Italienische Alpen Du musst wandern...

...von einem Tal zum andern: Wenn man rund um den Nationalpark Gran Paradiso im Aostatal fährt, lohnt es sich, auch einmal vom Motorrad zu steigen und zu Fuß durch die Bergwelt zu streifen.

Niemand hatte mir je vom Colle del Nivole erzählt. Vermutlich kennt aber auch kaum ein Mensch diesseits der Alpen diese Strecke, die sich wie ein Kunstwerk so himmelstürmend durch den Granit windet, dass es einem schlicht und einfach die Sprache verschlägt. Dabei hatte ich mich heute Morgen kaum losreißen können.Der Tag begann in einer winzigen Trattoria in Locana, und der Cappuccino dort war ein Gedicht. Natürlich saß ich draußen und mir fiel als erstes die üppige Blumenpracht in den Terracota-farbenen Töpfen auf, die überall an den Balkonen mit ihren schmiedeeisernen Brüstungen hingen. Über das Kopfsteinplaster der schmalen Piazza Aldo Moro rumpelte dann und wann ein Ape - die italienische Variante eines Pickups auf drei Rädern -, der jedes Mal, beladen mit Salat- oder Obstkisten, fast über meine Zehenspitzen fuhr. Auf der anderen Seite des Platzes die Bar Nationale. Dort gibt es Zigaretten und, dem Stimmenwirrwarr nach zu urteilen, täglich auch den neusten Klatsch, bevor man sich auf den Weg macht, die Einkäufe oder anderes zu erledigen. Oder um zu flanieren. Ich musste mich zwingen, mich wieder auf mein Motorrad zu setzen.Wenig später folgte ich der Straße durch ein enges Tal. Rechts und links sattes Grün an fast senkrechten Felswänden, die schließlich mit pyramidenförmigen, nackten Spitzen in den Himmel ragen. Gewaltige Wasserfälle rauschen über Hochhaus hohe Absätze, verzweigen und vereinen sich, und dort, wo sie im Wald verschwinden, hängt feiner Sprühnebel über dem Laubdach, in dem sich das Sonnenlicht in vielen Farben bricht. Erst oberhalb der Baumgrenze öffnet sich das Valle di Loccana, und plötzlich dominieren die weißen Schneefelder auf den Gipfeln der Levanna-Gruppe den Blick.Doch das hochalpine Panorama interessierte mich in diesem Moment nur am Rande. Es war die Straße, die völlig unerwartet meine Sinne verzauberte. Kehre für Kehre eroberte ich mit der Yamaha Höhenmeter für Höhenmeter, passierte den jadegrünen Lago Serrù und eine kurze, aber steile Gerade bis zum dunkelblauen Lago Agnel, um in einer weiteren, schier unglaublichen und nicht enden wollenden Kurvenfolge der immerhin 2612 Meter hohen Passhöhe des Colle del Nivole entgegenzustürmen. Ich war völlig außer Atem. Zum einen wegen der ungewohten Höhe. Zum anderen wegen des Ausblicks auf die in den Fels geschlagene Streckenführung. Hier waren keine gewöhnlichen Bauarbeiter am Werk. Ganz bestimmt nicht. Hier schuf ein Maestro ein Denkmal, das mit Sicherheit so überlaufen wäre wie ein Stilfser Joch, wenn der Weg hier oben nicht als Sackgasse enden würde - wie alle Straßen in den Seitentälern rund um den Nationalpark Gran Paradiso, einem Refugium für Steinböcke, Gämsen, Geier und Adler. Und einem Eldorado für Wanderer, die auf insgesammt 280 Kilometern markierten Höhenwegen tageweise oder wochenlang durch die Bergwelt des Aostatals ziehen können.Auch ich will zu Fuß in die Nähe des Gran Paradiso, dem 4061 Meter hohen Majestäten dieser Region. Doch nicht von hier aus, obwohl der Berg zum Greifen nahe scheint, sondern ab Pont, das sich am Ende des gegenüberliegenden Val Savarenche befindet - Luftlinie gerade einmal sieben Kilometer von meinem jetzigen Standpunkt entfernt. Für die Fahrt dorthin muss ich allerdings einmal rund um das weitläufige Massiv des Gran Paradiso fahren und veranschlage dafür inklusive diverser Abstecher mindestens einen ganzen Tag.Kurz vor Mittag rausche ich wieder zu Tal. Obwohl die gleiche Strecke wie am frühen Morgen, gewinne ich aus der Bergab-Perspektive völlig neue Eindrücke. Erst jetzt fallen mir die bizarr geformten Felsen auf, die noch oberhalb der beiden Seen in unmittelbarer Nähe der Straße aus den grünen Matten herausragen. Etwas weiter unten dann der schäumende Orco. Flaschengrünes Wasser, das über meterhohe Felsenstufen und