Japan Insel der Ruhe

Das Eiland Hokkaido präsentiert sich gänzlich anders als das ansonsten hektische Japan: mit nahezu unberührten Wälder, kristallklaren Bergseen und urtümlichen Fischerdörfern.

Als wir hinaustreten an Deck, schlägt Yujin und mir der eisige Morgenwind entgegen. Es ist noch stockdunkel, und Wolken verdecken die Sterne. Allein die Scheinwerfer der vielen Fischerboote leuchten über das Japanische Meer. Die Kälte überrascht uns und wir sind froh, ausreichend warme Kleidung mitgenommen zu haben. Obwohl Hokkaido ungefähr auf dem Breitengrad Italiens liegt, erinnern die Temperaturen im Winter eher an Skandinavien. Hokkaido – eine der vier großen Inseln Japans – gilt als »der wilde Norden« des Landes: voller Vulkane, heißer Quellen und kristallklarer Seen. Es ist eine Region, die eine für das hektische Japan ganz untypische Ruhe und fast schon Einsamkeit ausstrahlt. Mit geschwungenen Straßen ohne Ampeln und Stau. Schon lange war es mein Wunsch gewesen, diese Gegend Region Japans einmal auf einem Motorrad zu erkunden.Wenig später rolle ich hinaus aus der Fähre, die uns die über tausend Kilometer aus der warmen Kyôto-Präfektur nach Otaru, einem der großen Fährhäfen Hokkaidos, gebracht hat. Meine Freundin Jujin wartet bereits unten am Fährterminal, und nach ein paar Minuten ist alles Gepäck verstaut. Neben den normalen Reiseutensilien haben wir noch ein Zelt, Isomatten und Schlafsäcke dabei. Auf Hokkaido gibt es viele Campingplätze und einige sind zu unserer Freude sogar kostenlos. Kaum zu glauben in einem Land, indem die Kosten für eine Übernachtung ansonsten exorbitant sind und die Reisekasse extrem beanspruchen. Ähnlich beladen auch die anderen Motorradfahrer, die nach der Fährfahrt zuerst einen kleinen Supermarkt angesteuert haben, wo es Kaffee und Nudeln zum Frühstück gibt. Alle staunen über einen unbeschreiblich schönen Sonnenaufgang, der die Bucht und das Meer in ein kräftiges Rot taucht.Schon während der ersten Kilometer merke ich, dass das weite Hokkaido zu einer zügigeren Fahrweise als sonst in Japan üblich animiert. In Osaka, wo ich als Student ein Jahr lang gewohnt habe, verhängt man Temposündern drakonische Strafen. Als ich nun jedoch auf dieser Küstenstraße, auf der nur Tempo 50 erlaubt ist, aus Versehen mit mehr als 80 Sachen an einer Polizeistreife »vorbeirase«, passiert zu meiner Überraschung nichts. Gut zu wissen.Bei strahlendem Sonnenschein umrunden wir die Shakotan-Halbinsel und biegen in Richtung Süden ab. Über eine wunderbar kurvige Landstraße gelangen wir zum Toya-See, einem kleinen Juwel, an dessen Ufer gleich zwei Vulkane stehen: der rauchende, 737 Meter hohe Uzu-zan sowie sein kleiner Bruder, der Showa-Shin-zan, der sich erst 1943 gebildet hat und heute immerhin 402 Meter hoch ist. Alles in allem ein toller Ort für eine Mittagspause, bevor wir uns zum nahen Shikotsu-See aufmachen, an dem wir die Nacht verbringen wollen. Dort angekommen, peilen wir das erste »Riders-House« an – eines von zahlreichen Häusern auf Hokkaido, die besonders den vielen Motorradfahrern, aber auch anderen zumeist jüngeren Reisenden für wenig Geld eine einfache Unterkunft und häufig auch Mahlzeiten anbieten. Für umgerechnet neun Euro pro Person erhalten wir ein kleines Zimmer, ausgelegt mit Tatamis, den traditionellen japanischen Strohmatten. Als wir am nächsten Morgen aufbrechen wollen, sieht das Wetter leider nicht mehr ganz so freundlich aus. Dunkle Wolken statt blauer Himmel. Egal. Nach ein paar Kilometern am See biegen wir in Richtung Südspitze Hokkaidos ab, fahren bis zum Mittag an einer rauen Felsküste entlang. Dann lockt uns eine kleine kurvige Bergstraße ins Inland, die nach Biratori, der letzten Ainu-Enklave auf Hokkaido, führt. Diesem Volk – die längst verdrängte Urbevölkerung Japans – ist in dem Ort ein kleines, aber wohl sortiertes Museum gewidmet, was uns gerade recht kommt, da es auf einmal wie aus Kübeln gießt. Doch irgendwie kann uns die vergangene Kultur der Ainu nicht wirklich auf andere Gedanken bringen – der Regen nervt. Nur wenige Kilometer vom Museum entfernt stehen wir patschnass am Straßenrand und entschließen uns, das angepeilte Tagesziel auf morgen zu verschieben. Zu unserem