Historische Sardinienreise Mit 200 Kubik und 250 Mark

Vor 46 Jahren besuchte der Journalist und Fotograf Kurt Dörpinghaus Sardinien. Mit seiner DKW RT 200 erlebte er Abenteuer, die heute befremden, und brachte Erinnerungen heim, die sich nicht eimal mehr in fernen Kontinenten sammeln lassen.

Dieser Bericht wird manchen wie ein Märchen vorkommen, das spüre ich, je mehr ich mich in meine alten Fotos vertiefe. Dabei sind erst 46 Jahre vergangen, seit ich Maultier und Esel alle erdenklichen Lasten schleppen, Ochsen den Pflug ziehen und Frauen das Wasser – in Tonkrügen auf dem Kopf balancierend – vom Dorfbrunnen holen sah. Angesichts meines Motorrad muss ich sogar lachen: Welch ein Gegensatz zwischen mir auf der kleinen schwarzen DKW RT 200 und den heute Dreißigjährigen auf ihren grellen Feuerstühlen.Getragen von einem ungeheuren Optimismus, lief Anfang der Fünfziger das Wirtschaftswunder an. Arbeit in Hülle und Fülle, alles schien möglich, West-Deutschland motorisierte sich. Man stieg vom Fahrrad aufs Moped um, dann eine 125er, eine 250er, eine 500er gar. Wer da angekommen war, liebäugelte beinahe zwangsläufig mit einem Auto. Zur gleichen Zeit entstand auch das, was wir heute Tourismus nennen, und es waren die Motorradfahrer, die als erste in die Nachbarländer ausschwärmten. Abenteuerliche Zeiten, wirklich. Ich war damals bei der AUTO UNION tätig, machte Werbung für DKW-Motorräder und lieferte für die Clubzeitschrift »Im Zweitakt« Sport- und Reiseberichte. Immer unterwegs auf der werkseigenen RT, aber immer auf eigene Kosten. Spesenritter gab«s erst später. Auch meine Sardinienreise musste ich selbst bezahlen.Warum eigentlich Sardinien? Nun, größere Abenteuer, als sie diese Insel versprach, ließen sich damals kaum denken. Die Reise war für Mai 1954 geplant - aber was konnte man damals schon planen? So viel zumindest: Ich hatte 250 Mark. Der Liter Benzin kam auf 40 Pfennig, bei rund 3000 Kilometer Strecke sollten also 50 Mark ausreichen. Für Speis und Trank veranschlagte ich einmal Pizza, einmal Pasta pro Tag, zwei bis drei Mark je Mahlzeit, dazu zweimal Espresso à 50 Pfennig – machte rund 100 Mark für 14 Tage. Eine Fährverbindung musste für 50 Mark zu kriegen sein, Übernachtungskosten entfielen, da ich zelten wollte. Blieben 50 Mark Reserve.Informationen über die Insel existierten kaum, und Befragungen unter in Deutschland lebenden Italienern mündeten in Horrorgeschichten. »Sardinien? Nein! Da herrschen doch Zustände wie im Mittelalter. Die Menschen mürrisch und fremdenfeindlich. Blutrache gang und gäbe, Banditen kidnappen die Reichen.« Wasser auf meine Mühlen also - diese Reise versprach, wirklich spannend zu werden. Los ging’s. Die 1000 Kilometer von Ingolstadt nach Civitavecchia legten die RT und ich in zwei Tagen zurück, im Vorbeifahren winkte ich Bologna, Florenz, Siena und Orvieto zu. Die Fähre wartete schon, meine RT verschwand im Frachtraum, ich lag auf Deck und hörte dem Stampfen des Schiffsmotors zu. Es war lausig kalt. Morgens in Olbia, in einer Hafenbar, empfahl mir ein Mann beim dritten Espresso: »Fahr nach Süden, entlang der Küste, quer durch die Baronia, bis Nuoro und von da aus weiter nach Dorgali. Da lebt mein Bruder. Er wird dir weiterhelfen. Aber verlieb dich nicht in seine schöne Tochter Flavia, sonst bleibst du in Dorgali hängen.« Er lachte in sich hinein, dann riss er einen Fetzen aus der Papierdecke und kritzelte Linien - Straßen - und Punkte - Orte - darauf. »Diese Strecke führt dich mitten ins Herz von Sardinien, die Barbagia. Das Gebiet wird vom Gebirgsmassiv des Gennargentu beherrscht. Mach ruhig von dort aus ein paar Abstecher. Aber wohin du auch fährst, ich bin sicher, du kommst immer zurück in die Barbagia.