Kroatien (2)

Foto: Eisenschink
Nach dem Frühstück geht’s im Sattel der BMW zur Küste. Ein Blick auf die Altstadt von Šibenik muss sein, schon wegen der Krka, die hier als breiter, fast fjordartiger Strom in die Adria mündet. Dann empfängt mich die Gartenküste Dalmatiens. Olivenhaine, Obst- und Weingärten, die in hügeliger Harmonie die Adria säumen. Bei Primošten schlängelt sich die Straße durch lichte Kiefernwäldchen, Buchten mit ankernden Segelbooten tauchen auf, Urlauber in quietschbunten Bermudas, Campingplätze, Ferienappartements.

Zwischenstopp im Café „Kaos” am Yachthafen von Trogir, wo hinter mittelalterlichen Gebäuden (zirka 12. Jahrhundert) und millionenschweren Yachten (zirka 1,2 Millionen Euro) im Osten das Biokovo-Massiv aufragt. Sonnenbebrillte Yachtbesitzer schlendern mit Highheels-bewehrten Blondinen entlang der Uferpromenade, Straßenkünstler jonglieren mit Kegeln, Straßenhändler mit Maiskolben über offenem Feuer.

Zwei Ecken weiter die Altstadt von Split, entstanden aus einem römischen Kaiserpalast und heute UNESCO-Weltkulturerbe. Sterile Museumsatmosphäre? Mitnichten. Nahezu jedes Gebäude, jede Säule, jeder Stein aus der Geschichte wird liebevoll in den Alltag integriert. Im antiken Innenhof von Diokletians Kaiserpalast drängen sich voll besetzte Straßencafés; die Spliter Jugend hockt Eis essend auf römischen Säulenkapitellen; entlang der Palastmauer türmen sich Früchte und Gemüse, in den Katakomben Kunsthandwerk. Wie zu Diokletians Zeiten tobt rund um die weitläufige Kaiserresidenz das pralle Leben.
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Foto: Eisenschink
Ich fahre weiter nach Südosten, immer entlang der Küstenstraße, die mit Recht zu den schönsten Strecken der Welt zählt. Hinter Omiš treten die sanften, pinienbestandenen Hügel zurück, und schroffe, weit über 1000 Meter hoch aufragende Felsmas-sive übernehmen das Regiment. In endlosen Schleifen fädelt sich die Straße an der Steilküste entlang. Zur Rechten die Inseln Bra`´c, Hvar, Pelješac und Kor`´cula, zur Linken die Biokovo-Berge mit dem 1762 Meter hohen Sveti Jure. In der Gipfelregion von Kroatiens dritthöchstem Berg befindet sich ein mit spektakulären Aussichtspunkten versehenes Naturschutzgebiet, das man nordöstlich von Makarska über ein kurviges Mautsträßchen anfahren kann. Es windet sich höher und höher, bis sich oberhalb von 1500 Metern eine Art Cockpit-Perspektive über Steilküste, Adria und eine mehr als tausendundein Eilande zählende Inselwelt bietet.

Die Dämmerung bricht an, als ich am Ortseingang von Makarska auf den schon bekannten Schilderwald stoße: „Sobe! Room! Zimmer! Camere! Apartment!“ Ein blonder Knirps lotst mich vor dem Motorrad herspurtend zu meinem neuen Nachtquartier. Die Hausherrin, Frau Rašic, begrüßt mich herzlich und führt mich – fließend Deutsch sprechend – zu einem Schlafzimmer, das – wie bei der Oma in Skradin – mit Familienfotos, Kleidung, Wäsche und persönlichen Dingen ausgestattet ist.

Den Willkommensdrink nehme ich im Kreis der Familie auf der Terrasse ein, erhasche von dort einen Blick auf einen mit Betten und Matratzen vollgestopften Kellerraum, in dem die gesamte Großfamilie zusammengepfercht schlafen muss, während ich im geräumigen Schlafzimmer residiere. „Zunächst der Krieg, dann die Nachkriegszeit...“, Frau Rašic ringt fast entschuldigend nach Worten, die Familie schlage sich halt so durch. Drei Kriegswaisen, Kinder von Freunden, habe sie dennoch bei sich aufgenommen. Sie zeigt auf Zeljko, 24 Jahre. Seine Eltern wurden getötet; er selbst geriet in serbische Gefangenschaft, als er 15 war. Und auf Mateo, 16 Jahre, sowie seinen Bruder Goran, 13. Die beiden haben noch sechs in alle Winde verstreute Geschwister, Vater und Mutter wurden erschossen. Von Serben? Nein, von bosnischen Moslems. Frau Rašic blickt zu Boden, die Augen füllen sich mit Tränen, dann lenkt sie das Thema auf den Wetterbericht für morgen: heiter, sonnig, an der Küste bis 29 Grad.

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