Irland (2)

Foto: Deleker
Im Süden, am andern Ufer der Dingle Bay, ragen die Berge der Iveragh-Halbinsel auf, die ich am kommenden Tag erreiche. Rund um Iveragh verläuft der Ring of Kerry, die berühmteste Panoramastraße Irlands. In den Sommerwochen schieben sich Reisebusse und Wohnmobile oft dicht an dicht über den 180 Kilometer langen Rundkurs. Da biege ich lieber ins Landesinnere ab, wohin sich kaum jemand verirrt. Der handtuchbreite, holprige Single Track klettert hinauf zum Ballagisheen Pass, zwar nur 304 Meter hoch, aber umgeben von einer grandiosen Landschaft. Schroffe 1000-Meter-Berge, gelbes, hartes Gras auf braunem Hochmoor, uralte Steinbrücken über torfig schwarzen Bächen. Hochlandatmosphäre.

Unterwegs sind hier allenfalls Schafe. Inzwischen habe ich gelernt, die wolligen Rasenmäher in drei Kategorien einzuordnen. Schafe der Kategorie 1 ignorieren mich, selbst wenn sie mitten auf der Straße stehen. Kategorie 2 ergreift beim Anblick der fahrenden Honda panische Flucht, die nicht selten geradewegs in einem Zaun endet. Die dritte Kategorie sind die Russisch-Roulette-Spieler. Sie warten bis zum letzten Moment und sprinten dann kurz vor dem anrollenden Vorderrad über die Straße. Manche allerdings verlässt im vollen Galopp der Mut, und sie versuchen mitten auf der Straße eine hektische Schleuderwende.

Kaum dreht die Straße am Westende von Iveragh auf Ostkurs, kann ich die Beara-Halbinsel erkennen. Beara ist einsamer als Iveragh und Dingle, doch keineswegs weniger spannend. Im Gegenteil, wartet Beara doch mit der besten Motorradstrecke und dem buntesten Dorf auf. Der Healy Pass ist mit seinen 330 Metern zwar nur ein Zwerg im Vergleich zu alpinen Bergstraßen, sein Ensemble von locker 30 Kurven und Kehren für irische Verhältnisse dagegen phänomenal. Und endlich ist auch der Teer mal griffig. Ansonsten präsentieren sich die Straßen Irlands nur zu gerne verseucht von einer dicken Lage Rollsplitt, die jeden Kurvenspaß vereitelt.
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Foto: Deleker
Kaum hat sich die Dominator wieder beruhigt, laufen wir in Eyeries ein, dem buntesten Dorf Irlands. Jedes Haus strahlt in einer anderen Farbe. Rosa neben Lila, Grün über Blau, Türkis an Gelb. Tollkühne, bisweilen schmerzhafte Kombinationen, als ob die Kinder des Dorfs die Farben ausgesucht hätten, aber kreativ und gute Laune fördernd. Vielleicht sind die bunten Häuser auch ein probates Mittel gegen die langen und trüben Winter. Der fröhliche Charakter von Eyeries setzt sich in der schmalen Küstenstraße fort, die zum äußersten Ende von Beara führt. 20 Meter hoch, scharfer Linksknick, dann steil runter, Rechtsknick und gleich noch mal hoch. Bis der Weg 25 Kilometer später einfach am Meer endet. Irgendein Witzbold hat den Wegweiser „Moskau 3300 km“ ans Ende der Straße gepflanzt.

Bis Bantry, dem Startpunkt zum Ring of Beara, ist es nicht ganz so weit. Bantry ist ein historisch wichtiger Ort, immerhin sollte dort die einzige Revolution des Landes stattfinden. 1796 versuchte der Ire Wolfe Tone mit Hilfe einer französischen Armada den Aufstand gegen die schon damals wenig beliebten Engländer. Das Unternehmen scheiterte jedoch kläglich. Die 50 Schiffe gerieten in einen Sturm. 30 machten flugs kehrt, zehn gingen unter, und der Rest war-tete in der Bantry Bay eine Woche, um endlich anzulegen. Vergeblich, die See blieb rau, und die Revolution musste abgesagt werden. Trotz des Desasters wurde Wolfe Tone zum Volksheld.

Von Bantry ist es nur ein Katzensprung auf die beiden südlichsten der fünf Halbinseln. Allerdings können Sheep’s Head und Mizen landschaftlich nicht mit ihren nördlichen Kollegen konkurrieren. Ich lasse mir trotzdem Zeit, rolle entlang der Küste von Bucht zu Bucht. Irland lehrt Ruhe, Hektik ist hier völlig fehl am Platz. Am Old Head of Kinsale ein weiterer historischer Hinweis. Ein schmuckloses Denkmal erinnert an eine Tragödie des Ersten Weltkriegs, die sich hier vor der Küste abgespielt hat. Im Mai 1915 dampfte der Luxusliner Lusitania von New York nach Liverpool. Die Lusitania war das schnellste Schiff auf dem Nordatlantik und der Stolz der britischen Nation. Aber die Geschwindigkeit des Liners gaukelte den fast 2000 Passagieren vermeintliche Sicherheit vor den deutschen U-Booten vor. Am 7. Mai war die Sicht südlich von Irland nicht allzu gut. Obwohl Kapitän William Turner um den U-Boot-Alarm wusste, drosselte er die Geschwindigkeit des 240 Meter langen Stahlgiganten. Ein verhängnisvoller Fehler. Das deutsche U20-Boot brauchte nur zu warten, bis es das tödliche Torpedo abfeuerte. Die Lusitania sank in knapp 18 Minuten und riss 1198 Menschen in die Tiefe. Die Welt war schockiert, die USA erklärten wenig später Deutschland den Krieg.

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