Hohe Tatra High-Ender

Kennen Sie das kleinste Hochgebirge der Welt? Nicht? Na, dann gibt es hier einen ersten Eindruck. Wer es selbst erleben möchte: Die Hohe Tatra liegt nur 800 Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt. Kurs Ost, Südost und einmal quer durch Polen.

Foto: Klinge

Mini-Alpen werden sie auch liebevoll genannt, die
Berge der Hohen Tatra, dieser wunderschöne Teil des »unbekannten Ostens« in der neu organisierten
Europäischen Gemeinschaft. Honda Africa Twin und BMW GS Basic sind startklar, und dem Plan, von Berlin in einem Rutsch nach Zakopane in Südpolen am nördlichen Rand der
Hohen Tatra durchzubrausen, steht nichts mehr im Wege. Das kleine Gebirge ist Zentrum des polnischen und slowakischen
Alpinismus, entsprechend wimmelt es dort im Sommer von
Wanderern und im Winter von Skifahrern. Wir wollen jedoch
keine Wanderstiefel schnüren, sondern diesen seit 1949 bestehenden Naturpark mit unseren Enduros entdecken.
Die Marathon-Etappe am ersten Tag ist bereits ein »Fahr-
Gipfel« besonderer Klasse. 800 Kilometer Strecke, in Cottbus über die polnische Grenze, an Breslau vorbei und so lange geradeaus, bis der Helm vibriert. Nur nicht einschlafen. Hinter Krakau
ragen am südlichen Horizont endlich die ersten Bergspitzen der Zweieinhalbtausender empor. Spät am Abend versuchen wir
in einem Vorort von Zakopane eine Bleibe zu finden. Ich, Africa-Twin-Boris, bin überzeugt, dass sich in dem Wintersportort etwas finden lassen muss und suche eine Stunde lang vergeblich die Hauptstraße nach einer preiswerten Übernachtungsmöglichkeit ab. BMW-Yorck fragt lieber mit einem polnischen Wörterbuch
bewaffnet die Passanten. Fünf Minuten später wird uns beiden müden Kriegern ein gemütliches Zimmer in einem urigen Holzhaus für die Nacht offeriert. Die nette Vermieterin zaubert trotz später Stunde noch schnell ein deftiges, wohlschmeckendes Abendessen aus Rührei und Wurst auf den Küchentisch. Wärmer kann man sich nicht aufgenommen fühlen.

