Kärnten Für glückliche Kühe

Wer will, der kann in Kärnten atemlose Motorradtouren erleben. Wer mehr will, der hält immer wieder an und fragt, womit die Kärntner eigentlich eine so unverschämt schöne Heimat verdient haben.

Den Unterwalcher Adolf schaudert’s noch heute: »Mit einem kleinen Ritzel auf der Puch ging«s ja gut, rauf zu unserem Hof, aber die dicke BMW von meinem Freund – bei dem Ding ist auf dem steilen Weg immer’s Vorderrad gestiegen. Einfach zu viel Leistung.« Wer je zu Fuß den direkten Weg von Obermillstatt zum Unterwalcher-Hof genommen hat, der wünscht sich nur eins: mehr Leistung, viel mehr Leistung.Womit bereits die Spezifika des Kärntner Landlebens umrissen wären: Ein trainierter, starker Körper hilft am Berg oft mehr als eine PS-protzende Maschine. Und beide, Mensch wie Maschine, müssen sich dem Bergleben anpassen. Bevor der Unterwalcher-Bauer seine steilen Wiesen befährt, montiert er hinten auf dem mittelgroßen, zähen Schlepper Zwillingsreifen. Damit er die empfindliche Grasnabe nicht zerstört. Und was Ausflüge in die Umgebung angeht, da mag er heute nicht mehr abraten von einer Zweizylinder-BMW. »Wir haben ja jetzt am Hang hoch die Straße, am Bach entlang muss keiner mehr fahren.«Damit wäre denn auch die rasante Entwicklung des Landes Kärnten innerhalb eines knappen Menschenlebens skizziert. Jahrhundertelang lebten die Leute zwischen Hohen Tauern und Karnischen Alpen nämlich von extrem harter Arbeit, bewirtschafteten mit Noriker-Kaltblütern (mittelgroß und zäh) ihre schmalen Felder und die blühenden, aber - im Vergleich zur norddeutschen Tiefebene - eher kargen Weiden, trieben sommers das rötlich-braune Fleckvieh (mittelgroß und zäh) auf die Almen und verbrachten die langen Winter mit Holzschlagen und Angst vor Lawinen. Dann entdeckte der Tourismus die Region. Zaghaft zunächst, als österreichische Städter die Ufer von Millstätter und Ossiacher und Wörthersee mit verträumten Jugendstil-Villen säumten. Dann mit voller Breitseite und zum ökonomischen Wohl aller.Wer einmal in Kärnten war, der muss diese Entwicklung als zwangsläufig bezeichnen, denn zwischen hochalpinem Drama und fast mediterranem Ufer-Gedöse findet sich hier alles, nach dem die erholungsuchende Seele dürstet. Vor allem Aussicht, und als Sehhilfe macht sich eine alte BMW wirklich nicht schlecht. Auf der Halbhöhenstraße zwischen Gmünd und Treffling etwa, dann hoch über dem Nordufer des Millstätter Sees erstickt die gewaltige Schwungmasse des Boxers jede Drehzahlorgie bereits im Keim, bewahren die miesen Bremsen vor der Versuchung, jubelnd talwärts zu rauschen. Stattdessen zieht die Karre wie ein Fleckvieh-Ochs, blubbert im Dritten oder Vierten zufrieden über wiegend-wogende Höhen und nimmt jeden Halt gelassen hin. Sanfter Tourismus also. Ganz leise knistern die abkühlenden Endtöpfe der Gummikuh, während ihre Besatzung, im Rücken die Wiesenbuckel des Nockgebirges, auf einer Holzbank lümmelt, über den See blinzelt und . ganz in der Ferne, an der Villacher Alpe vorbei . die schneebedeckten Gipfel der Karawanken ausmacht. Schon völlig weich gespült von mildem Auf und Ab, von Geranien-gezierten Bauernhöfen und erbaulichem Wechsel zwischen Wäldern und Wiesen, fällt der Beschluss leicht, diese Ferne fern bleiben zu lassen. Lieber runter ins Tal der Drau, wieder hoch Richtung Weißensee, Ausschau halten nach einer Wiese mit Aussicht.Klappt fast immer, und klappt am besten, wenn die Motorradklamotten in den