Gesteinsbrocken tost - heller Granit, der durch die Kraft des Wassers in Jahrmillionen zu kunstvollen Monumenten geschliffen wurde. Ich nehme mir fest vor, meine schwäbische Hausstrecke das nächste Mal in entgegengesetzte Richtung zu fahren.Kurz vor Locana biege ich in das Valle di Piantonetto ab. Rund 14 Kilometer sind´s bis zum Lago di Teleccio, einem Stausee in fast 2000 Metern Höhe. Macht hin und zurück gut und gerne 30 Kilometer. Die Reserve sollte dafür gerade noch reichen - und für weitere vier Kilometer bis nach Locana, wo ich die nächste Zapfsäule vermute. Tankstellen sind hier rar, und die XJR säuft leider wie ein Loch. Zudem entpuppt sich das schwere Motorrad als denkbar ungeeignet für diesen Weg. Gerade einmal zwei Meter breit, mit Schlaglöchern, tief ausgewaschenen Rinnen und unzähligen Serpentinen, so eng, dass ich die Yamaha stellenweise im Standgas durch die Kehren rangieren muss. Dafür ist hier außer mir niemand unterwegs. Auch nicht in San Lorenzo oder San Giacomo. Jeweils eine Hand voll uralter und ineinander verschachtelter Gebäude aus groben Steinen. Schnörkellos, mit winzigen Fenstern und Dächern aus schweren Schieferplatten, um gegen die Kälte und die Schneemassen des Winters gewappnet zu sein - archaische Trutzburgen, die zwar für die Ewigkeit gebaut, inzwischen aber längst verlassen sind, weil es in den nahen norditalienischen Industriezentren mehr zu verdienen gibt als auf den kargen Hochalmen. Ein paar Kilometer weiter endet plötzlich der Asphalt. Ich werfe noch mal einen Blick auf die Karte, aber eine Schotterpiste ist hier wirklich nicht verzeichnet. Auch verrät das Blatt nicht, wie verwegen der Weg zum Lago di Teleccio an der fast senkrechten Wand in diesem ansonsten im besten Wortsinn auswegslosen Tal klebt. Ein Traum für Enduristen. Aus dem Sattel einer XJR dagegen ein nahezu unüberwindbares Hindernis. Einen Moment später knirscht loser Schotter unter den breiten Reifen. Dann grobes Geröll. Überreste eine Steinlawine, die eine gewaltige Schneise durch die dichte Vegetation unter mir am Hang geschlagen hat. Je höher ich gelange, desto urwüchsiger wird das die Gegend. Und immer steiler die Piste, bis der glatte Hinterradreifen kaum noch in der Lage ist, die Fuhre bergan zu treiben. Ganz vorsichtig hantiere ich mit dem Gas - der Zeiger der Tankuhr steht tief im roten Bereich, als ich am Ende dieser mehr als kühn trassierten Piste oberhalb des Damms auf einem kleinem Parkplatz zum Stehen komme. Der künstliche See schimmert hellgrün, und am gegenüberliegenden Ufer erhebt sich die 3692 Meter hohe Flanke des Gran San Pietro. Klassisches Alpenpanorama und nett anzuschauen - aber nichts gegen den Blick vom Rand der Steilwand in das viele hundert Meter tiefe Tal, aus dem ich soeben gekommen bin. Und in das ich natürlich wieder hinunter muss. Lange wandert mein Finger am nächsten Morgen über die auf dem Frühstückstisch ausgebreitete Karte. Ich zähle 16 Seitentäler, die in das Aosta-Haupttal münden, das sich fast rechtwinklig von Pont-Saint-Martin im Südosten bis nach Courmayeur am Fuß des Mont Blanc im Nordwesten zieht. Einige der Talstrecken verlaufen fast wie mit einem Lineal gezogen. Uninteressant. Zumindest, wenn man Motorrad fahren will. Andere dagegen winden sich so heftig hin und her, dass einem schon beim Blick auf die Karte die Augen tränen. Morgen werde ich meinen inneren Schweinehund überlisten und wandern. Ganz bestimmt. Aber heute will ich einfach nur fahren. Ins Val d´Aya und dann über den extrem kurvenreichen Colle di Joux in das landschaftich ebenso großartige Valtournenche, wo ich hinter Antey-St-André erstmals die italienische Seite des Matterhorn - oder besser: des Monte Cervino - zu sehen erhofft hatte. Doch der markante Berg verbirgt sich unter dicken Wolken - und das schon seit Tagen, wie ich am Ende der Straße in Breuil-Cervínia erfahre. Weil keine Besserung in Aussicht ist, kehre ich dieser trostlosen Kunstsiedlung sofort den Rücken. Der Wintersportort wurde von Mussolini aus Prestigegründen erschaffen, denn der Diktator