Kanarische Inseln Wüste Überraschung

Heerscharen von Touristen überschwemmen jedes Jahr Fuerteventura und Lanzarote - auf der Suche nach Sonne, Strand und Meer. Bleibt nur eine Frage: Wie verbringen Endurofans ihre Zeit auf den Inseln?

Der rote Opel Corsa ist gestrandet. Hilflos wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, parkt er im Kies eines trockenen Flussbetts - und zwar unverrückbar. Zumindest ohne fremde Hilfe. Dabei wollten die Insassen, ein Paar aus Deutschland, »nur« die Westküste Fuerteventuras erforschen. Ein kühner Plan mit diesem Auto. Birgit und ich stellen die Enduros ab und helfen, den Corsa aus seiner misslichen Lage zu befreien. Für das Auto bleibt nur der Weg zurück, für uns fängt hier der Spaß erst an.Südlich von El Cotillo buckelt sich eine ausgefahrene Piste direkt an der Steilküste entlang. Die Flanken uralter Vulkane schwingen sich hinauf in den tiefblauen Himmel. Der steife Nordwind bläst den salzigen Atem des Meeres über hitzeflirrende Lavafelder. Zwischen den braunschwarzen Kratern hat das Wasser der seltenen Winterregen Flussläufe, die »barrancos«, in den kargen Boden erodiert, die die meiste Zeit des Jahres aber ausgetrocknet sind. Wir erreichen einen dieser Barrancos und haben nicht die leiseste Ahnung, wie´s weitergehen soll. Der Weg hört einfach auf, verliert sich im steilen Geröllhang. Aber wir erkennen auf der anderen Seite deutliche Spuren. Birgit versucht es zuerst. In den Rasten der Suzuki stehend, schlingert sie durch die losen Steine abwärts, unten ein scharfer Knick, noch eine deftige Stufe ins tiefsandige Flussbett, mit Vollgas durch und auf der anderen Seite fast trialartig über Felsplatten wieder nach oben balancieren. Endurofahren vom Allerfeinsten.Zwei Stunden später parken wir die Bikes vor einem winzigen Restaurant am Strand von Los Molinos. Es gibt frischen Tunfisch mit papas arrugadas, einheimische Runzelkartoffeln, dazu die höllisch scharfe Sauce mojo rojo. Eine gute Gelegenheit, bei der Bestellung die Spanischkenntnisse aus der Volkshochschule auszuprobieren. Ernüchterung dann aber, als uns der Kellner fragt: »Was darf´s denn sein?« Die Kanaren leben vom Tourismus, und so spricht fast jeder ein wenig Deutsch oder Englisch.Nach der Pause ist der weitere Pistenverlauf nur schwer zu finden. Schilder gibt es nicht, und die holprigen Wege werden schon lange nicht mehr unterhalten. Nach dem Motto »try and error« versuchen wir diverse Abzweigungen, bis wir endlich einer viel versprechenden Spur nach Süden folgen. Die Berge werden höher, die Barrancos tiefer, und die Piste wird härter. Ein ideales Terrain für die kleinen DR 350.Spät am Nachmittag entdecken wir das Wrack der »America«, ein Luxusliner, der in der Bucht von Garcey seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Vor fünf Jahren sollte der 220 Meter lange Ozeanriese zum Abwracken nach Thailand gezogen werden. Doch ein Orkan trennte das Schiff vom Schlepper, und von Wind und Strömung getrieben, gelangte es schließlich bis an diesen einsamen Strand. Irgendwann ist die »America« in zwei Teile zerbrochen. Den hinteren holte sich das Meer, aber die mächtige vordere Partie ragt noch immer aus dem Ozean. Und trotzt hartnäckig der gewaltigen Brandung.Es wird Zeit umzukehren. Die Bergstraße von Pajara nach Betancuria bietet noch einmal Fahrspaß allererster Güte. Kurven ohne Ende, griffiger Asphalt und kaum Verkehr. Dann schraubt sich das schwarze Teerband in die Berge. Die Wüste weicht schließlich einem fruchtbaren Hochtal. Windräder drehen sich unermüdlich, fördern Wasser, das in kleinen Kanälen zu den grünen Feldern plätschert. Dann, hinter der ehemaligen Hauptstadt Betancuria, schwingt sich die Straße zu unserem Quartier im Küstenort Corralejo zuerst noch über einen 600 Meter hohen Pass und führt über die weiten, braunen Geröllflächen im Zentrum der Insel. Wirkte die Landschaft im gleißenden Licht der Mittagssonne noch abweisend und öde, verzaubert die tief stehende Sonne jetzt alles zu einer fantastischen Komposition aus Licht und Schatten.Am nächsten Morgen gönnen wir uns noch einmal die Strecke zwischen Betancuria und Pajara. Jetzt allerdings in entgegengesetzter Richtung. Als Wachmacher sozusagen. Wir halten erst, als wir per Zufall hinter Pajara eine kleine Piste entdecken - oder besser: ein Schild mit der Aufschrift »gefährliche Wegstrecke«. Ein Blick zu Birgit, die eifrig nickt. Blinker rechts und los geht´s. Runde Bergkuppen in Rot, Braun und