Korea Anders als erwartet

Hand aufs Herz: Mal abgesehen von Hightech, Autos und Fußball-WM 2002 – hätten Sie gewusst, dass in Südkorea manches an die Alpen erinnert und sich dort geniale Motorradstrecken befinden?

Foto: Scholz
Tosender Verkehrslärm im Zentrum Namwons, laute Rufe der Obst- und Fischverkäufer am Straßenrand – in meiner Wahlheimat Korea, das gerne als »Land der Morgenstille« bezeichnet wird, ist Ruhe ein seltener Luxus. Doch durch all den Lärm erklingt plötzlich das vertraute Bollern eines Boxermotors. Zwischen den endlosen Reihen von Hyundai- und Daewoo-Autos entdecke ich eine voll bepackte BMW R 100 GS auf die Kreuzung zusteuern. Lars hat es tatsächlich bis nach Korea geschafft! Vier Monate war mein Freund unterwegs, von Freiburg quer durch Osteuropa und die Mongolei bis in die sibirische Hafenstadt Wladiwostok und von dort mit der Fähre nach Korea. Endlich Besuch aus Deutschland! Dazu mit dem Motorrad. Lars wird Augen machen, was dieses Land zu bieten hat.

Der Zeitpunkt für eine Reise durch Korea ist gut gewählt: Der Herbst zeigt diesen »Wurmfortsatz der Eurasischen Platte« noch einmal von seiner schönsten Seite. Die glühende Hitze und die unerträgliche Schwüle des Sommers sind milden Temperaturen gewichen, und goldgelb oder gar rot gefärbte Wälder überziehen die Berge. Die frisch eingefahrene Reisernte und knallrote Chilischoten werden direkt am Straßenrand getrocknet. Die Chilis verströmen einen feinen scharfen Geruch.

Schnurstracks peilen wir den nahen Chirisan-Berg im gleichnamigen Nationalpark an, der einige der schönsten Kurventrassen im Süden der Halbinsel parat hält. Lars zeigt sich sichtlich erfreut, nach den endlosen Geraden in Russland und der Mongolei hier endlich einmal wieder auf Gebirgsstrecken zu treffen – sichtlich gelöst scheucht er seine 15 Jahre alte Kuh durch die Berge, klebt förmlich am Hinterrad meiner BMW R 1100 S. Auf dem Rastplatz des 1200 Meter hohen Sam-Seong-Jae-Passes, der eine der höchsten befahrbaren Straßen in Korea krönt, gönnen wir uns eine erste kurze Pause, um die Aussicht zu genießen. Mein Besuch fühlt sich an seine Heimat rund um Freiburg erinnert. Allenfalls beim mediterranen Klima könne Deutschlands Süden nicht mithalten.

Eine kleine, gewundene Straße, die einem wild rauschenden Bergbach folgt, klettert direkt bis zum Hwaom-Tempel. Der intensive Duft von Räucherstäbchen erfüllt das weitläufige Areal, ein großer, herbstlich leuchtender Ahornbaum scheint mit den farbenfrohen Tempeldächern kon- kurrieren zu wollen. Mönche und Besucher schreiten andächtig durch die Hallen oder sind ins Gebet vertieft. Nur hier kann man dem Lärm und der Hektik koreanischer Städte entkommen.

Gegen Abend erreichen wir Gyeongju, die Kulturhauptstadt Koreas. Hier wurden vom siebten bis zum zehnten Jahrhundert die Geschicke des Reiches gelenkt und die Gräber zahlreicher Könige angelegt. Zudem ist sie die einzige größere Stadt Koreas, in der die traditionell gebauten Häuser mit ihren geschwungenen Ziegeldächern noch nicht hohen Apartmentkomplexen weichen mussten, die sonst jedes Stadtbild dominieren. Ein Gesetzt verbietet in Gyeongju Gebäude mit mehr als zwei Stockwerken. Schnell beziehen wir ein Hotel und stürmen hungrig ins Zentrum, das viele kleine Restaurants beherbergt. Direkt am Tisch gegrilltes Fleisch ist in Korea eine Spezialität, dazu wird Reis und Soju, ein Schnaps aus Süßkartoffeln, serviert. Der Rauch der vielen Grills, lautstarke Diskussionen an den Nebentischen – Essen ist in Korea keine stille, heimelige Angelegenheit.

Am nächsten Morgen herrscht leichte Katerstimmung. Offensichtlich Nebenwirkungen des Soju. Der strahlend blaue Himmel und die Sonnenstrahlen, die schon seit einer halben Stunde aufdringlich durchs Fenster brennen, lassen uns jedoch keine Wahl – so einen Tag darf man nicht verpennen. Wir schwingen uns auf die Bikes, rauschen auf einer einsamen Bergstraße durch die Ausläufer des Taebaek-Gebirges in Richtung Meer. Auf einmal liegt der Geruch von Salz und Fisch in der Luft, kurz darauf erblicken wir auch schon die türkis schimmernde See.

