Italo-Klassik-Tour Tutti Frutti

Erlaubt ist, was gefällt: Bei der sommerlichen Rallye des italienischen MC Terni kommt alles in die Wertung, was zwei Räder und ein paar PS mitbringt – Motorräder und Roller von gestern genauso wie modernste Maschinen.

Foto: Gori
Letzte Anweisungen hallen über die Piazza Europa in Terni. Gepäckstücke werden in den Begleitfahrzeugen verstaut, Startnummern über Lederjacken festgezurrt, in der Bar Bestellungen für einen letzten schnellen Espresso abgegeben. Vom Lampenfieber befallen, treten ein paar Oldtimer-Piloten probehalber kräftig in die Kickstarter, und der bollernde Sound lässt die Luft im mittelalterlichen Stadtkern vibrieren. In dem rund 100 Kilometer nordöstlich von Rom gelegenen Ort laufen die Startvorbereitungen für den »Gira moto scooter« auf Hochtouren – eine dreitägige Gleichmäßigkeitsfahrt durch Mittelitalien für Oldtimer und solche, die es werden wollen.

Die rund 60 gemeldeten Zweiräder verkörpern einen Querschnitt der letzten 50 Jahre Motorradbau. Von der alten 200er-Vespa mit Handschaltung über Gilera- und Motobi-Modelle aus den 50er und 60er Jahren bis hin zum modernen Honda-Roller Silverwing, einer Cagiva Navigator oder Honda Transalp ist praktisch alles vertreten. Das größte Starterfeld stellen jedoch Youngtimer à la Moto Morini 3 1/2, Suzuki GSX 1100 ES oder Honda 750 Four. »Für solche Motorräder gibt es kaum Wettbwerbe«, weiß Renndirektor Paolo Rossi. »Bei uns dagegen sind wirklich alle willkommen und können in der Wertung mitfahren.« Renndirektor? Richtig. Selbst eine an sich touristische Veranstaltung wie der »Gira moto scooter« verfügt laut Vorschrift der nationalen Motorradföderation FMI über eine veritable Rennkommission. Gefahren wird auf öffentlichen Straßen, jedoch mit Zeitnahme, Stempelkontrolle und zahlreichen Geschicklichkeitsprüfungen. Weil dafür eine Genehmigung erforderlich ist, begleiten Motorradpolizisten die Tour vom Anfang bis zum Ende, regeln bei Bedarf den Verkehr und haltend schützend ihre weiß behandschuhten Händchen über die Teilnehmer.

Endlich rückt der Start in greifbare Nähe. Schnell noch zum Briefing, bei dem Paolo Rossi die Regeln erklärt, die Rennkommissarin Laura für die wenigen ausländischen Teilnehmer in Englisch übersetzt. Die Gäste kommen vornehmlich aus den Niederlanden und fühlen sich beim »Gira moto scooter« pudelwohl. »Das ist ein kleiner, fast familiärer Kreis«, erklärt Hanni, die auf einer Guzzi 500, Baujahr 1986, bereits zum zweiten Mal bei der Oldtimer-Tour dabei ist. »Man lernt sich schnell kennen und schätzen, und bei technischen Problemen haben immer alle spontan geholfen. Und die Verständigung klappt bestens, obwohl ich kein Italienisch kann – im Zweifel halt mit Händen und Füßen!«

Gleich darauf setzt sich der gesamte Pulk unter dem Beifall der Zuschauer in Bewegung, peilt Arrone an. Am Fuß der Cascata delle Marmore, mit 145 Metern einer der höchsten Wasserfälle Europas, findet die erste Geschicklichkeitsprüfung statt. Die Mitglieder vom veranstaltenden Motoclub Libero Liberati aus Terni bauen flugs ihre Gerätschaften auf: Absperrungen, Sensoren für die Zeitnahme, ein Plastiktisch mit den Unterlagen für die Kommissare. Diesmal gilt es, 20 Meter in exakt zehn Sekunden zurückzulegen. Klingt einfach, ist es aber nicht. Blutigen Anfängern wie mir gestehen die Kommissare augenzwinkernd zwei Versuche zu und geben sogar Tipps: »Du musst einfach zählen, und zwar 1001, 1002, 1003 und so weiter, bis 1010, dann passt es. Und gib bloß nicht zu viel Gas mit dem Teil!« Also gut. Brav halte ich meine Ducati ST3 im Zaum. Offenbar zu sehr, denn ich bin eine glatte Sekunde zu langsam. Also mehr Gas. Ah, Mist, jetzt war’s zu viel! Ich bin deutlich zu schnell und fahre jede Menge Strafpunkte ein. Doch egal, beim »Gira moto scooter« zählt vor allem der olympische Gedanke: Dabei sein ist alles.

