Kärntener Seen Endstation Seensucht

Wer die Tauern überwunden hat und dahinter nach Kärnten hinabrauscht, erlebt fast so etwas wie die Ankunft in Italien. Zwischen Millstätter und Wörther See herrscht sonniges Wohlfühlen.

Zwei Lachmöwen ziehen gemächlich vorüber, spiegeln sich in der glatten Seeoberfläche. Ab und zu laufen konzentrische Kreise über das ruhige Wasser, wenn der Haubentaucher von seinem Beutezug zum Luftholen auftaucht. Sommerstimmung an der Promenade in Reifnitz am Wörthersee. Der Himmel wolkenlos, die Luft am Morgen noch kühl und wunderbar klar. Yucca-Palmen spiegeln sich im Wasser, zaubern mediterrane Gefühle herbei. Dass sie den Winter im Treibhaus überstehen müssen, interessiert momentan niemanden, denn jetzt herrscht hier Sommer. Bald werden Kids mit Taucherbrillen und Flossen ins Wasser stürmen, Cabrios mit Eros-Ramazzotti-Beschallung die Promande unterhalten und wohlbetuchte Damen im Strandcafé vor mehrstöckigen Tortenstücken mit Schlagobers Platz nehmen - die Kärntener Seen sind touristisch ein Sahneschnittchen. Müde, aber erfüllt holen auch Gerhard und ich hier Atem von der Anreise über den Alpenhauptkamm. Von Rutschpartien über glitschiges Kopfsteinpflaster und von eisigem Wind auf dem wolkenverhangenen Großglockner und Sichtweiten unter 50 Meter. Dagegen ist Kärnten mit molligen 28 Grad, strahlender Sonne und Wassertemperaturen auf Mittelmeerniveau wirklich schon fast Adria. Es gilt als klimabegünstigste Region Österreichs und muss sich in Sachen südlichen Lebensgefühls nicht hinter Lago Maggiore oder Comer See verstecken. Südliches Lebensgefühl! Auch die wunderschönen Kurvensträßchen samt ihrem griffigen Belag passen perfekt dazu, wie wir auf dem Weg zum kleinen Bruder des Wörthersees, dem südlicher gelegenen Keutschacher See, gleich merken. Aber den Plan, die ganze Seenfamilie abzuklappern, stecken wir gleic: 1250 Gewässer offeriert Kärnten - das sind schon fast finnische Verhältnisse und es fällt entsprechend schwer, den Überblick zu behalten. Deswegen fahren wir von Keutschach erst mal hoch zum Pyramidenkogel. Einer Nadel gleich ragt dort ein Aussichtsturm in den Himmel und bietet einen Blick, den sonst wohl nur Engel genießen. Tief unten liegt – in beinahe karibischem Blau - die Pötschacher Bucht, zur Rechten scheint Klagenfurt über dem Wörthersee zu schweben wie Venedig über der Lagune.Der echte Süden ist ja nun auch nicht mehr weit. Nur noch die Karawanken liegen als letzter großer Gebirgsriegel dazwischen, den der Loiblpass auf 1367 Meter Höhe durchsticht. Danach treppen die Alpen in Slowenien schon zur Adria und dem Golf von Triest ab. Klingt verlockend. Es muss ja nicht gleich bis Ljubljana gehen, nur eine kleine Karawanken-Runde bis Kranj. Und schnell noch der Abstecher nach Skofja Loka mit seinen schönen Plätzen und den 400 Jahre alten Bürgerhäusern. Bereits wenige Stunden später regisitreiren wir bei einem Cappuccino, dass Slowenien mehr italienisches und österreichisches Lebensgefühls bietet als slawisches. Auch recht. Doch die Zeit für kaffeeseelige Betrachtungen ist knapp - der Rückweg über die zackigen Kalkspitzen der Karawanken steht noch bevor. Diesmal über den Seeberg-Sattel, den noch extremer gewundenen Nachbar des Loibl. In Eisenkappel beschließen wir, noch ein abgelegenes Karawankental mitzunehmen. Nur so, zwecks dem Fahrspaß. Dazu zweigt man einfach links in Richtung Ebriach nach Trögern ab, um schließlich in einer sehenswerten Sackgasse wieder vor dem gerade überwundenen Karawanken-Hauptkamm zu stehen. Aber das ist jetzt wieder die Sache mit dem Weg, der als Ziel gilt.Zurück im Kärntener Herzland, stehen wir in Sankt Kanzian gleich wieder am Wasser. Und zwar vor dem Klopeiner See, einer der weinger bekannten Varianten. Übrigens der wärmste Seein ganz Österreich, was Wasserratten unbedingt im Roadbook notieren sollten. Und blitzsauer wie alle übrigen ist er obendrein. Trinkwasserqualtität, na klar.Als ob es in ihrem Ländchen nicht schon genug Wasserflächen gäbe, haben sich die Südösterreicher auch noch eine ganze Kette davon künstlich geschaffen. Zwischen Villach und Völkermarkt ist die Drau zu einer 70 Kilometer langen Seen-Serie aufgestaut. Die lässt sich wunderbar mit dem Motorrad auf kleinen Sträßchen kennenlernen. Aber vorher muss noch ein Abstecher in die Landeshauptstadt Klagenfurt sein. Das Venedig Kärntens, wie die Stadt so dezent übertrieben heißt. Hat sogar einen Canale Grande, den Lendkanal, der sie mit dem Wörthersee verbindet. Erst, wenn die alte Steinerne Brücke über den Lendkanal mit der Seufzerbrücke verglichen werden soll, stößt der Vergleich an seine Grenzen. Doch südliches Flair verbreitet die Stadt allemal, und die palmengesäumte Fußgängerzone oder einer der vielen kleinen Innenhöfe kann auch an einem verregneten Sommertag manchen wohligen Seufzer auslösen.Seufzen müssen wir außerdem wegen der Entscheidung, wie die Reise nun weitergehen soll. Wieder nach Süden, um der Seenkette entlang der Drau zu folgen? Oder nach Norden zum kleinen, feinen Längsee mit Besuch der imposanten Burg Hochosterwitz? Dann am Ossiacher See entlang nach Villach? Eine andere Alternative wäre das Nordufer des Wörthersees mit seinen imposanten Villen. Im Casino in Velden vielleicht eine Runde Roulette einlegen und dem Seeschloss aus der Fernsehserie »Ein Schloss am Wörthersee« einen Besuch abstatten? Oder gleich weiter Richtung Nordwesten zum Millstätter See? Aber der liegt wie ein langgestreckter Finger in der Landschaft und zeigt schon verdammt deutlich Richtung Heimat. Der Ober in dem kleinen Café in Klagenfurt dreht das Radio lauter, im Wetterbericht ist von Regen und Graupel über den Tauern zu hören. Okay, die Entscheidung steht, wir werden uns nach einem der gemütlichen Hotels in der Stadt umsehen und am Abend weiter überlegen, wo wir morgen noch mal genießen können. Diesen wunderbar leichten kärntener Sommer.

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