Irland (3)

Foto: Deleker
Puh! Jetzt brauche ich erst mal einen Kaffee und finde am Hafen von Kinsale ein kleines Restaurant. Im Fernseher über der Theke nervt eine viel zu laute, schrille Seifenoper. Bis mich eine Ansage schlagartig aus der bedrückten Stimmung reißt: „Sturmwarnung für die Westküste.“ Ein Ex-Hurrikan rollt über den Atlantik und soll morgen für spannendes Wetter sorgen. Die Meldung ist elektrisierend, schon träume ich von entfesselten Fluten und gigantischen Wellenbergen, die sich mit den Cliffs of Moher anlegen. Jo, bleib ruhig! Während die Bewohner ihre Häuser sichern, packe ich die Fotoausrüstung zusammen.

Zehn Minuten später sitze ich auf der Honda, den Lenker nach Norden ausgerichtet, und gebe Gas. Diese Chance kann ich mir nicht entgehen lassen. 200 Kilometer bis zum B&B in Doolin. Der Wind legt über Nacht gewaltig los, der Luftdruck fällt rasant. Schöne Aussichten für Besessene wie mich! Bei den rappelnden Fensterläden und den pfeifenden Telefonleitungen ist an Schlaf kaum zu denken. Aus dem versprochenen 100-km/h-Sturm wird zwar nichts, aber 75 km/h sind auch nicht schlecht. Immerhin kann ich es so noch wagen, im ersten Morgengrauen zu den Cliffs of Moher zu fahren. Bei elf Windstärken wäre das unmöglich. Mühsam kämpfe ich mich zur äußersten Kante der Klippen, finde einen Felsvorsprung, der ein wenig Schutz vor dem tosenden Sturm bietet. Vor mir stürzen die Felsen 200 senkrechte Meter in den aufgewühlten Atlantik. Der Blick in die Tiefe sorgt für die Extra-Portion Adrenalin. Auf acht Kilometer Breite stemmt sich die schwarze Felswand wie eine Riesenmauer dem Sturm entgegen. Gewaltige Brecher rollen auf die Steilküste zu, überschlagen sich und zerstieben zu haushohen Gischtwolken, die der Sturm bis weit über die obere Klippenkante jagt. Es ist gewaltig! Wolken in allen Grauschattierungen drängen eilig nach Norden, halten erst im Landesinneren kurz inne, um ihre feuchte Ladung loszuwerden und dann ihre Reise fortzusetzen. Plötzlich prasselt auch hier ein harter Hagelschauer nieder und zwingt mich unter einen Felsvorsprung. Das Barometer ist auf 970 Millibar gefallen. Verdammt niedrig für einen Sommertag in Irland.
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