Kultbikes Ost

Einst blankem Pragmatismus entsprungen, genießen die 50er-Simson-Vögel heute geradezu Kultstatus. Und dank Massenfertigung sind sie noch häufig als Schnäppchen aufzutreiben.

Vierzig Jahre auf den schlechtesten
Straßen der Welt getestet« – der pfiffige Nachwendeslogan des ehemaligen VEB-Fahrzeug- und Jagdwaffenwerks Ernst Thälmann bringt es auf den Punkt: Im Gegensatz zu vielen anderen Produkten sozialistischer Herkunft
waren die kleinen Maschinen aus Suhl äußerst
haltbar und robust. Trotz begrenzter Mittel für Forschung und Entwicklung, oftmals schlampiger Zulieferer und einer rigiden planwirt-
schaftlichen Festlegung auf 50 cm3 (größere Zwei- räder waren MZ vorbehalten) schafften
es die Thüringer, ihren Fahrzeugen grundsolide Fahrwerks- und Motorentechnik einzupflanzen. Entsprechend präsentieren sich viele Schwal-
ben, Spatzen, Sperber und Habichte heute
noch als alltagstaugliche Hausgenossen. Nach der Wende rang die Firma mehrfach mit dem Konkurs, bis am 1. Februar 2003 die Zwangsversteigerung das endgültige Aus für die 1856 gegründete Traditionsfabrik einläutete.

Gefertigt wurde zu DDR-Zeiten strikt nach Baukastenprinzip. Basis war stets ein 50er-Zwei-
taktmotor, der seit den 50er Jahren mit den
SR-Modellen stetig optimiert wurde. In den Siebzigern errang er in den bis zu 4,6 PS starken Leitvögeln Sperber und Habicht sowie den
späteren S 50- und S 51-Kleinkrafträdern auch im Westen einigen Respekt. Variierend mit
Halbautomatik, Hand- oder Fußschaltung, drei oder vier Gängen sowie Gebläsekühlung, wurde die Motorbasis allen Modellen implantiert. Entwicklungsziel war nicht sportliche Hochleistung,
sondern Haltbarkeit. Heute ein großer Vorteil gegenüber den erbarmungslos ausgepressten West-Kleinkrafträdern, von denen nur wenige das Jahrhundert überlebt haben. Außerdem trennte man sich in der DDR nicht von etwas, worauf man Jahre gespart und gewartet hatte. Bei insgesamt über fünf Millionen produzierten Fahrzeugen ist die auffindbare Basis in den
neuen Bundesländern noch breit. Die erste
spontane Kultkrönung erfuhr die barocke Schwalbe, die nach der Wende die Herzen der Wessis im Fluge eroberte. Die aber seinerzeit streng genommen der Roller des Hauses und somit nur was für Mädels war... Echte Kerle fuhren Habicht oder Sperber.
Allerdings rissen diese durch ihr spröderes
VEB-Design nicht zu derart bedingungsloser
Leidenschaft hin. Eine gute Modellübersicht und
viel Hintergrundwissen bieten zwei Bücher aus
dem Schrader Verlag: Frank Rönicke, »Simson Mopeds, Mokicks, Roller«, 125 Seiten, 26 Euro, sowie aus der Reihe Schrader-Motor-Chronik »Schwalbe & Co, Simson Kleinkrafträder und Roller«, 12 Euro.

Etliche Händler haben sich inzwischen auf
die DDR-Fahrzeuge spezialisiert, die Ersatz-
teilversorgung ist umfassend und preiswert,
das Internet gefüllt mit privaten und profes-
sionellen Anbietern. Sehr interessant: www.schwalbennest.de. Zwei Tipps: Zweirad Schubert in Ellwangen, Telefon 07961/565155, oder Simson Strauch in Stuttgart, Telefon
0170/2048777.
Eine gute Simson ist bereits ab rund 300 Euro
zu kriegen und damit erheblich billiger als vergleichbare Westmodelle. Nach unten zeigt sich die Richterskala offen, und dank der Ersatzteillage sowie ausgezeichneter Werkstatthandbücher ist eine Restauration unproblematisch. Aber
unbedingt beim Kauf auf Standschäden an den nach der Wende oft achtlos abgestellten Maschinen achten. DDR-Öle und -Kraftstoffe waren
miserabel und können längerfristig für kapitale Flurschäden in einer brachliegenden Gemischfabrik sorgen. Erfahrungsaustausch bietet auch Habicht-Pilot Lutz Thiele selbst an: Kontakt
unter asia.ost@freenet.de. Und zum Schluss ein Reisetipp: Das Fahrzeugmuseum Suhl, Telefon 03681/705004, täglich außer montags geöffnet.
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