Glück finden wir ein kleines »Riders-House«, das aber leider voll belegt ist. Doch der Besitzer scheint mit unseren traurigen Gestalten Mitleid zu haben und führt uns zu einer kleinen Hütte außerhalb des Fischerdorfes. Als wir dankbar nach Preis fragen, winkt er lachend ab und meint, er hätte noch nie Geld für seine Unterkünfte genommen.So freundlich die Menschen, so schlecht ist das Wetter. Auch die nächsten beiden Tage sind völlig verregnet, und eher ungeduldig passieren wir das Kap Erimo an der Südspitze der Insel, das für stürmische Winde berüchtigt und für seine großen Robbenkolonien berühmt ist. Aber selbst die äußerst unterhaltsamen Tiere können unsere Stimmung kaum bessern – wir sehnen uns nach Sonne.Schließlich erreichen wir Nemuro an der Ostküste. Hier findet zu unserer großen Freude gerade das in ganz Japan berühmte Krebs-Festival statt. Die »Kani«, wie die Japaner diese fast unheimlich anmutenden Kreaturen nennen, sind ebenso schmackhaft wie teuer – tatsächlich sind in Spezialitätengeschäften Preise von bis zu 200 Euro für ein Exemplar keine Seltenheit. Umso mehr dieses Festival mit seinen deutlich günstigeren Preisen eine äußerst willkommene Abwechslung für unseren Speiseplan. Selten habe ich eine leckerere Meeresspezialität gegessen.Bevor wir am Mnächsten Morgen aufbrechen, erhasche ich noch einen kurzen Blick auf die Wetterkarte im Fernsehen. Regen, Regen, Regen! Nur in der bergigen Zentralregion der Insel lacht ein Sonnensymbol. Kurzerhand ändern wir unsere geplante Route und wir verlassen die Küste in Richtung Inland – und haben Glück: Schon nach einer Stunde Fahrt lichten sich die Wolken, und die Sonne strahlt uns wieder ins Gesicht. Überglücklich streifen wir die Regenkleidung ab und kramen die Sonnenbrillen hervor. Im Akan-Nationalpark angelangt, entspannen wir unsere müden Knochen in einer der zahlreichen heißen Quellen am Ufer des Kussharo-Sees mit Blick eine Handvoll Berge. Wunderbar!Tags darauf brechen wir zur schmalen Shiretoko-Halbinsel auf. Und entdecken einige traumhafte Strecken entlang der Küste. Mal Asphalt, dann wieder Schotter. Die kleine Honda CB 400 schlägt sich wacker, obwohl sie unter der Last von zwei Personen mitsamt Gepäck ächzt und stöhnt. Doch der Weg lohnt sich. Über eine schier endlose Serpentinenstraße gelangen wir zu mehreren kristallklaren Bergseen, die in ganz Japan berühmt sind. Etwas später passieren wir den Pass, der über den Iô-Zan-Berg führt. Von der Passhöhe erblicken wir sogar die benachbarte Kurilen-Insel Kunashir. Die Strecke ist ein absoluter Traum für Motorradfahrer!Doch allmählich geht uns die Zeit aus, und wir peilen notgedrungen wieder den Hafen von Otaru an. Auf dem Rückweg passieren wie den großen Taisetsu-san-Nationalpark, der in der Inselmitte gelegen ist. Die Landschaft wird zunehmend gebirgiger, und wir fahren durch ausgedehnte Waldgebiete. Immer wieder fallen uns Schilder auf, die vor Bären warnen, die diesen Teil Hokkaidos unsicher machen. Ein Schild ist sogar in Englisch verfasst: »Warning! This area is infested by bear!« Was wörtlich übersetzt heißt «Vorsicht! Dieses Gebiet ist von Bär verseucht!” Aber zum Glück liest sich der japanische Text des Schildes etwas weniger dramatisch. Leider bleibt der Bär eine der wenigen Tierarten von Hokkaido, das wir nicht zu Gesicht bekommen. Neben zahlreichen Rehen und Füchsen haben wir in den letzten Tagen seltene Kraniche, Robben, einen Fuchs und eine Art Waschbär beobachten können. Naja, vielleicht auch besser so....Die letzte Nacht verbringen wir in der Nähe von Sapporo, der Hauptstadt der Insel. Am Abend unternehmen Yujin und ich noch einen Abstecher ins Zentrum der Großstadt. Was für eine andere Welt. Lichter, Lärm und Verkehr anstelle der Ruhe und Einsamkeit in den Wäldern, an den Seen und an der Küste. Aber gerade diese Mischung macht Hokkaido so interessant. Mit einem leckeren Sushi beenden wir zumindest symbolisch diesen Ausflug. Die letzten Kilometer nach Otaru spulen wir unter einer strahlenden Morgensonne ab. Nach dem Auslaufen der Fähre sitzen wir noch lange an Deck und warten, bis Hokkaido endgültig am Horizont verschwunden ist.

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