eine kleine Brücke über den Priel, und dann können wir die Bikes auf die Ständer sinken lassen. Was für eine Strecke! Nur wenig Ausflügler verschlägt es hierher. Ich klettere auf den Deich und muß feststellen, daß wir mit Fahrrädern über den Sommerdeich schneller zum Nutz- und Yachthafen und von da zurück zur Backenswarft kämen, als mit über hundert PS. Egal. Auf dem Rückweg folgen wir ab der Ockelützwarft der Alternativroute über die Kirchwarft. Dieser mit fünf Kurven gespickte Streckenabschnitt ist wohl die größte Herausforderung, die Hooge für den sportlichen Biker bereithält. Nach dreimal vom dritten in den vierten Gang schalten ist der Fahrgenuß allerdings auch schon wieder vorbei, und ich widme mich wieder den bunten Frühsommerwiesen, dem wunderschönen Blick auf den breiten Priel und auf den efeuüberwucherten Westgiebel der kleinen Halligkirche. Wir statten ihr einen Besuch ab und entdecken drinnen Bilder und Dokumente vom Leben auf den Halligen. Auch wenn sie heute seltener von Sturmfluten überspült werden, weil die Warften und Deiche nach der katastrophalen Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962 erhöht wurden und zusätzlich jedes Hallighaus einen besonders hochgelegenen flutfreien Fluchtraum aus Beton bekommen hat, so vermitteln die Bilder des alten Friedhofs, über dessen Kreuze die Wellen hinwegbrechen, Eindrücke der Urgewalt. Ab Wasserständen von 1,5 Metern über normalem Flutniveau, was immer noch mehrfach im Jahr passiert, gerät Hooge »Landunter«, und die Warften werden zu autonomen Inselchen.Am nächsten Morgen entscheide ich mich für ein ganz anderes Fortbewegungsmittel und schnalle mir meine vorsorglich mitgebrachten »Roces LAX - Los Angeles« unter - Roller-Scates der feinsten Art. Ein paar kleine Turns und Jumps zum Aufwärmen auf der Backenswarft und dann hinein ins pralle Inline-Vergnügen. Vielleicht gibt´s hier ja Skate-Girls im bauchfreien Westcoast-Look. Unter den bewundernden Blicken der frühstückenden Gäste im »Friesenpesel« stürze ich mich die Warftauffahrt hinunter. »Skate or die!« schreie ich im Inneren, drehe elegant nach links auf die Straße ein, doch dann reißt es mir den linken Skate weg, und ich gerate wenig elegant über die rechte Hüfte rollend in stumpfen Protektorkontakt zum Hooger Asphalt. Die 76 mm/78A-Rollen der Inline-Skates konnten offenbar in dem von mir nicht bemerkten Pferdeapfel keinen Grip aufbauen - Mist. Ich rappel mich auf und erlebe die Erkundung der Hallig auf Skates als reines Free-Flow-Vergnügen auf den beinahe fahrzeugfreien Straßen. Einzig die grasenden »Pensionsrinder«, die gegen Entgelt von Bauern der anderen Inseln oder vom Festland hier hergebracht werden, äugen interessiert von den Weiden herüber. Bei der Ockelützwarft treffe ich auf drei Kids aus Lübeck. Die Jungs sind mit ihrer Klasse da und nehmen sonst an Skate-Competions teil, wie sie mir erklären. Allerdings bevorzugen sie das Grinding, also das Schreddern mit der Schiene über Geländer, Bordsteine und ähnliche Kanten. Leider haben sie keine Skates dabei. Schließlich leihe ich einem von ihnen für zehn Minuten meine Razors - und dann brennt der Asphalt. Der Junge fährt Jump-Turns, die sich sehen lassen können. Da kann ich als älterer Herr nicht mithalten. Als sie weg sind, rolle ich gemächlich mit den Skates hinaus zum alten Anleger im Nord-Osten Hooges. Mit viel Tempo den Deich hinauf und mit einen Sprung drehe ich zum Stop - der muß auch sein, sonst landet man unweigerlich im Wasser oder zwischen den groben Wellenbrechersteinen auf der Seeseite des Deiches. Doch es gibt noch ein drittes lockendes Fortbewegungsmittel: am Anleger leihen Klaus und ich uns zwei Dreigang-Hollandräder aus. Es liegt ein wenig Regen in der Luft, ein stilvoller Südwester ist also unerläßlich. Bis zum Inselhafen bleibt uns das Wetter aber treu. Ein paar Segelboote, kleine Kutter und der Frachtkahn »Annemarie« dümpeln im Niedrigwasser vor sich hin. Von hier kommt man zur großen Prielschleuse und auf den Sommerdeich, hinter dem sich ebbebedingt der sandig-schlickige Wattboden ausbreitet. Unter Möwengeschrei keuchen wir gegen den Wind hinauf zur Westerwarft, wo dann prompt der Regen lospladdert. Ein Strandkorb bietet Asyl. Bald bricht die bereits tiefstehende Sonne wieder durch die Wolken und zaubert einen herrlichen Regenbogen über die Hallig. Es ist unser letzter Abend auf Hooge, und wir kehren zum Essen ins Restaurant »Seewind« ein. Als die Sonne schließlich über Amrum versinkt, die Insel Föhr und die Warften von Langeness sich im letzten Abendlicht abzeichnen, entscheide ich über Labskaus und Ducksteiner Bier hinweg, daß ich wiederkommen werde. Vielleicht nicht mehr mit dem Motorrad. Außer, es vielleicht gerade wieder erster April.

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