Dort angelangt, biegen wir nach Norden ab und folgen auf einer kleinen Strecke dem Lauf der Küste. Verkehr? Allenfalls ein paar Fischer. Alle anderen bevorzugen eine achtspurige Schnellstraße, die etwas weiter im Landesinneren gebaut wurde und auf der man bedeutend zügiger vorankommt. Lars und ich haben es dagegen überhaupt nicht eilig. Die zerklüftete Küste, die Aussicht auf die japanische See und der Anblick der vorgelagerten Inseln ist schlichtweg viel zu beeindruckend, um einfach daran vorbeizufahren.

Auf der kleinen Daebo-Halbinsel scheint die Zeit irgendwann im letzten Jahrhundert stehen geblieben zu sein. Frauen hängen in mühsamer Handarbeit Tintenfische auf unzählige, an Wäscheleinen erinnernde Gestelle auf. Drum herum einfache Hütten aus Holz. Lars und ich werden in unseren Monturen angestarrt, als kämen wir aus einer anderen Welt. In diese Region fernab der Metropolen Seoul und Busan verirrt sich kaum ein Tourist, und nichts ist davon zu spüren, dass Korea unter den wichtigsten Industrienationen bereits an 13. Stelle liegt. Erst nach einer Weile scheint unsere Anwesenheit niemanden mehr zu stören. Eine alte Frau mit sonnengegerbtem Gesicht lacht uns schließlich an. Wir würden sie an die amerikanischen Soldaten erinnern, die ihr als junges Mädchen während des Koreakriegs Schokolade und Bonbons geschenkt hätten. Dann drückt sie uns ein paar Shrimps in die Hand, als wären wir nun die Kids.

Am Nachmittag erreichen wir das kleine Fischerdorf Young-Dok, wo es die schmackhaftesten Krebse des Landes geben soll. Ein Zimmer ist schnell gefunden, kurz darauf sitzen Lars und ich in einem Restaurant direkt am Meer. Wir sind gespannt auf diese Delikatesse und suchen uns jeweils ein stattliches Exemplar aus. Die Wirtin gesellt sich nach einer Weile zu uns und überrascht mit dem Hinweis, dass die Tiere gar nicht aus Korea stammten, sondern heutzutage aus Russland importiert würden. Krebssaison in Korea sei im November. Nun gut. Das zarte Fleisch der monsterhaft erscheinenden Tiere ist dennoch ein Hochgenuss.

»Danpung« nennen Koreaner die prachtvolle Verfärbung der Laubbäume im Herbst. Ein Ort in Korea ist besonders berühmt für das Naturschauspiel: der Sorak-Berg im nördlichen Teil des Taebaek-Gebirges. Nach zwei Tagen entlang der Küste geht’s bei Gangneung abermals in diese Bergwelt. Der Übergang kommt unvermittelt – nach kaum eine halben Stunde Fahrt zeigt sich die Straße bereits von einem hohen Bergmassiv umschlossen. Und windet sich wie eine Achterbahn durch den Granit. Kurvenrausch, wohin man das Motorrad lenkt. An Serpentinen und Pässen, auf denen man sich schwindelig fahren kann, herrscht in dem zu gut zwei Dritteln aus Bergen bestehen Korea wahrlich kein Mangel. Leider spielt das Wetter nicht mit. Wie aus dem Nichts haben sich über unseren Helmen dunkle Wolken gebildet, wenige Minuten später regnet es.

Mit jedem weiteren Höhenmeter stochern wir durch immer dichteren Nebel. Maximal 20 Meter Sicht. Mehr als Schrittgeschwindigkeit ist auf dieser kurvigen und inzwischen recht rutschigen Trasse einfach nicht drin. Die bunten Wälder sind längst in der Suppe abgetaucht. Ärgerlich. So hatte ich mir den Höhepunkt der Tour nicht vorgestellt. Im kleinen Bergdorf Oseak, berühmt für mineralhaltigen Quellen, finden wir in einem Hotel Unterschlupf und suchen sofort eines der traditionellen Badehäuser auf, um unsere durchgefrorenen Körper wieder auf Temperatur zu bringen. Was für eine Wohltat, zwischen den verschieden temperierten Bädern und einer Kräutersauna hin und her zu wandern. Da kann es draußen ruhig wie aus Kübeln gießen.

Am nächsten Morgen plötzlich ein ganz anderes Bild: Statt Nebel und Regen strahlend blauer Himmel. Und zu aller Überraschung hat es geschneit. Prompt veranstalten ein paar Kinder vorm Hotel laut jauchzend die vermutlich erste Schneeballschlacht in diesem Herbst. Wir satteln die Maschinen, die sich nach bitterkalter Nacht ein wenig zieren, und brechen auf, die Straßen sind gottlob frei. Erst allmäh-lich gewinnt die Sonne an Kraft und lässt die verfärbten Wälder mit dem Blau des Himmels und den weißen Bergspitzen um die Wette strahlen. Unser letzter Tag sprengt jede Vorstellungskraft.

Über unzählige Serpentinen geht’s schließlich in tiefere Regionen, in denen zum Glück vergleichsweise sommerliche Temperaturen herrschen. Endlich rollen die beiden Boxer über trockenen, griffigen Asphalt. Meine R 1100 scheint nach mehr Gas zu verlangen, und auch Lars klebt schon wieder ungeduldig am Hinterrad. Also lassen wir die beiden BMW fliegen, schließlich ist es noch ein langer Weg zurück in den tiefen Süden.

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