«Dann legte er mir einen Ort ganz besonders ans Herz: »Orgosolo, da kam es erst vor kurzem zu Aufständen gegen die italienische Regierung.« Diese merkwürdige Empfehlung noch in den Ohren, machte ich mich auf. Die Wege ins Inselinnere waren schottrig und voller Schlaglöcher. Straßenschilder fehlten. An irgendeiner Kreuzung traf ich einen Polizisten und fragte ihn nach dem Weg. »Dahin fahr’ nicht«, knurrte er, »da gibt es Banditen.« »Warum fängt die Polizei sie nicht?« fragte ich zurück. Er zuckte mit den Schultern. »Die Dorfclans bekämpfen sich bis aufs Blut. Aber gegen die Polizei, da halten sie zusammen.«Natürlich fuhr ich den gefährlichen Weg und stieß auf ein Bergnest, in dem ich einige Tage blieb. Ich zeltete im Garten eines Bauernhauses. Als ich abends die Geschichte mit dem Polizisten erzählte, wurde es ruhig. Dann sagte eine alte Frau: »Das sind keine Banditen. Das sind unsere Männer und Brüder. Sie werden wegen Mordes gesucht. Aber sie haben nicht gemordet. Sie haben einen Frevel gesühnt, die Ehre der Familie gerettet. Eine Bluttat kann nur durch Blut gerächt werden. So will es das sardische Recht. Nachts kommen sie aus den Bergen in die Dörfer und bleiben bis zum Morgengrauen in der Familie. Aus unserem Dorf leben drei Männer in den Bergen. Geächtet - und geehrt.«»Und wie ist es mit mir?« fragte ich. »Du kannst fahren, wohin du willst. Keiner wird dir ein Haar krümmen. Du stehst unter dem Schutz der Gastfreundschaft.« So war es dann auch. Wohin ich kam, begleitete mich das sichere Gefühl, nicht nur angekündigt, sondern auch willkommen zu sein. Ich konnte fotografieren, was ich wollte. Frauen, Kinder, alte Leute, alle ließen mich mit meiner Rollei-Flex ganz nahe heran. Wie einen guten Bekannten. Bald verblüffte mich nichts mehr, auch nicht der Geleitschutz durch die Polizei. Immer, wenn ich mit der DKW durch die Gegend um Orgosolo streifte, folgten mir zwei lederbekleidete Männer auf ihren Moto Guzzi. Ob ihnen mein guter Kontakt zu den Dorfbewohnern missfallen hatte? Die italienischen Behörden-Eintöpfe kannten die Sarden, meine blitzsaubere RT jedoch fiel bei jedem Halt auf. Man bewunderte die solide Konstruktion und den für einen Zwieitakter tiefen Klang. »Ah, De-Kappa-Wu«, die Marke DKW war vor allem den Jüngeren durchaus bekannt.Ob Fonni, Spina, Desulo, Aritzo, Atzara, Sorgono, Lanusei oder Orgosolo – alle Orte hatten den gleichen Mittelpunkt: die Kirche, und gleich daneben den Brunnen. Hätte es nicht die gusseisernen Einfassungen rund um die Wasserstellen gegeben, man hätte glauben können, hier sei seit vielen Jahrhunderten die Zeit stehen geblieben. Und die tratschenden und plaudernden Frauen waren die Hüterinnen dieser Zeit.Um alltägliche Nöte und das tägliche Brot kreisten ihre Gespräche. Ums harte Leben im Gennargentu-Gebirge, wo die Natur besonders bizarr und grandios gewirkt hat: Türme und Spitzen, steile Wände, tiefe Schluchten und geheimnisvolle Höhlen prägen das Bild. Die Vegetation ist eintönig und herb. Dornige Büsche dominieren, höchstens Kork- und Steineichen-Wälder lockern die Strenge auf. Vom Respekt gegenüber dieser Natur erzählten die Gesänge der Männer, auf Festen vorgetragen mit sehnsüchtig schnarrenden, auf- und abschwellenden Tönen. Danach führten die Frauen ihre farbenfrohen Trachten vor, tanzten mit zierlichen, trippelnden Schritten. Weinkrüge kreisten, es wurde gelacht und gescherzt.Nach zehn Tagen und gut 1000 Kilometern kamen die RT und ich wieder in Olbia an. Ich klopfte anerkennend auf ihren Tank: »Prima gemacht.« Wenige Tage später trudelte ich in Ingolstadt ein, vollgestopft mit Eindrücken und Erlebnissen und – ein klein wenig zumindest – verändert.

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