Auf dem Weg Richtung Süden zum Etappenziel Amatrice geht’s zunächst der Staatsstraße entlang, kurz darauf biegt der Tross auf kleinere Wege ab. Einen wunderbaren Kurs haben die Jungs und Mädels vom MC Libero Liberati, benannt nach Ternis Lokalmatador, dem 500er-Weltmeister von 1957, da gesteckt. »Umbrien wird das grüne Herz Italiens genannt«, erklärt Piero vom MC stolz. »Und das wollen wir euch auch zeigen.« Mit Erfolg: Über schmale Sträßchen zieht sich die Strecke allmählich immer höher hinauf in die Hänge des Apennin. Die drückende Juni-Hitze aus Terni mit ihren satten 37 Grad liegt bald hinter uns, wir atmen wieder durch. Der Weg schlängelt sich durch dichte, sommerlich duftende Wälder, unterbrochen vom Ausblick auf saftig grüne Täler und hohe Berge, die selbst um diese Jahreszeit noch schneebedeckte Gipfel tragen. Lange können wir den erfrischend kühlen Fahrtwind allerdings nicht genießen. In den kleinen Ortschaften am Rande der Strecke begrüßen die Einheimischen enthusiastisch unseren lauten Konvoi, Stopps sind da obligatorisch. Im Städtchen Leonessa, zu deutsch »die Löwin«, das wie ein Adlerhorst auf fast 1000 Höhenmetern in den Bergen thront, hält der örtliche Fremdenverkehrsverein einen üppigen Imbiss mit Schinken, Salami, Käse, Wasser und tiefrotem Wein bereit. Alle Teilnehmer langen tüchtig zu, dabei haben wir bislang gerade mal 80 Kilometer zurückgelegt. Bei einer echten italienischen Zweirad-Rallye stehen eben nicht nur die Motorräder im Mittelpunkt, sondern ebenso das leibliche Wohl der Fahrer.

Das zeigt sich auch am Etappenziel in Amatrice. Aus diesem Ort stammen die landesweit bekannten Spaghetti »all’amatriciana« mit einer Soße aus Olivenöl, Speckwürfeln, Zwiebeln, Tomaten und Chili, bestreut mit reichlich Schafskäse. Sie stehen natürlich auf dem abendlichen Speiseplan. Doch zunächst parken wir die Motorräder in Reih und Glied auf dem Kopfsteinpflaster der malerischen Hauptstraße, auf der sich bunt dekorierte Läden mit schönen antiken Handwerksschildern aneinander reihen. Flugs strömen die Einwohner herbei und begutachten neugierig unsere Motorradpalette. Insbesondere den Jüngsten hat es die vielfältige Pracht angetan: Auf Mini-Bikes und Fahrrädern flitzen sie aufgeregt hin und her.

