Kalabrien Vergesst Rimini!

Und vergesst die Toskana gleich dazu. Denn nirgendwo in Italien swingen Motorräder so wie im bittersüßen Süden.

Bedrohlich rot blitzt die Polizeikelle im weichen süditalienischen Licht auf. Stimmt, wir haben gerade die durchgezogene weiße Linie beim Überholen »übersehen«. Und leider auch die Carabinieri weiter vorn am Straßenrand.Die haben aber kein Problem mit der Linie, sondern mit unseren Helmen. Denn hier in Kalabrien fährt man offensichtlich generell oben ohne Motorrad. Mit Helm, so erklären uns die Ordnungshüter freundlich, träten im rauen Süden Italiens meist nur die Killer der örtlichen Mafia namens »n’drangheta« in Erscheinung. Giuseppe, mein Motorradkumpel aus Mailand, wirft mir einen bedeutungsschwangeren Blick zu: Ich hab dir ja gleich gesagt, dass die Uhren hier anders gehen, soll das heißen. Du wolltest es nur nicht glauben. Stimmt. Immerhin lebe ich seit fast sechs Jahren in Norditalien, habe mich an die dortigen Vorurteile gegen die Süditaliener gewöhnt und es nicht so recht ernst genommen, wenn Giuseppe und andere Freunde mir erzählten, dass der Süden eigentlich weniger Europa, sondern eher schon Afrika sei. Ein paar Unterschiede scheint es aber tatsächlich zu geben. Die Carabinieri lassen uns sicherheitsbewusste Nordlichter schließlich behelmt weiterfahren, raten uns aber, die Helme nach dem Anhalten immer gleich abzusetzen, um mögliche Missverständnisse zu vermeiden.Der Ratschlag ereilt uns kurz vor Tropea, auf halbem Weg von der Nordgrenze Kalabriens in den allertiefsten Süden. Wir kommen nur langsam voran, denn immer wieder locken uns Ausblicke auf kilometerlange Sandstrände und ein Meer, das mit dem Mittelmeer Norditaliens nichts gemein hat. Wer jemals Rimini gesehen hat, erkennt den ungemeinen Geschäftssinn der Norditaliener: Aus einem Sumpfgebiet und einem Meer, das eher an schmuddeliges Badewasser erinnert, machten sie den größten Vergnügungspark Europas. Hier in Kalabrien dagegen schillert das Wasser von Tiefblau bis Smaragdgrün, kein Mensch, so weit das Auge reicht. Nur das sanfte Plätschern der Wellen und der salzige Geschmack des Meeres betören die Sinne.Auf der anderen Seite der Küstenstraße dagegen ziehen uns die steil aufragenden Berge magisch an. Echte Berge, auf denen im Winter meterhoch Schnee liegt, nicht liebliche Hügelchen wie etwa in der Toskana. Egal, wer gerade vorn fährt, Giuseppe auf der Ducati ST 4 oder ich auf der Cagiva Gran Canyon 900, immer wieder verführt uns ein Wegweiser zu einem Abstecher ins nächste Kaff, das dann meist gleich in 500 Metern Höhe liegt – eine Sache von maximal 30 Kilometern. Dass da eine Kurve die nächste jagt, versteht sich von selbst. Dazu ein griffiger Asphalt, der italienische Rennstrecken wie Monza oder Imola richtig alt aussehen lässt. Die Straßen gehören uns meist ganz allein, wir folgen unserem eigenen Rhythmus und swingen von einer Kurve in die nächste. Aber schließlich sind wir ja zum Motorradfahren hier, oder?Reggio Calabria lassen wir links liegen. Großstadtverkehr – nein danke. Noch dazu könnten wir Giuseppes ST 4 mit der sündteuren Fotoausrüstung sowieso nirgendwo stehen lassen. Also weiter ins gespenstisch ruhige Pentedattilo nahe der Südküste Kalabriens. Der griechische Name bedeutet »fünf Finger«, und der verlassene Ort findet sich in der Tat am Fuß eines Felsens, dessen Form an eine Hand erinnert. Pentedattilo wurde bei dem großen Erdbeben im Jahr 1908 fast ganz zerstört; heute bemüht sich ein buntes Völkchen aus aller Welt um den Wiederaufbau. Giuseppe und die etwas unbeweglichere Duc müssen draußen warten, während die Gran Canyon und ich die Holper- und Stolperstrecken durch die Ruinen erkunden.Der nächste Tag soll uns in den Aspromonte führen, zu deutsch herber, unwegsamer Berg. Jetzt melden sich beim Mailänder Giuseppe doch wieder Bedenken. Schließlich ist der Aspromonte, der südlichste Gebirgszug des italienischen Festlandes, im Norden Italiens hauptsächlich als Versteck von Entführungsopfern der n’drangehta berüchtigt. Zum Glück treffen wir in Siderno auf Sergio, seines Zeichens kalabresischer Ducati 916-Treiber, der als Ortskundiger Giuseppes Bedenken niederredet und uns gleich die besten Strecken schildert. Abends führt er uns noch zum Essen aus. »Die Helme könnt ihr im Hotel lassen, es ist nicht weit, und wir fahren auch ganz langsam.« Von wegen. 