Ocker. Weit und breit kein Haus, kein Mensch, kein Auto. Nur der schmale Weg, der sich durchs Gelände windet, der in engen Serpentinen in eine tiefe Schlucht stürzt, um danach genauso spektakulär wieder an Höhe zu gewinnen. Immer wieder lenken uns fantastische Ausblicke über das Meer vom Fhren ab, dann gelangen wir zu den Dünen von El Jable, einem Naturschutzgebiet, das an die Sahara erinnert. Auch, weil die Strecke dorthin nur durch tiefen Sand führt.Zurück auf der Hauptstraße, erreichen wir schließlich die Halbinsel Jandia. Wie eine unüberwindliche Mauer ragen bis zu 800 Meter hohe Berge im Zentrum auf. An ihre Gipfel branden dunkle Passatwolken, während weiter im Süden unermüdlich die Sonne scheint. Kilometerlange Sandstrände verbreiten Südsee-Atmosphäre, Windsurfer flitzen über das grünblaue Meer, und an der Hauptstraße reihen sich vielstöckige Hotelmonster, Discos und Restaurants aneinander. Hier werden Urlaubsträume von Sonne, Strand und Meer wahr. Allerdings nicht unsere.Wir träumen weiterhin von einsamen Enduro-Pfaden, geben Gas und finden eine derbe Wellblechpiste, die sich westlich von Morro Jable in die Berge windet. Noch ein paar Serpentinen, und schon stehen wir auf einer Passhöhe. Die Aussicht haut uns fast vom Sattel. In weitem Bogen zieht sich der breite Playa de Cofete nach Nordosten. Gewaltige Wellen schieben sich auf den menschenleeren Strand. In der kargen Landschaft wachsen lediglich ein paar kaktusähnliche Cordones. Wir wenden die Enduros und peilen Kurs Nord an. Über herrliche Nebenstraßen dringen wir wieder ins Herz der Insel vor. Vermutlich könnte man hier tagelang ungestört umherstreifen. Doch die Fähre zur Nachbarinsel Lanzarote wartet schon.Obwohl die Inseln nur ein paar Kilometer auseinander liegen, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Grüne Täler mit Palmen, gut geteerte Straßen, die durch eine eindrucksvolle Vulkanlandschaft führen, und Dörfer mit schneeweißen Häusern, deren Fensterrahmen und Türen allesamt grün gestrichen sind - die Handschrift von Cesar Manrique, dem berühmtesten Künstler der Insel, der sich vehement für eine nahezu ausschließlich traditionelle Bauweise eingesetzt hat. Doch die strenge Uniformität und fast schon sterile Sauberkeit in den Orten lässt Lanzarote auf uns wie ein Freilichtmuseum wirken. So wild und herb Fuerteventura ist, so kultiviert erscheint Lanzarote. Abenteuerliche Wege und Pisten sucht man hier vergebens.Die Suche nach einem Zimmer ist fast genauso schwer. Dafür können wir endlich unser Spanisch anwenden. In den Dörfern abseits der touristisch orientierten Küstenorte scheint man mit Besuchern kaum zu rechnen: Nichts deutet auf Gästezimmer hin. Wir fragen in Bars und Läden, aber die Leute zucken nur mit den Schultern, bis uns in Yaiza eine junge Frau endlich helfen kann. Auf einem klapprigen Moped führt sie uns zum Marktplatz des Orts und verhandelt kurz mit einem Taxifahrer, der uns schließlich zu einem unscheinbaren Haus führt. Tatsächlich, ein kleines Appartment. Wir sind mehr als froh, ein Dach über den Kopf gefunden zu haben - Reisende, die auf eigene Faust unterwegs sind, haben es schwer auf Lanzarote.Früh am nächsten Morgen rauschen wir in den Nationalpark Timanfaya. Eine schwarze, unheimliche Urlandschaft. Hunderte von Kratern und zu bizarren Formen erstarrte Lavamassen, die sich vor 260 Jahren als rotglühender Fluss über diesen Teil der Insel ergossen und gleich mehrere Dörfer unter sich begraben haben. Heute schaukelt man auf Kameln durch die Vulkanasche. Oder man drückt sich an Busfenstern die Nase platt. Aussteigen streng verboten - die Tour verläuft kurz und schmerzlos. Keine Chance, um intensive und hautnahe Eindrücke zu sammeln. Ein flüchtiger Blick muss hier leider genügen.Etwas enttäuscht starten wir wieder die Enduros und suchen das Weite. Vorbei am Weinanbaugebiet La Geria mit Tausenden von schwarzen Minikratern, in denen die Reben gedeihen, steuern die Westküste an und landen in El Golfo, einem idyllischen Fischerort. Wir finden ein gemütliches Restaurant direkt am Meer, das frische Paella serviert. Dazu ein Glas Wein und als Zugabe ein kitschiger Sonnenuntergang. Wir ertappen uns dabei, wie wir erst nach Süden zu den einsamen Bergen von Fuerteventura und dann zu den Enduros blicken. Ob wir nicht einfach eine Woche verlängern? Bestimmt gibt es dort drüben noch eine Menge staubiger Pisten, die nur auf uns und die Suzukis warten.

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