Die zweite Etappe führt tief in die Abruzzen. Das Landschaftsbild ändert sich, statt dichter Wälder beherrschen nun karge Hänge mit gelbbraunen Steinen und steilen Felsen das Bild. Dazwischen zieht sich eine bestens ausgebaute Straße bis auf 1400 Meter, der fast weiß schimmernde Asphalt bietet Grip ohne Ende. Wir treffen kaum auf Gegenverkehr, begegnen vor allem Pferden, Kühen und Schafen. Verlassen liegen kleine Weiler und Dörfer am Straßenrand, ihre Bewohner haben sich auf der Suche nach einem besseren Leben längst in die Städte aufgemacht. Unter dem Eindruck der schroffen Landschaft legen viele Rallye-Teilnehmer kleine Pausen ein, um die Stille zu genießen, das Feld zieht sich immer weiter auseinander. Was kein Problem ist: Neben einem detaillierten Roadbook weisen an Kreuzungen und Abzweigungen Aufkleber der Organisatoren den rechten Weg. Als Lumpensammler fungiert am Ende des Konvois ein Lieferwagen mit zwei Mechanikern nebst Werkzeug und diversen Ersatzteilen, die bei kleineren technischen Problemen weiterhelfen und im schlimmsten Fall Motorrad und Fahrer kurzerhand einladen. Den Zug beschließt ein Rettungswagen, der in diesen Tagen zum Glück nie zum Einsatz kommt.

Wieder im Tal, steht in Sulmona, 130 Kilometer nach dem morgendlichen Start, ein obligatorischer Tankstopp für alle auf dem Programm. Aus gutem Grund, denn die Mittagspause dauert an den Tankstellen bis 16.30 Uhr, und Tankautomaten sind jenseits der Autobahnen in dieser Gegend völlig unbekannt. Nach einer weiteren Geschicklichkeitsprüfung geht’s zurück in die luftigen Höhen der Abruzzen zum Forchetta-Pass.

Die nächsten 30 Kilometer entpuppen sich als eine Art unfreiwillige Sonderprüfung, denn das im Ausbau befindliche Sträßchen mutet mit riesigen Schlaglöchern, sandigen Kurven und schmutzigen, engen Spitzkehren fast wie eine kleine Offroad-Passage an. Plötzlich scheint unsere Polizei-Eskorte überall zu sein, sichert uns nach vorn und hinten ab und stoppt sogar den spärlichen Gegenverkehr, um für die Zweiradfahrer auf der rutschigen Fahrbahn alle Ausweichmöglichkeiten offen zu halten. Mille grazie!

Allmählich bilden sich kleine Gruppen heraus, die immer zusammenbleiben und sich um die mögliche Konkurrenz untereinander nicht scheren. Wobei es beim »Gira moto scooter« ja ohnehin nicht um die schnellste Zeit, sondern um eine möglichst gleichmäßige Fahrweise geht – echte Rennen auf öffentlichen Straßen sind auch in Italien verboten. Und letztlich entscheiden die insgesamt neun Geschicklichkeitsprüfungen mit ihren Mini-Slaloms und Zeitnahmen über Sieg und Niederlage, dort gibt es die meisten Punkte zu holen oder zu verlieren.

Vom Etappenziel Vasto an der Adria – ein Abstecher ans Mittelmeer ist Ehrensache – geht es wieder Richtung Norden zurück nach Terni. Im goldenen Licht der Nachmittagssonne halten wir dort auf der nun schon bekannten Piazza Europa Einzug. Sofort eilen Mitglieder des MC Terni mit Wasserflaschen herbei, da die Stadt in unserer Abwesenheit noch an Hitze zugelegt hat und es jetzt auf satte 40 Grad bringt. Nur Guido aus Bologna, mit 79 Jahren ältester Teilnehmer, scheint nicht zu schwitzen: Er sitzt nämlich, wie schon während der vorhergehenden Tage, in T-Shirt, kurzen Hosen und Sandalen auf seiner XT 350. Ebenfalls kurz behost kommen die Holländer Hans und Ross auf ihren alten Vespas ins Ziel. »Eine Spitzentour, aber das nächste Mal nehme ich doch lieber etwas Größeres und Bequemeres«, sagt Ross lachend und reibt sich nach rund 700 schlecht gefederten Kilometern den Allerwertesten. Mit seinen Landsleuten ist er sich einig: Auch wenn die nächste »Gira moto scooter« im tiefsten Süden Italiens stattfindet – sie wollen wieder dabei sein. »Diese bunte Mischung aus Wettbewerb, Landschaft und italienischer Lebensart ist schier einzigartig«, begeistert sich Hans. »Und wozu gibt es schließlich Autoreisezüge?«

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