Packtaschen verschwinden und der Rucksack geschultert wird. Durchs Maltatal ist die BMW geschwungen. Den fahrerischen Höhepunkt markiert eine Spitzkehre mitten im Tunnel, aber die Sinne, die leisten Schwerstarbeit: Dreitausender grüßen von links und rechts, Bäche spielen Wasserfall, das frisch auf Stecken getürmte Heu duftet. Oben, am höchsten Stausee Kärntens, kriegt der Boxer schon langsam Atemnot, vermittelt einen Vorgeschmack darauf, was den Wanderer erwartet, der bis zur Osnabrücker Hütte will. Aber die Hütte ist bewirtschaftet . und ein Kaiserschmarrn im Angesicht eines veritablen Gletschers entschädigt für die Kraxelei. Auf dem Rückmarsch noch mal helles Entzücken über punktierten und deutschen Enzian, Alpenrose und Arnika, halbkugelige Teufelskralle oder bittere Schafgarbe - all die bunten Wegbegleiter, an denen selbst ein gemütliches Motorrad noch viel zu schnell vorbeizieht.Die Mautstraße quer durch den Nationalpark Nockgebirge verlangt eine Doppelstrategie: Natürlich gibt«s auch zwischen den rund 2500 Meter hohen Gipfeln von Großer Rosennock und Königstuhl alle paar hundert Meter einen Anlass zum Halten und Staunen. Aber zuerst will die Straße selbst bestaunt werden, auf ihrem gewundenen Weg aus dem Gurktal durch dunkle Wälder hoch in die klare Weite der Almen. Vorbei am Karlbad, das in seinem rustikalen Ensemble nicht nur eine Quelle, sondern gleich noch ein bäuerliches Heilbad beherbergt. Immer weiter, an Aussichts- und Einsichtspunkten vorbei, immer nur diesen 34-Kilometer-Rausch genießen. Dann, kurz vor der Mautstelle bei Innerkrenz, noch einmal umdrehen. Wieder hoch zur Eisentalhöhe und aus 2042 Meter Höhe rundum genüsslich betrachten, wie hübsch kugelig der Murgletscher hier während der letzten Eiszeit die Gipfel geschliffen hat.Endlich einbiegen in den Abzweig am Leobenbach. Der Schotterweg versinkt wieder im Nadelwald, erhebt sich nur zögernd auf niederes Almniveau. In der Jausenstation gibt«s Speck und Brot und sonst nicht viel, aber hier ist jeder gut bedient, und niemand verlangt nach mehr. Ein Africa Twin-Fahrer kommt von der anderen Seite des Tals . verwegen angestaubt. Kurz zuckt Abenteuerlust durch die Gashand, aber irgendwie wirkt die BMW angenehm ermattet, wie sie da neben dem Kälberstall parkt, und deshalb geht’s einfach zurück.Der nächste Tag beginnt mit einem Kaffee am Seeufer. Träge dümpeln die kleinen Ausflugsdampfer heran, die Tageszeituung raschelt leise im Wind. Auf ihre Art, Zeitungen und Kaffee zu bereiten, dürfen sich die Österreicher durchaus was einbilden. Nur die Wettervorhersage, die stimmt weder vom Ober noch aus dem Tagblatt. Der prognostizierte strahlend schöne Tag entpuppt sich schon bei der Anfahrt auf die Schwaigerhütte als wechselhaft. Tieffliegende Nebel wabern durch den Wald, verfangen sich in dick bemoosten Lärchenzweigen und legen sich glitschig auf die Straße. »Is halt a Alm«, kommentiert der Hüttenwirt die meteorologische Überraschung. So, als könne ihn derlei nicht mehr überraschen. »Wenn’s nur nicht wieder regnet«, fügt er an. »Dann wär’ im Tal die Heuernte wohl endgültig verloren, und wir müssten Vieh verkaufen.« Das harte Leben der Bergbauern, da ist es wieder, und der Tourist steigt ganz bescheiden auf seine Gummikuh, dankt den Münchner Ingenieuren, dass die von Benzin lebt, und weiß endgültig, warum die Kärntner eine so schöne Heimat haben. Weil sie sie verdienen.

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