Am nächsten Morgen geht es bei herrlichem Septemberwetter zu Fuß durch Zakopane auf Entdeckungstour. Stilvolle Holz-
villen aus der Zeit der Jahrhundertwende prägen das Bild dieser freundlichen Stadt. Südlich von ihr breitet sich bereits die Hohe Tatra – slowakisch »Vysoke Tatry« – auf einer Gesamtfläche von gerade mal 341 Quadratkilometern aus, die aber gleichzeitig die höchste Erhebung zwischen den Alpen im Westen sowie Ural
und Kaukasus im Osten bildet. Sie gehört zum lang gestreckten, von Nordwest nach Südost verlaufenden Karpaten-Bogen und
ist mit Gipfeln zwischen 2000 und 2500 Metern dessen höchstes Massiv. Ein kleinerer Teil liegt auf polnischem Staatsgebiet, der größere Südteil in der Slowakei.
Wie wir beim Kartenstudium in einem Café in Zakopane feststellen, misst das flächenmäßig kleinste Hochgebirge der Welt
am Hauptkamm mit fast 300 Gipfeln und Zacken 27 Kilometer
in der Längsausdehnung. Allerdings wird schnell klar, dass der
Gebirgsstock mit einem Motorrad nicht zu überqueren ist. Es
gibt keinerlei Pässe, sondern lediglich eine Straße außen herum.
Im Innern ist die Hohe Tatra zudem als Naturreservat höchsten
Ranges geschützt und könnte vermutlich ohnehin nur von geübten Trial-Fahren bezwungen werden, so hoch und steil ragen die Felswände empor, so verstiegen verlaufen die Pfade durch die zerklüftete Bergwelt mit ihren typischen Abhängen, Kaminen, Sprüngen und Spalten.
Mal sehen, was die slowakische Seite für Möglichkeiten
bietet, den Felsen etwas näher zu kommen. Wir cruisen durch
einen dichten Wald in Richtung Grenze, hinter der es auf einer lauschigen Straße weiter Richtung Poprad geht. In Tatranská
Kotlina biegen wir von unserer Route ab, um dem Gipfel der Lomnitzer Spitze (Lomnický Štit) noch ein Stück näher zu rücken. Im Skitouristenort Tatranská Lomnica herrscht Nebensaison, Schnee liegt momentan allenfalls in den äußersten Hochlagen.
BMW-Yorck übernimmt mit seinem Wörterbuch wieder kompetent die Quartiersuche für die Nacht. In diesem Ort ist jedoch weniger Behaglichkeit geboten, sondern sozialistische Hotelbaukunst. Auch im Zimmer dominiert der alte Stil, und die letzte Putzkolonne scheint mit dem Zerfall des Ostblocks ebenfalls verschwunden zu sein. Egal. Im Restaurant nebenan gibt es handfeste Kost ohne viel Schickschnack: Kraut mit Fleisch und Fleisch mit Kraut. Die Speisekarte ist ein Auszug dessen, was in den
70er Jahren als angesagt galt, und unsere Zeitreise findet ein vorläufiges Finale im braun gekachelten Badezimmer mit orangefarbener Toilettenbrille.
Am nächsten Morgen setzen wir unsere Rundreise fort. Im Norden steigt riesig die alpine Hohe Tatra auf, im Süden erstrecken sich die saftig grünen, viel flacheren Mittelgebirgszüge der Niederen Tatra. Die traumhafte Straße entlang dieses
wuchtigen, wie aus dem Nichts aufschießenden Gebirges bietet Kurvenspaß der Extraklasse.
Mit knurrendem Magen pflücken wir ein paar Äpfel von einem Baum, dessen Äste einladend über einen morschen, schrägen Zaun hängen. Zu spät entdecken wir den alten Mann im Garten, der uns auf Slowakisch etwas zuruft. Es tut uns fast schon Leid, die Äpfel von seinem Baum geangelt zu haben. Der alte Herr schimpft aber gar nicht, im Gegenteil, er lädt zu einem Glas selbst gemachtem Apfelsaft in seinen Garten ein und freut sich sichtlich über den Besuch. Stolz zeigt er sein kleines Grundstück samt dem windschiefen Häuschen. Die Erklärungen finden ausschließlich in Slowakisch statt, wobei seine Gastfreundschaft spielend jede Sprachbarriere überwindet.
Gut gelaunt nach dieser angenehmen Pause ziehen wir
weiter, wollen nun nach oben, ganz oben, aufs Dach der Hohen Tatra. Leider dürfen die Motorräder nicht mit in die Seilbahn, das einzige Mittel, die Lomnitzer Spitze ohne Kletterausrüstung zu
erklimmen. Von Tatranská Lomnica führt sie zu dem mit 2633
Meter zweithöchsten Berg des Massivs. Africa-Twin-Boris zuckt
zusammen, weil der Spaß satte 40 Euro pro Nase kosten soll. BMW-Yorck argumentiert, dass man schließlich nicht von Berlin bis hierher fährt, um dann auf den letzten Metern vorm Ziel auf-
zugeben, auch wenn der Preis tatsächlich mehr als happig ist.
Der phänomenale Ausblick lässt wenig später alle Geld-
sorgen und auch das stundenlange Anstehen in der Talstation
