Hebriden Nordlichter

Wild, schön und einsam: Die Hebriden, eine von Wind und Wetter geplagte Inselgruppe vor der Westküste Schottlands, bieten Motorradfahren viel Abwechslung - vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

Bleierner Dunst liegt über den vielen kleinen Buchten im Süden der Isle of Harris. Türkisfarbene Wasser, ab und an weiße Sandstrände, dazu eine drückende Schwüle - mit ein wenig Phantasie fühlen Maria und ich uns in die Südsee versetzt. Dabei befinden wir uns praktisch im höchsten Norden Europas, wo - wie heute - Temperaturen um die 25 Grad eher selten sind und wo eigentlich immer ein heftiger Wind zu spüren ist. Gelassen bummeln wir bis nach Leverburgh. Dort soll uns eine Fähre durch den Sound of Harris für einen kurzen Abstecher auf die von hier südlich gelegene Hebriden-Insel North Uist bringen.Zu heiß und zu trocken sei der Sommer in diesem Jahr, erzählt uns ein Hafenarbeiter. Hier auf den Hebriden vor der schottischen Küste sei man auf gleicher Höhe mit Sverdlowsk in Rußland oder Juneau in Alaska, und es regne statistisch gesehen an zwei von drei Tagen. Heute ist, wie gestern und vorgestern, wieder einer von diesen dritten Tagen, an denen es nicht regnet. Petrus hat wohl derzeit keine Lust auf Statistik, dafür haben die Mücken um so mehr Lust auf uns. Nicht auf See, aber an Land, und ganz besonders in der Nähe der vielen kleinen Seen, die rund ein Drittel der Fläche von North Uist ausmachen - und den Ostteil der Insel auf der Karte wie ein Sieb aussehen lassen. In etwas mehr als einer Stunde umfahren wir das relativ flache North Uist auf schmalen Straßen, sogenannten single track roads, passieren blumenübersäte Wiesen und weite Moorlandschaften. Ortschaften? Kaum der Rede wert, denn selbst das größte Nest auf North Uist, der Fährort Lochmaddy, ist derart unscheinbar, daß man glatt daran vorbeifahren könnte.Am Nachmittag überqueren wir einen Steindamm, der uns auf die winzige Insel Benbecula bringt. Auf der Suche nach einer Bleibe haben wir allerdings Pech: Der August ist auch in England Ferienzeit, und die wenigen Quartiere sind hier längst ausgebucht. Also wieder zurück über den Damm nach North Uist, wo wir erst in Sollas ein Zimmer in einem schmucken Heim eines alten Krabbenfischers bekommen - Bed and Breakfast ja, aber kein Abendessen, da es hier kein Restaurant gibt. So ruhig und gelassen es auf den Äußeren Hebriden hergeht, so betriebsam erscheint uns im nachhinein die Insel Skye, die zu den Inneren Hebriden gehört und über die wir vor ein paar Tagen gefahren waren, bis uns eine Fähre auf die vorgelagerte Insel Harris brachte. Durch eine Brücke mit dem schottischen Festland verbunden, fühlt man sich auf Skye dem Rest der Welt anscheinend näher, zumal dort der Tourismus eine weit größere Rolle spielt als sonstwo auf den Hebriden. Fast schon wehmütig denken wir an den Campingplatz in Dunvegan, von wo aus wir zu Fuß gleich zwischen einer Handvoll guter Restaurants wählen konnten.Zurück auf Harris, lassen wir die beiden Motorräder endlich wieder ein wenig laufen. Von Leverburgh über Rodel und Finsbay nach Tarbert stets auf einer kleinen, kurvigen Straße, die entweder über karges, hügeliges Land oder aussichtsreich entlang der zerklüfteten Felsenküste führt und viel Fahrspaß bietet. Wir gönnen uns in Tarbert eine kurze Pause und spazieren durch den kleinen Ort, bis uns ein seltsames Klappern in einem der Häuser neugierig macht. Beim Blick durch die offene Tür erkennen wir einen älteren Herren, der mit gleichmäßigen Tritten in die Pedalen eines halbierten Fahrrads per Kette einen Webstuhl antreibt. Der Weber bittet uns herein, erzählt vom Harris Tweed, den er hier herstellt, von langen Wintern und den schlechten Fangquoten der Fischer. Harris Tweed, nur echt aus