verlangte nach einem italienischen Zermatt. Aus heutiger Sicht sind die Bausünden schlicht katastrophal.Mehr Glück mit der Bergsicht habe ich in Pila. Am Ende von mindestens einem Dutzend Spitzkehren blicke ich auf den gewaltigen Mont Blanc. Und während das erste Abendlicht den verschneiten Gipfel des höchsten Alpenberges in ein zartes Rosa taucht, verschwinde ich im nahem Val Savarenche. Über viele Kilometer wird das Tal so eng vom Gebirge umschlossen, dass bereits am frühen Nachmittag kaum noch Sonnenlicht bis auf die Straße dringt. Die Tage werden erst wieder länger im fast 2000 Meter hoch gelegenen Pont am Fuß des Gran Paradiso. Dafür sind die Nächte hier oben deutlich kürzer. Bereits um vier Uhr brechen im Hotel die ersten mit schweren Schritten in die umliegende Bergwelt auf. Die meisten zieht es natürlich zum Gran Paradiso, der zu den »leichtesten« unter den 4000 Meter hohen Gipfeln in den Alpen gehört, weil man ihn mit Steigeisen praktisch erwandern kann. Gegen sieben Uhr bin ich quasi der Letzte, der sich, gerüstet für eine langen Tag, auf den Weg macht. Weil mir aber die Route, die direkt zum Gran Paradiso führt, heute zu überlaufen erscheint und der Gipfel für mich mangels Steighilfen und Erfahrung ohnehin nicht in Frage kommt, entscheide ich mich spontan für eine andere Tour, die auf der gegenüberliegenden Talseite steil bergauf grob in Richtung des Colle del Nivole führt. Dort, so meine Hoffnung, müssten mir eigentlich ein paar Exemplare der majestätischen, rund 5000 Steinböcke, die in dem Nationalpark leben, über den Weg laufen. Vor sieben Jahren war ich schon einmal hier zu Fuß unterwegs und konnte mich einer Herde bis auf eine Entfernung von zirka 20 Meter nähern. Über einen steilen Zickzack-Pfad, der gleich hinter dem Hotel beginnt, erklimme ich langsam die ersten 400 Höhenmeter bis zur »Groce Roley«. Der Weg passiert schnell die Baumgrenze und windet sich dann auf spektakuläre Art und Weise durch den nackten, senkrechten Fels. Es dauert eine ganze Weile, bis sich mein von den langen Motorrad-Etappen der letzten Tage eingerosteter Körper an diese neue Gangart gewöhnt und ich ein gleichmäßiges Tempo finde. Dann erreiche ich - verschwitzt und außer Atem - den markanten Aussichtspunkt. Bei einem zweiten Frühstück, das aus Brot, Käse und Tee besteht, habe ich Zeit, das gewaltige Panorama zu begreifen. Der formvollendete Gran Paradiso und seine Nachbargipfel stecken unter einer dicken weißen Haube. Gelle Spitzen, die in einen tief blauen Himmel stechen. Durch das Fernglas entdecke ich Bergsteiger, die sich mir praktisch gegenüber von der Bergütte Vittorio Emanuele auf dem Weg zum Paradiso machen. Dabei müssen sie Gletscher queren, die über die steilen Flanken fast bis in die grünen Wälder am Fuß des Gebirgszugs reichen. Und ganz tief unten verläuft die Straße nach Pont. Wieder unterwegs, stehe ich ein ganzes Stück weiter oben an einer Kreuzung. Von hier aus geht´s auf einem gut sichtbaren Pfad entweder in Richtung Süden zum Colle del Nivole. Oder man nimmt den nach Norden führenden Weg, der einem, wenn man einen steilen Abstieg in Kauf nimmt, wieder zurück nach Pont bringt. Ich entscheide mich für die letzte Variante und rechne anhand der Wanderkarte aus, dass ich noch ungefähr 14 Kilometer zu bewältigen habe. Immer tiefer dringe ich in diese hochalpine Welt ein. Um mich herum herrscht eine nahezu völlige Stille. Nur dann und wann pfeift ein Murmeltier, um seine Artgenossen vor dem fremden Eindringling zu warnen. Völlig lautlos dagegen zwei Gämsen, die so unglaublich schnell in dem schwierigen Terrain unterwegs sind, dass ich ihnen mit dem Fernglas kaum folgen kann. Von den Steinböcken fehlt jedoch bis zum Abstieg jede Spur. Ich werde eben wieder hierher kommen müssen. Ich werde ganz sicher auch wieder in einer winzigen Trattoria sitzen und einen Cappuccino trinken. Und ich werde mir während der Heimfahrt ganz genau überlegen, ob ich überhaupt jemanden vom Colle del Nivole erzählen werde.

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