Indien-Deutschland (2)

Foto: Flatau/Werle
Nächstes Ziel: Loralai. Beim Anblick der immer zerschundeneren Piste grübeln die Abenteurer ein wenig über den Sinn des ganzen Unternehmens. Da kauft man sich zum ersten Mal im Leben ein neues Motorrad – und richtet es dann in der pakistanischen Bergwelt regelrecht hin. Die Enfields, die sich noch am Vortag so tapfer geschlagen haben, kommen heute kaum voran. Besonders die Maschine von Andreas schwächelt. Mit Sozius Moritz und dem ganzen Gepäck erweist sich die Fuhre als viel zu hecklastig für derartige Strecken, zumal die hinteren Stoßdämpfer völlig überfordert sind. Steine und Absätze hebeln das Vorderrad diverse Male einfach aus, und ein paar Umfaller sorgen für erste Kratzer im Lack.

Entsprechend schaukeln die Enfields durch Beluchistan. Nur Wüste und Berge in diesem abgelegenen Teil Pakistans. Die verwegen aussehenden und teilweise sogar bewaffneten Gestalten am Straßenrand entpuppen sich bei den vielen Stopps immer wieder als überaus freundliche Gastgeber. „Which Country? ...Ahhhh, Schermanie! Your name?” Es folgen unzählige Einladungen zum Tee. Moritz steht dabei stets im Zentrum des Interesses.

Hinter Quetta beginnt glutheiße Wildwestlandschaft. Nichts als Wüste. Für Abwechslung auf der Fahrt in Richtung Iran sorgen einzig die vielen Kontrollen. Die letzten 200 Kilometer bis zur Grenze. Bolzgerade. Dafür präsentiert sich die Trasse in einem sehr guten Zustand. Weil niemand anderes unterwegs ist, darf Moritz für eine Weile an den Lenker. Souverän hält er die Fuhre auf Kurs. Vater und Sohn platzen in solchen Momenten fast vor Stolz. Heimweh? An Tagen wie diesen könnte Moritz um die Welt fahren.
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Foto: Flatau/Werle
Gegen Mittag die Grenze zum Iran – mitten auf einem Schrottplatz. Es gibt nicht einmal einen Schlagbaum. Ein paar lustlose Beamte kümmern sich um die Abfertigung. Nach anderthalb Stunden Bürokratie plötzlich das Gefühl, wieder in der Zivilisation zu sein: An den Parkplätzen entlang des breiten Highways nach Zahedan stehen sogar Mülltonnen. Und am Abend kann man in der Stadt in Parks mit großen, schattenspendenden Bäumen und Springbrunnen entspannen. Die Freude währt indes nicht lange: Ausländer dürfen kein Benzin kaufen. Eine Regel, um den Schmuggel zu unterdrücken. Ein Liter Treibstoff, den es hier nur gegen Bezugsscheine gibt, kostet umgerechnet knapp sieben Cent, im benachbarten Pakistan dagegen rund 40 Cent. Schnell stellen die Enfield-Treiber jedoch fest, dass auch im Iran gegen Bares gerne Ausnahmen gemacht werden – selbst wenn eine Tankfüllung gerade mal einen Euro kostet.

Tags darauf steht die heißeste Etappe der ganzen Reise an. 52 Grad! Und ein fast orkanartiger Gegenwind. Teilweise schaffen die Enfields es nur im dritten Gang. Damit sie besser laufen, wechselt Andreas unterwegs die Hauptdüsen und spannt auch gleich die Steuerketten nach. Schwerstarbeit in dieser Hitze. Nach der harten Etappe gönnen sich die drei zur Abwechslung in Bam einmal ein richtig gutes Hotel – mit Hallenbad! Beim Anblick der historischen Stadt stockt ihnen allerdings der Atem. Das verheerende Erdbeben im Jahr 2003 hat seine Spuren hinterlassen. Von der einst ältesten und größten Lehmzitadelle der Welt, dem Wahrzeichen der Stadt, sind nur noch Fragmente übrig geblieben.

Hinter Bam geht es wieder in der Berge. Endlich. Der Weg nach Kerman steigt konstant bis zu einer Höhe von 1800 Metern an. Während das deutsche Trio in Indien und Pakistan bisher zu den schnellsten Verkehrsteilnehmern gehörte, werden sie hier gründlich verblasen. Auf den guten Strecken hält sich kaum jemand an die Tempolimits, am wenigsten die vielen überraschend modernen Lkw.

Zwischen Kerman und Yazd entdeckt Moritz in einem kleinem Laden am Straßenrand eine besondere Leckerei: eine gekühlte Dose chinesischer Ananas, die sofort geöffnet und gegessen werden muss. Ein echter Festtagsschmaus. Moritz grübelt, wie es diese Früchte wohl vom Reich der Mitte bis in die iranische Wüste geschafft haben.

Über Yazd, Esfahan und Borujerd rauschen die Bullets nach Bijar. Vor allem die letzte Etappe begeistert das Reiseteam. Die Strecke führt viele Stunden lang an goldglänzenden Weizenfeldern entlang, die sich schier endlos in der sanft geschwungenen Hügellandschaft auszudehnen scheinen. Im über 2000 Meter hoch gelegenen Bijar angelangt, herrschen zum ersten Mal seit dem Start in Delhi Temperaturen von unter 30 Grad – eine Wohltat für Mensch und Maschinen.

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