Wolle von schottischen Highland-Schafen, sei ursprünglich ausschließlich für den Eigenbedarf hergestellt worden. Mützen,Westen, aber vor allem Jacken schützten die Hebridenbauern vor den Unbilden der Witterung auf den westlichen Inseln, denn durch das spezielle Webverfahren seien sie winddicht, ziemlich wasserfest und natürlich auch warm. Rund 20 Weber gäbe auf Harris, und immerhin über 400 auf den restlichen Hebriden-Inseln gingen diesem Handwerk nach, weil der Bedarf an dieser praktischen wie typischen Kleidung seit Mitte des letzten Jahrhunderts auch auf dem Festland groß sei.Gleich hinter Tarbert geht´s über die fast 800 Meter hohe Bergkette von Clisham, die die Eilande Harris und Lewis trennt - obwohl beide genaugenommen eine Insel sind. Während der Fahrt durch das kleine Gebirge, vorbei am Schloß von Amhuinnsuidhe (gesprochen awin-sui) und weiter bis zum Hushinish Point, wo die Straße als Sackgasse endet, zieht das Land alle Register, zeigt auf rund 20 Kilometern, was die Hebriden zu bieten haben, sofern das Wetter - wie heute - mitspielt: schottisches Hochland, karg und düster, Klippen, die noch ein wenig spektakulärer im Meer stehen als die, die wir bisher gesehen hatten, und Strände, die so manches Ufer am Mittelmeer dagegen einfach langweilig aussehen lassen. Besonders jetzt am Abend, wo die Sonne flach über dem glitzernden Loch Tarbert steht, können wir uns dem Zauber des Nordens nicht entziehen, stehen lange oberhalb der See und schauen mit verklärten Augen auf das Land und über das Wasser.Auf dem Weg nach Arnol passieren wir am nächsten Tag unzählige Gräben, die kilometerweit das Land durchziehen. Seit Jahrhunderten wird auf den Hebriden Torf gestochen, der heute noch in vielen Öfen als Heizmaterial dient, während er früher lediglich auf einer offenen Feuerstelle vor sich hin qualmte, wie uns im historischen Blackhouse in Arnol erklärt wird. Gemeinsam mit dem Vieh wohnten die Bauern in einfachen Häusern aus Torfziegeln, Erde und Feldsteinen, in deren Mitte stets ein Feuer brannte. Der Rauch imprägnierte das Strohdach - und wohl auch die Atemwege der Bewohner, die bis in die Mitte dieses Jahrhunderts noch in solchen Häusern lebten.In Shawbost angekommen, entschließen wir uns, ein paar Tage zu bleiben und von hier aus einige der Stichstraßen zur Küste und die Halbinsel Great Bernera sowie die Steilküste von Gallan Head zu erkunden. Wir lassen uns einfach treiben, treffen selten auf andere Reisende, fahren durch Orte, deren oft weißgetünchten Häuser weit verstreut in der felsigen, nahezu baumlosen Landschaft liegen. Ein rauhes Land, von Wind und Wetter geschliffen wie die 13 in kreisrunder Formation stehenden Steine von Calanish, quasi das Stonhenge der Hebriden. Aber auch hier weiß niemand so recht, was der Sinn und Zweck dieser 4000 Jahre alten Anlage war, ob es sich um einen Tempel oder gar um ein Observatorium handelte. Den zahlreichen Schafen, die sich munter in dem historischen Gelände verteilen, sind derartige Spekulationen sowiso völlig fremd.Immer noch bei bestem Wetter machen wir uns auf unsere letzte Etappe nach Stornoway, der Hauptstadt von Lewis. Vorbei an den zahllosen Seen im Inneren der Insel und meistens mit Blick auf die Bergspitzen der Clisham-Kette. Ein letztes Mal bestellen wir an der Küste bei Mellon Charles Tee mit Waffeln, dann müssen wir zur Fähre hinunter in den Hafen von Stornoway. Achtern auf Deck sitzend, blicken wir im Abendlicht nach Lewis zurück, so wie wir vor knapp einer Woche an einem ebenso klaren Tag von der Insel Skye bis Harris gucken konnten. Eine spiegelglatte See, Windstille und Sonnenschein - in diesem Jahr wird man die Statistik in Sachen Wetter auf den Hebriden gründlich überarbeiten müssen.

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