20 Kilometer weit donnern wir mit Tempo 150 über die finsteren Landstraßen, die Augen tränen und der kalte Abendwind bläst uns ordentlich durch. Andere Länder, andere Sitten.Die betreffen auch den Umgang mit Frauen. Sergio und seine Motorrad-Kumpel aus Südkalabrien können mit mir absolut nichts anfangen. Frauen und Motorräder verbinden sie maximal mit einem Bikini-Girl in der Boxengasse. Ihre Frauen respektive Verlobten sitzen an diesem Abend brav zu Hause, hüten die Kinder oder kümmern sich um den Haushalt. Was weibliche Wesen nach Meinung der Süditaliener eben so zu tun haben.Leicht genervt und dankbar für meinen emanzipierten Norditaliener Giuseppe ziehe ich los Richtung Aspromonte. In Gerace herrscht noch touristisches Highlife. Ganze Schulen besuchen den kleinen Ort mit seinen über 80 Kirchen und Klöstern, deren Türme das Ortsbild übermächtig beherrschen. Rechtzeitig vor dem Mittagläuten, das ohrenbetäubend zu werden verspricht, machen wir uns wieder vom Acker. Und dringen tiefer in die herbe Berglandschaft des Aspromonte ein. Auf über 1000 Meter Höhe führt uns die Straße, weiterhin mit bestem Asphalt. Europa sei dank, denn die EU stellte in den letzten Jahren die Mittel zur Erschließung Kalabriens. Die Ducati und die Cagiva lassen sich von dem hervorragenden Grip zu einem wahren Kurvenrausch anspornen. Flugs geht es über die schroffen Hänge und durch tiefe, felsige Schluchten, nur vereinzelte Weiler und Kuh- und Schafherden säumen unseren Weg. Dass man in dieser menschenleeren, bittersüßen Wildnis Entführungsopfer jahrelang verstecken kann, leuchtet ein.Wir überstehen das Abenteuer Aspromonte unentführt und brechen auf gen Norden. Stilo rühmt sich einer byzantinischen Kirche aus dem zehnten Jahrhundert, und mit ihren fünf zylinderförmigen Türmchen gefällt sie auch Motorradfahrern – auch wenn ein Fünfzylinder denn doch eher ungewöhnlich ist. Wir passieren La Certosa, die Klause des Klosters Serra San Bruno, die nur Männer besuchen dürfen. Immerhin verraten uns die Macho-Mönche, dass hier in völliger Abgeschiedenheit einer der US-Bomberpiloten, die die Atombombe auf Hiroshima warfen, seine Tage beschließt.Langsam nähern wir uns der Sila, dem zweiten großen Gebirgszug in Kalabrien. Auch hier dominieren Schafe und Kühe, doch im Vergleich zum Aspromonte wirkt die niedrigere Sila viel lieblicher. Blühende Wiesen, fruchtbare Felder und langgezogene Seen mit tiefdunklem Wasser bestimmen die Landschaft, auch wenn man sich fragt, wer denn die Felder eigentlich aberntet. Denn Menschen sehen wir kaum, Autos noch viel weniger. Die trefflichen Straßen gehören wieder einmal uns ganz allein.Schließlich kehren wir bei Paola auf die Küstenstraße zurück. Auf dem Weg zum Felsstrand von Cirella und zum feinen schwarzen Vulkansand der Küste bei Praia a Mare gönnen wir uns noch einen Abstecher hinauf nach Guardia Piemontese. Sieben Kilometer weit folgen wir einem Highway-ähnlichen, steilen Viadukt bis zu dem befestigten Ort, in dem Angehörige der Waldenser-Sekte aus dem Piemont im Mittelalter Zuflucht vor der Inquisition fanden. Doch dann ein Schild am Ortseingang: keine Zufahrt für Motorräder. Aber, so beruhigen uns ein paar Einheimische, das Verbot gelte nur in der Hochsaison im Juli und August, wir dürften gern zum Ortszentrum hinauffahren. Hinter den Stadtmauern klärt sich der Grund für das Verbot: Die steilen Sträßchen reichen kaum für eine Bike-Breite, und die ST 4 und die Gran Canyon machen in den engen Gassen einen solchen Krach, dass wir beschämt die Motoren abstellen, sobald es wieder bergab geht. Dennoch, Strafe muss offenbar sein. Eine Durchfahrt erweist sich als so eng, dass die ausladenden Koffer der Ducati zwischen einer Hauswand und einer Treppe hängen bleiben. Nur geduldiges, schweißtreibendes Manövrieren befreit die ST 4 aus der Zwangslage.Für den Rückweg zur Küste wählen wir nicht den Highway, sondern die alte, verlassene Gemeindestraße mit ihren zahlreichen Kurven und Kehren. Wieder stellen wir die Motoren ab und gleiten in völliger Stille dem Meer entgegen. Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont zu, ein rotgoldener Schimmer liegt über den Kiefern, die allmählich Orangen-, Zitronen- und Mandelbäumen mit ihrem süßen Duft weichen. Süditalienische Machos und ellenlange Anreise hin oder her, es bleibt dabei: Wer einmal hier Motorrad gefahren ist, möchte es immer wieder tun. So viel Küste, so viel Gebirge, so viele Kurven und so viel Rhythmus bietet die Toskana nicht. Und Rimini? Vergesst’s.

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