der Bahn vergessen. Vom Gipfel lässt sich schier der ganze Gebirgszug überblicken. Strahlend blauer Himmel wölbt sich über uns, die Sonne ganz nah, die anderen steil aufragenden Gipfel unter und neben uns. Rechts die polnischen, links die slowakischen. Der Versuch, die vielen Bergspitzen zu zählen, gestaltet sich schwierig und muss mehrfach wiederholt werden. Nach
einer alten slowakischen Sage verriet ein Ungeheuer einem
Wanderer in der Nacht die exakte Zahl der Gipfel der Hohen
Tatra. Wir sind uneins, ich komme nach mehrfacher Zählung
auf 78, Yorck auf 80.
Wieder auf dem Motorrad unterwegs, taucht nach einiger Zeit Starý Smokovec auf, einer der ältesten touristischen Orte in der Tatra, und mit ihm das prächtige Grand Hotel von 1904. Doch
unsere schmalen Geldbeutel würden auch hier vermutlich nur für den vielfach anzutreffenden Plattenbau reichen. Hinter der Stadt dann wieder Natur pur mit einem kristallklaren Bergsee. Bei
geschätzten zehn Grad Wassertemperatur fehlt uns allerdings
der Mut zum Sprung.
Der folgende Tag ist geprägt von staubigen Pisten bei dem Versuch, dem Gebirge am Südrand ein wenig auf die Pelle zu
rücken. Wege wie im Mittelalter fordern den ganzen Kerl am
Lenker und rütteln Mensch und Material gehörig durch. Über
uns kreisen kreischende Adler, das Naturreservat bietet Heimat für Steinadler, Bären und Wildkatzen. Bei einer Pause hören
wir Murmeltiere pfeifen und entdecken Gemsen in den Felsen. Edelweiß, blühende Disteln und Alpenglocken tauchen bei
der Weiterfahrt rechts und links der Strecke auf. An einer völlig
unwegsamen Stelle springt plötzlich ein Luchs aus dem Dickicht. Als er uns entdeckt, flüchtet er scheu zurück ins Dunkel.
Der Weg wird immer felsiger und gröber, führt irgendwann steil ins Tal, die beiden Maschinen rutschen beinahe ohne Kontrolle den Abhang hinab. Sind wir hier richtig? Der Piste verliert sich im Wald, und auch Yorcks Landkarte weiß nicht mehr weiter. Nach mehreren Kilometern über einen Trampelpfad endlich
wieder die Straße! Wurde langsam doch etwas unheimlich. Völlig erschöpft machen wir uns auf die Suche nach einem Dorf mit Wirtshaus. Stattdessen winkt ein altes Mütterchen aufgeregt
am Straßenrand, und Yorck legt souverän eine Vollbremsung hin, aber die rüstige Alte braucht nicht Hilfe, wie wir zunächst ver-
muteten, sie bietet Yorck ihrerseits etwas an: geräucherten Käse, der so lecker riecht, dass Yorck gerne ein paar Slowakische
Kronen in wohlige Gaumenfreuden investiert.
Nach einiger Zeit ist ein Zeltplatz zwar bereits in Sichtweite, doch um ihn zu erreichen, hat die Geographie noch eine schwie-
rige Aufgabe vorgesehen: ein reißender Bach mit tiefem, felsigem Bett. Unüberwindbar für unsere beiden Enduros liegt er zwischen uns und dem Platz. Nur eine schmale Fußgängerbrücke über
einen Baumstamm mit etwa 70 Zentimeter langen, aufgenagelten Querbrettern plus wackligem Geländer führt hinüber. Ob sie ein 230-Kilo-Motorrad tragen wird? Yorck rät von dem Experiment »Trial and Error« weise ab, doch ich will’s wissen und biete eine Wette an: Wenn die Brücke die Honda samt Piloten trägt, zahlt Yorck die nächste Tankrechnung für beide. »Das schaffst du nie«, antwortet er und staunt nicht schlecht, als die Twin wenig später im Schleichtempo über den Baumstamm hoppelt. Logisch, dass nun auch die BMW an der Reihe ist. Wobei die Sache mit den Boxer-Beulen noch mal enger wird. Doch tatsächlich, die GS meistert die wackelige Brücke ebenfalls.
Südlich der Hohen Tatra liegt der Nationalpark »Slowakisches Paradies« mit seiner lieblichen Landschaft und viel niedrigeren Bergen. Von dort bietet sich der beste Ausblick auf die Felsen
der Hohen Tatra, die kulissenhaft und wie aus dem Nichts in den Himmel emporragen. Am letzten Tag unserer Reise durchqueren wir auf Stegen und Leitern den Hornad-Durchbruch, eine tiefe Schlucht, die das Wasser in Jahrtausenden gegraben hat. Für uns Norddeutsche mehr als eine Herausforderung.
Wir haben bereits Kurs in Richtung Berlin eingeschlagen, als wir hinter Zakopane in den Rückspiegeln beobachten, wie die
imposanten Berggipfel der Hohen Tatra langsam unseren Blicken entschwinden. Ein traumhaftes Fleckchen Erde am östlichen Rand der neuen EU.

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